Wie fest sitzt die­ser Mann im Sat­tel?

Kir­che Seit 2012 ist Ger­hard Lud­wig Mül­ler Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Er soll die theo­lo­gi­schen Leit­li­ni­en des Paps­tes mit­ge­stal­ten. Ei­gent­lich. Un­ter Fran­zis­kus aber zählt der deut­sche Kar­di­nal nicht viel. Kein Wun­der al­so, dass im Va­ti­kan eif­rig

Friedberger Allgemeine - - Die Dritte Seite - VON JU­LI­US MÜL­LER-MEININGEN

Rom Es könn­te ei­ner sei­ner letz­ten gro­ßen Auf­trit­te im Va­ti­kan ge­we­sen sein. Als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on prä­sen­tier­te Ger­hard Lud­wig Mül­ler im Ju­ni ein Schrei­ben über Rech­te und Pflich­ten der so­ge­nann­ten kirch­li­chen Ge­mein­schaf­ten. Mül­ler saß im vol­len Or­nat auf dem Po­di­um im va­ti­ka­ni­schen Pres­se­saal, aber er tat sich nicht wirk­lich leicht beim Vor­le­sen des vor­be­rei­te­ten ita­lie­ni­schen Tex­tes. Lo­cke­re Auf­trit­te vor gro­ßem Pu­bli­kum sind sei­ne Sa­che nicht. Der Vor­trag wirk­te steif und un­ge­lenk.

Ger­hard Lud­wig Mül­ler lä­chelt viel, ob­wohl vie­le Leu­te im Va­ti­kan be­haup­ten, dass dem obers­ten Glau­bens­hü­ter in der ka­tho­li­schen Kir­che kaum zum La­chen zu­mu­te ist. Im Ge­gen­teil, Men­schen, die täg­lich mit ihm zu tun ha­ben, be­haup­ten, Mül­ler ha­be es in Rom ge­ra­de aus­ge­spro­chen schwer. Der Grund ist die Kluft zwi­schen der Agen­da des Paps­tes und den Über­zeu­gun­gen ei­nes Man­nes, der die­ses Pro­gramm ei­gent­lich mit­ge­stal­ten soll­te. Denn Mül­ler wirkt un­ter Papst Fran­zis­kus wie ein Fremd­kör­per. Seit Mo­na­ten wird in­ten­siv über sei­ne Ab­lö­sung spe­ku­liert.

Dass der 68 Jah­re al­te Kar­di­nal aus Mainz-Fin­then und der 79-jäh­ri­ge Papst aus Bu­e­nos Ai­res nicht zu­sam­men­pas­sen, ist schon seit län­ge­rem of­fen­sicht­lich. Ei­ne Ab­be­ru­fung Mül­lers kurz nach Amts­an­tritt hät­te noch wie ein Af­front ge­gen Be­ne­dikt XVI. ge­wirkt. Die­ser hat­te den da­ma­li­gen Bi­schof von Re­gens­burg 2012, we­ni­ge Mo­na­te vor sei­nem Rück­tritt, zum Chef der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on be­ru­fen – qua­si als Ga­ran­ten für theo­lo­gi­sche Kon­ti­nui­tät.

Spä­tes­tens im April die­ses Jah­res wur­de aber auch Kri­ti­kern des Paps­tes be­wusst, dass ein Wech­sel über­fäl­lig sein könn­te. Da­mals wur- de das nach­syn­oda­le Schrei­ben „Amo­ris Lae­ti­tia“prä­sen­tiert, die Ant­wort des Paps­tes auf die Dis­kus­sio­nen bei den bei­den Bi­schofs­syn­oden von 2014 und 2015 zum The­ma Fa­mi­lie. Nicht et­wa Mül­ler, der qua Amt prä­des­ti­nier­te Mann für den Vor­trag, trug den In­halt des fol­gen­rei­chen Schrei­bens vor, son­dern der Wie­ner Kar­di­nal Chris­toph Schön­born. Der Ter­min vor der Welt­pres­se wirk­te wie ei­ne in­of­fi­zi­el­le Wach­ab­lö­sung.

An­ge­sichts des In­halts des Schrei­bens wä­re es un­denk­bar ge­we­sen, dass Mül­ler die Schlüs­se des Paps­tes der Öf­fent­lich­keit vor­trug. Fran­zis­kus po­si­tio­niert sich in „Amo­ris Lae­ti­tia“deut­lich im Hin­blick auf das um­strit­tens­te ka­tho­li­sche The­ma der letz­ten Jah­re, die Zu­las­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Ge­schie­de­ner zu den Sa­kra­men­ten. De fac­to lässt der Papst den Gläu­bi­gen künf­tig weit­ge­hend freie Hand. Mül­ler hin­ge­gen kämpf­te jah­re­lang auch in der Öf­fent­lich­keit für die bis­her gel­ten­de Re­ge­lung, dass Wie­der­ver­hei­ra­te­te nur bei se­xu­el­ler Ent­halt­sam­keit zur Kom­mu­ni­on zu­ge­las­sen sind. In sei­nen Au­gen und nach An­sicht vie­ler Tra­di­tio­na­lis­ten wä­re sonst das Ge­bot der Un­auf­lös­lich­keit der Ehe aus den An­geln ge­ho­ben.

