Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (20)

Friedberger Allgemeine - - Wetter | Roman -

Aber ge­ra­de dar­um han­delt es sich! Förm­lich um ein Op­fer! Siehst du, auch ich bin an zwei Fä­den ge­knüpft. An die­sen ei­nen, un­be­stimm­ten, der mich in Wi­der­spruch zu mei­ner kla­ren Über­zeu­gung an ei­ne mit­lei­di­ge Tat­lo­sig­keit bin­det, aber auch an ei­nen zwei­ten, der zu mei­ner See­le hin­läuft, zu in­ners­ten Er­kennt­nis­sen, und mich an den Kos­mos fes­selt. Sol­che Men­schen wie Ba­si­ni, sag­te ich dir schon frü­her, be­deu­ten nichts – ei­ne lee­re, zu­fäl­li­ge Form. Die wah­ren Men­schen sind nur die, wel­che in sich selbst ein­drin­gen kön­nen, kos­mi­sche Men­schen, wel­che im­stan­de sind, sich bis zu ih­rem Zu­sam­men­han­ge mit dem gro­ßen Welt­pro­zes­se zu ver­sen­ken. Die­se ver­rich­ten Wun­der mit ge­schlos­se­nen Au­gen, weil sie die ge­sam­te Kraft der Welt zu ge­brau­chen ver­ste­hen, die in ih­nen ge­ra­de so ist wie au­ßer ih­nen. Aber al­le Men­schen, die bis da­hin dem zwei­ten Fa­den folg­ten, muß­ten den ers­ten vor­her zer­rei­ßen. Ich ha­be von schau­er­li­chen Bu­ß­op­fern

er­leuch­te­ter Mön­che ge­le­sen, und die Mit­tel der in­di­schen Hei­li­gen sind ja auch dir nicht ganz un­be­kannt. Al­le grau­sa­men Din­ge, die da­bei ge­sche­hen, ha­ben nur den Zweck, die elen­den nach au­ßen ge­rich­te­ten Be­gier­den ab­zu­tö­ten, wel­che, ob sie nun Ei­tel­keit oder Hun­ger, Freu­de oder Mit­leid sei­en, nur von dem Feu­er ab­zie­hen, das je­der in sich zu er­we­cken ver­mag.

Reit­ing kennt nur das Au­ßen, ich fol­ge dem zwei­ten Fa­den. Jetzt hat er in den Au­gen al­ler ei­nen Vor­sprung, denn mein Weg ist lang­sa­mer und un­si­che­rer. Aber mit ei­nem Schla­ge kann ich ihn wie ei­nen Wurm über­ho­len. Siehst du, man be­haup­tet, die Welt be­stün­de aus me­cha­ni­schen Ge­set­zen, an de­nen sich nicht rüt­teln las­se. Das ist ganz falsch, das steht nur in den Schul­bü­chern!

Die Au­ßen­welt ist wohl hart­nä­ckig, und ih­re so­ge­nann­ten Ge­set­ze las­sen sich bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de nicht be­ein­flus­sen, aber es hat doch Men­schen ge­ge­ben, de­nen das ge­lang. Das steht in hei­li­gen, viel­ge­prüf­ten Bü­chern, von de­nen die meis­ten nur nichts wis­sen. Von dort­her weiß ich, daß es Men­schen ge­ge­ben hat, die St­ei­ne und Luft und Was­ser durch ei­ne blo­ße Re­gung ih­res Wil­lens be­we­gen konn­ten und vor de­rem Ge­be­te kei­ne Kraft der Er­de fest ge­nug war. Aber auch das sind erst die äu­ßer­li­chen Tri­um­phe des Geis­tes. Denn wem es ganz ge­lingt, sei­ne See­le zu schau­en, für den löst sich sein kör­per­li­ches Le­ben, das nur ein zu­fäl­li­ges ist; es steht in den Bü­chern, daß sol­che di­rekt in ein hö­he­res Reich der See­len ein­gin­gen.“

Bein­eberg sprach völ­lig ernst­haft, mit ver­hal­te­ner Er­re­gung. Tör­leß hielt noch im­mer fast un­un­ter­bro­chen die Au­gen ge­schlos­sen; er fühl­te Bein­ebergs Atem zu sich her­über­drin­gen und sog ihn wie ein be­klem­men­des Be­täu­bungs­mit­tel ein. In­des­sen be­en­de­te Bein­eberg sei­ne Re­de:

,,Du kannst al­so se­hen, wor­um es sich mir han­delt. Was mir ein­re­det, Ba­si­ni lau­fen zu las­sen, ist von nie­de­rer, äu­ßer­li­cher Her­kunft. Du magst dem fol­gen. Für mich ist es ein Vor­ur­teil, von dem ich los muß wie von al­lem, das von dem We­ge zu mei­nem In­ners­ten ab­lenkt. Ge­ra­de daß es mir schwer fällt, Ba­si­ni zu quä­len, ich mei­ne, ihn zu de­mü­ti­gen, her­ab­zu­drü­cken, von mir zu ent­fer­nen, ist gut. Es er­for­dert ein Op­fer. Es wird rei­ni­gend wir­ken. Ich bin mir schul­dig, täg­lich an ihm zu ler­nen, daß das blo­ße Mensch­sein gar nichts be­deu­tet, – ei­ne blo­ße äf­fen­de, äu­ßer­li­che Ähn­lich­keit.“

