Wo ver­ges­se­ne Ar­ten wach­sen dür­fen

Die Naßls aus Eden­ried ha­ben ei­ge­ne Streu­obst­wie­sen mit über 300 Bäu­men und 50 re­gio­na­len Ap­fel­sor­ten. Wie sie da­zu ge­kom­men sind und wie viel Ar­beit da­hin­ter­steckt

Friedberger Allgemeine - - Fa Extra - VON GI­DE­ON ÖTINGER

Aichach-Eden­ried Kon­rad Naßl hält ein Klemm­brett in den Hän­den, wäh­rend er durch sei­nen Gar­ten im Aich­a­cher Stadt­teil Eden­ried läuft. Ei­ne Kat­ze folgt dem 50-Jäh­ri­gen auf Schritt und Tritt. Im­mer wie­der streicht sie ihm um die Bei­ne, so­dass er auf­pas­sen muss, nicht zu stol­pern. Die bei­den lau­fen vor­bei an En­ten, Hüh­nern und ei­nem klei­nen Beet mit dün­nen Bäum­chen. Sie sind kaum mehr als auf­recht ste­hen­de Äs­te. Schließ­lich blei­ben sie vor ei­nem Ap­fel­baum ste­hen, der schon grö­ßer ist. Er steht seit Jahr­zehn­ten im Gar­ten der Naßls.

Kon­rad Naßl und sei­ne Frau Bri­git­te ha­ben ein be­son­de­res Hob­by: Sie ha­ben ei­ge­ne Streu­obst­wie­sen und kon­zen­trie­ren sich auf re­gio­na­le Sor­ten. Et­wa 50 Ap­fel-, 20 Bir­nen-, sechs Zwetsch­gen- und zwei Quit­ten­sor­ten bau­en sie an. Da­zu noch Wal­nüs­se. Die an­de­ren Zah­len kön­nen sich eben­so se­hen las­sen: Auf drei Wie­sen, ins­ge­samt um die 3,3 Hekt­ar groß, wach­sen et­wa 330 Bäu­me. „So genau wis­sen wir das aber nicht“, sagt Kon­rad Naßl und lacht. Für ihr En­ga­ge­ment wur­de die Fa­mi­lie vor zwei Mo­na­ten mit dem Um­welt­preis 2015 des Land­krei­ses aus­ge­zeich­net (wir be­rich­te­ten).

Für den Baum­nach­wuchs ha­ben die Naßls selbst ge­sorgt. Beim Ra­deln durch den Land­kreis ha­ben sie die Au­gen nach be­son­de­ren Sor­ten of­fen­ge­hal­ten. „Wenn wir ei­ne ge­fun­den ha­ben, ha­ben wir die Be­sit­zer der Bäu­me ge­fragt, ob wir ein paar Rei­ser ha­ben kön­nen“, er­klärt Kon­rad Naßl. Rei­ser sind Zwei­ge, die auf ei­ne Un­ter­la­ge „ge­pfropft“wer­den. Die­se Un­ter­la­gen sind Pflan­zen, die die Ba­sis ei­nes neu­en Bau­mes bil­den. Naßl kauft sie im Han­del. Sie ein­zu­pflan­zen wür­de nichts brin­gen: „Sie bil­den zwar auch Früch­te, die sind aber meis­tens nicht sehr ge­nieß­bar“, sagt er. Des­halb müs­sen sie mit dem Rei­ser ver­bun­den wer­den. Der Fach­mann spricht da­bei von „Ve­re­de­lung“. Wenn al­les gut läuft, wach­sen sie an und ge­dei­hen zu ei­nem neu­en Obst­baum. Auf­ge­zo­gen wer­den sie zu­erst in dem klei­nen Beet.

Auch der Baum, vor dem Naßl und sei­ne Kat­ze ste­hen, ist so ent­stan­den. Nur ist das schon lan­ge her. Es han­delt sich um ei­nen Bretta­cher. Laut den Naßls schmeckt er „frisch­säu­er­lich“. Der Ap­fel kommt aus der Ge­mein­de Lan­gen­brettach im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Land­kreis Heil­bronn. Re­gio­nal­ty­pisch ist er nicht. Wie er ins Wit­tels­ba­cher Land kam? Naßl hat ei­ne Theo­rie.