Mit „Amo­ris Lae­ti­tia“wur­de end­gül­tig sicht­bar, dass Fran­zis­kus und sein Prä­fekt theo­lo­gisch auf ganz un­ter­schied­li­chen Wel­len­län- gen lie­gen. Die Stim­men im Va­ti­kan, dass demnächst Mül­lers Ab­lö­sung be­vor­ste­he, meh­ren sich seit­her.

Ir­gend­wie fol­ge­rich­tig, aber auch er­nied­ri­gend für Mül­ler mu­te­te es an, als Fran­zis­kus den Wie­ner Kar­di­nal Schön­born bei meh­re­ren Ge­le­gen­hei­ten für sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on von „Amo­ris Lae­ti­tia“lob­te. Schön­born hat­te im Na­men des Paps­tes über Lie­be und Fa­mi­lie ge­schwärmt und des­sen Aus­füh­run­gen mit theo­lo­gi­schen Ar­gu­men­ten un­ter­füt­tert. Als Fran­zis­kus an­schlie­ßend zu un­kla­ren For­mu­lie­run­gen be­fragt wur­de, ver­wies er mehr­mals lo­bend auf Schön­born und des­sen en­thu­si­as­ti­schen Vor­trag. Der Wie­ner Kar­di­nal, selbst Mit­glied der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und viel ge­prie­se­ner Mo­de­ra­tor der deut­schen Sprach­grup­pe bei der letz­ten Syn­ode, sei „ein gro­ßer Theo­lo­ge“, sag­te der Papst. Über Mül­ler hat Fran­zis­kus nie der­ar­ti­ges ge­äu­ßert.

Hört man sich im Va­ti­kan um, klingt es auch bei Papst-Kri­ti­kern so, als sei die Wach­ab­lö­sung Mül­lers zwar noch kei­ne Tat­sa­che, aber zu­min­dest ei­ne lo­gi­sche und wün­schens­wer­te Maß­nah­me. Wel­chen Sinn hat ein Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, der in der ent­schei­den­den theo­lo­gi­schen Fra­ge der Ge­gen­wart ei­ne an­de­re Mei­nung als der Papst ver­tritt?

Im Va­ti­kan ste­hen demnächst ver­schie­de­ne No­mi­nie­run­gen an. Un­ter an­de­rem wird ein Chef für die von Fran­zis­kus neu ge­schaf­fe­ne Va­ti­k­an­be­hör­de für Lai­en, Fa­mi­lie und Le­ben ge­sucht. Als aus­sichts­rei­cher Kan­di­dat gilt ei­ner der engs­ten Ver­trau­ten von Fran­zis­kus, Kar­di­nal Ós­car Ro­drí­guez Ma­ra­dia­ga aus Hon­du­ras, der bei der Papst­wahl im Kon­kla­ve 2013 ei­ne Schlüs­sel­rol­le hat­te und den der Papst als Ko­or­di­na­tor für sei­nen aus neun Kar­di­nä­len zu­sam­men­ge­setz­ten Re­form­rat aus­wähl­te. Mit Ma­ra­dia­ga be­gan­nen auch die Lei­den Mül­lers in Rom. We­ni­ge Mo­na­te nach Be­ginn des Pon­ti­fi­kats warf er dem Prä­fek­ten öf­fent­lich man­geln­de Fle­xi­bi­li­tät vor. Den Stem­pel des eng­stir­ni­gen und kalt­her­zi­gen, al­so gänz­lich un­barm­her­zi­gen Ge­set­zes­hü­ters wird Mül­ler seit­her nicht mehr los.

Mül­ler wur­de mehr­mals als Geg­ner oder gar Feind des Paps­tes be­zeich­net. Doch die­se Ka­te­go­ri­en tref­fen nicht den Kern, sie ver­letz­ten Mül­ler hin­ge­gen persönlich. Denn aus sei­ner Per­spek­ti­ve kämpft er im Na­men von Tra­di­ti­on und Wahr­heit ei­nen ge­rech­ten Kampf ge­gen die­je­ni­gen, die den aus sei­ner Sicht theo­lo­gisch un­be­darf­ten Papst in die fal­sche Rich­tung lot­sen. „Ich weiß tau­send­mal bes­ser, wer der Papst ist und was der Pri­mat be­deu­tet“, schimpf­te er in der hei­ßen Pha­se der zwei­ten Syn­ode über sei­ne Kri­ti­ker. Es wirk­te so, als ha­be die Rol­le des Bö­se­wichts im Schat­ten des Me­di­en-Lieb­lings Fran­zis­kus tie­fe Spu­ren hin­ter­las­sen.