Tör­leß ver­stand nicht al­les. Er hat­te nur wie­der die Vor­stel­lung, daß sich ei­ne un­sicht­ba­re Sch­lin­ge plötz­lich zu ei­nem greif­ba­ren, töd­li­chen Kno­ten zu­sam­men­ge­zo­gen ha­be. Bein­ebergs letz­te Wor­te klan­gen in ihm nach: ,,Ei­ne blo­ße äu­ßer­li­che, äf­fen­de Ähn­lich­keit“, wie­der­hol­te er sich. Das schien auch auf sein Ver­hält­nis zu Ba­si­ni zu pas­sen. Be­stand nicht der son­der­ba­re Reiz, den die­ser auf ihn aus­üb­te, in sol­chen Ge­sich­ten? Ein­fach da­rin, daß er sich nicht in ihn hin­ein­den­ken konn­te, und ihn da­her stets wie in un­be­stimm­ten Bil­dern emp­fand? War nicht, als er sich vor­hin Ba­si­ni vor­ge­stellt hat­te, hin­ter des­sen Ge­sich­te ein zwei­tes, ver­schwim­men­des ge­stan­den? Von ei­ner greif­ba­ren Ähn­lich­keit, die sich doch an nichts an­knüp­fen ließ?

So kam es, daß Tör­leß, an­statt daß er über die ganz son­der­ba­ren Ab­sich­ten Bein­ebergs nach­ge­dacht hät­te, von den neu­en, un­ge­wöhn­li­chen Ein­drü­cken halb be­täubt, ver­such­te, über sich selbst klar zu wer­den. Er er­in­ner­te sich an den Nach­mit­tag, be­vor er von Ba­si­nis Ver­ge­hen er­fah­ren hat­te. Da wa­ren die­se Ge­sich­te ei­gent­lich auch schon da­ge­we­sen. Es hat­te sich im­mer et­was ge­fun­den, wo­mit sei­ne Ge­dan­ken nicht fer­tig wer­den konn­ten. Et­was, das so ein­fach und so fremd er­schien. Er hat­te Bil­der ge­se­hen, die doch kei­ne Bil­der wa­ren. Vor je­nen Hüt­ten, ja selbst als er mit Bein­eberg in der Kon­di­to­rei saß.

Es wa­ren Ähn­lich­kei­ten und un­über­brück­ba­re Un­ähn­lich­kei­ten zugleich. Und die­ses Spiel, die­se ge­hei­me, ganz per­sön­li­che Per­spek­ti­ve hat­te ihn er­regt.

Und nun riß ein Mensch dies an sich. All das war nun in ei­nem Men­schen ver­kör­pert, wirk­lich ge­wor­den. Da­durch ging die gan­ze Son­der­bar­keit auf die­sen Men­schen über. Da­durch rück­te sie aus der Phan­ta­sie ins Le­ben und wur­de be­droh­lich.

Die Auf­re­gun­gen hat­ten Tör­leß er­mü­det, sei­ne Ge­dan­ken ket­te­ten sich nur mehr lo­se an­ein­an­der.

Ihm blieb nur die Er­in­ne­rung, daß er die­sen Ba­si­ni nicht los­las­sen dür­fe, daß die­ser be­stimmt sei, auch für ihn ei­ne wich­ti­ge und be­reits un­klar er­kann­te Rol­le zu spie­len.

Da­zwi­schen schüt­tel­te er ver­wun­dert den Kopf, wenn er an Bein­ebergs Wor­te dach­te. Auch der? Er kann doch nicht das­sel­be su­chen, wie ich, und doch fand ge­ra­de er die rich­ti­ge Be­zeich­nung da­für.

Tör­leß träum­te mehr als er dach­te. Er war nicht mehr im­stan­de, sein psy­cho­lo­gi­sches Pro­blem von Bein­ebergs Phan­tas­te­rei­en zu un­ter­schei­den. Er hat­te schließ­lich nur das ei­ne Ge­fühl, daß sich die rie­si­ge Sch­lin­ge im­mer fes­ter um al­les zu­sam­men­zie­he.

Das Ge­spräch fand kei­ne Fort­set­zung. Sie lösch­ten das Licht aus und schli­chen vor­sich­tig in ih­ren Schlaf­saal zu­rück.

Die nächs­ten Ta­ge brach­ten kei­ne Ent­schei­dung. Es gab in der Schu­le viel zu tun, Reit­ing wich vor­sich­tig je­dem Al­lein­sein aus und auch Bein­eberg ging ei­ner er­neu­ten Aus­spra­che aus dem We­ge.

So ge­schah es, daß sich wäh­rend die­ser Ta­ge, wie ein in sei­nem Lauf ge­hemm­ter Strom, das Ge­sche­he­ne tie­fer in Tör­leß ein­grub und sei­nen Ge­dan­ken ei­ne un­wi­der­ruf­li­che Rich­tung gab.

Mit der Ab­sicht, Ba­si­ni zu ent­fer­nen, war es da­durch end­gül­tig vor­über.

Tör­leß fühl­te sich jetzt zum ers­ten Ma­le voll auf sich selbst kon­zen­triert und ver­moch­te an gar nichts an­de­res mehr zu den­ken. Auch Boe­na war ihm gleich­gül­tig ge­wor­den; was er ge­le­gent­lich ih­rer emp­fun­den hat­te, wur­de ihm zu ei­ner phan­tas­ti­schen Er­in­ne­rung, an de­ren Stel­le nun der Ernst ge­tre­ten war.

»21. Fort­set­zung folgt

Drei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

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