Mül­ler be­kommt den Papst nicht zu grei­fen. Zwar be­geg­nen sich die bei­den Män­ner zu den Rou­ti­ne­be­spre­chun­gen. Die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on wur­de zu­letzt aber nicht mehr in die Aus­ar­bei­tung der wich­tigs­ten päpst­li­chen Schrif­ten ein­be­zo­gen. Die um­strit­te­nen Ge­set­ze zur Er­leich­te­rung der Ehe­nich­tig­keits­ver­fah­ren be­kam der Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on erst vor­ge­legt, als sie be­reits er­las­sen wa­ren. „Amo­ris Lae­ti­tia“wur­de der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on vor Ver­öf­fent­li­chung zwar vor­ge­legt, die sei­ten­wei­se vor­ge­schla­ge­nen Än­de­run­gen am Text aber igno­riert. So­gar ein­fluss­rei­che kon­ser­va­ti­ve Kom­men­ta­to­ren wie der Va­ti­kan-Jour­na­list San­dro Ma­gis­ter be­haup­ten des­halb schon län­ger, Mül­ler zäh­le un­ter Fran­zis­kus „nichts mehr“.

Auch Mül­ler hat sei­nen Teil zur Es­ka­la­ti­on bei­ge­tra­gen. Im März 2015 stell­te er in ei­nem In­ter­view mit der fran­zö­si­schen Zei­tung La

Croix fest, die Auf­ga­be sei­ner Be­hör­de sei es, ins­be­son­de­re ein pas­to­ral ge­präg­tes Pon­ti­fi­kat wie das ge­gen­wär­ti­ge „theo­lo­gisch zu struk­tu­rie­ren“. Es hör­te sich so an, als ha­be Fran­zis­kus theo­lo­gi­sche Nach­hil­fe nö­tig. Zum öf­fent­li­chen Schlag­ab­tausch setz­te nicht der Papst selbst, son­dern Víc­tor Ma­nu­el Fernán­dez an, Rek­tor der ka­tho­li­schen Uni­ver­si­tät von Bu­e­nos Ai­res und Mit­ver­fas­ser der wich­tigs­ten Schrif­ten von Fran­zis­kus. Der Ver­trau­ens­theo­lo­ge des Paps­tes warf dem Deut­schen vor, Fran­zis­kus wie ei­ne Ma­rio­net­te zu be­han­deln. Im Ge­gen­zug brand­mark­te Mül­ler öf­fent­li­che Ge­dan­ken­spie­le von Fernán­dez zur De­zen­tra­li­sie­rung der Ku­rie als „hä­re­tisch“, al­so von der Kir­chen­leh­re ab­wei­chend. Kon­struk­ti­ve Zu­sam­men­ar­beit sieht an­ders aus.

Zu gu­ter Letzt setz­te Mül­ler noch sei­ne Un­ter­schrift un­ter ei­nen omi­nö­sen Pro­test­brief von 13 kon­ser­va­ti­ven Kar­di­nä­len bei der ver­gan­ge­nen Syn­ode. Die Emi­nen­zen tru­gen dem Papst da­rin ih­re Sor­ge über ein

Er gilt als eng­stir­ni­ger, kalt­her­zi­ger Ge­set­zes­hü­ter Er klingt, als gä­be er dem Papst Nach­hil­fe in Theo­lo­gie

ab­ge­kar­te­tes Spiel im Hin­blick auf den Aus­gang der Be­ra­tun­gen vor. Der Brief konn­te auch als Miss­trau­ens­vo­tum ge­gen­über dem Papst aus­ge­legt wer­den. Prompt wies die­ser die Kri­ti­ker und de­ren „kon­spi­ra­ti­ve Her­me­neu­tik“ab.

Was bleibt ist die Fra­ge, was mit Mül­ler ge­sche­hen soll, wenn er ein­mal nicht mehr Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on sein soll­te. Ei­nes der Ge­dan­ken­spie­le im Va­ti­kan lau­tet, den 68-Jäh­ri­gen als Bis­tums­chef in sei­ne Hei­mat Mainz zu ver­set­zen. Dort ist nach dem al­ters­be­ding­ten Rück­tritt von Kar­di­nal Karl Leh­mann ei­ne Stel­le frei. Da­ge­gen spricht, dass das von Leh­mann ge­präg­te, li­be­ra­le Dom­ka­pi­tel von Mainz ein Mit­spra­che­recht bei der Neu­be­set­zung des Bi­schofs­stuhls hat.

An­de­re be­haup­ten, es blei­be al­les beim Al­ten. Mül­ler ver­harrt als wi­der­spens­ti­ger Qu­er­schlä­ger in der zur Be­deu­tungs­lo­sig­keit ver­damm­ten Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Die theo­lo­gi­schen Fä­den un­ter Fran­zis­kus wer­den wei­ter an­ders­wo ge­zo­gen, zum Bei­spiel in Bu­e­nos Ai­res oder in Wi­en. De­zen­tra­li­sie­rung steht schließ­lich ganz oben auf der Agen­da des Paps­tes.

Ar­chiv­fo­to: Ar­min Weigel, dpa

Hoch zu Ross: Ku­ri­en­kar­di­nal Ger­hard Lud­wig Mül­ler beim dies­jäh­ri­gen Kötztin­ger Pfings­tritt, ei­ner der äl­tes­ten Pro­zes­sio­nen in Bay­ern.

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