Der Zim­mer­mann-Hof der Naßls be­fin­det sich im Nor­den Eden­rieds. Schon seit et­wa 200 Jah­ren ist er in Fa­mi­li­en­be­sitz. Un­weit des Hofs steht die Pfarr­kir­che St. Veit. Da im 19. Jahr­hun­dert vie­le süd­deut­sche Pfar­rer die Kir­che be­such­ten, ver­mu­tet Naßl, dass ei­ner von ih­nen den Bretta­cher Ap­fel im­por­tiert ha­ben muss. Die Ve­re­de­lung von Obst­bäu­men war ein be­lieb­ter Zeit­ver­treib von Geist­li­chen. Be­son­ders be­ein­druckt hat Naßl die Ge­schich­te des „Ap­fel­pfar­rers“Kor­bi­ni­an Ai­g­ner aus Frei­sing. Der wur­de wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au de­por­tiert, wo er ei­nen ei­ge­nen Ap­fel züch­te­te. Ei­nen Rei­ser der Sor­te mit dem Na­men KZ3 ha­ben die Naßls von Nach­fah­ren Ai­g­ners be­kom­men. Nun wächst er als „Kor­bi­ni­ans­ap­fel“auf den Eden­rie­der Wie­sen.

Von ih­ren 50 Ap­fel­sor­ten kön­nen die Naßls aber nur um die zehn ab­ern­ten. Die an­de­ren müs­sen noch wach­sen. Von den 330 Bäu­men sind erst et­wa 25 weit ge­nug, um Früch­te zu tra­gen. So lan­ge gibt es die Wie­sen noch nicht.

Vor et­wa zehn Jah­ren ha­ben die Naßls in ih­rem Gar­ten an­ge­fan­gen, Obst­bäu­me zu pflan­zen. Los ging es mit ei­nem Zwetsch­gen­wäld­chen, das aus zehn Bäu­men be­stand und von Kon­rad Naßl oh­ne wei­te­re Hin­ter­ge­dan­ken ge­pflanzt wur­de. „Am An­fang lief das ziem­lich plan­los“, sagt sei­ne Frau. „Ir­gend­wann wur­de der Gar­ten im­mer klei­ner, weil er im­mer vol­ler wur­de.“Wel­che Sor­ten über­haupt in ih­rem Gar­ten stan­den, da­von hat­ten sie zu­nächst gar kei­ne Ah­nung. Sie be­auf­trag­ten Po­mo­lo­gen, Obst-Ex­per­ten, die für sie die Ar­ten be­stimm­ten. „Als ich jung war, ha­be ich mich gar nicht für die Obst­sor­ten auf un­se­rem Hof in­ter­es­siert“, sagt Kon­rad Naßl. Aber nach­dem die ers­ten Rei­ser ver­edelt wa­ren und das ers­te Obst ge­ern­tet wer­den konn­te, war er in­fi­ziert.

2011 folg­te ei­ne zwei­te Obst­wie­se im Nord­os­ten Eden­rieds. Die Flä­che war schon da­vor in Fa­mi­li­en­be­sitz. Als Kon­rad Naßl mit dem Au­to dort­hin fährt, sieht er ei­ne Frau, die auf sei­ner Wie­se Kräu­ter pflückt. Die Flä­che zwi­schen den Bäu­men hat er mit hei­mi­schen Kräu­tern be­pflanzt. Er steigt aus, be­grüßt die Frau freund­lich und un­ter­hält sich mit ihr. „Das mag ich, wenn den Leu­ten mei­ne Wie­se ge­fällt“, sagt er. He­cken oder Zäu­ne um sei­ne Wie­sen zie­hen: für ihn un­denk­bar. Die Kräu­ter und Bäu­me lo­cken auch Tie­re an: Wühl­mäu­se und Vö­gel et­wa. Die Mäu­se sind Naßl ein Dorn im Au­ge, sie fres­sen die Wur­zeln an. Des­halb hüllt er die Wur­zeln in ei­nen Draht­korb, wenn er Bäu­me pflanzt. Für die Vö­gel stellt er Sitz­stan­gen auf. So be­kämpft er Mäu­se auf na­tür­li­che Wei­se.

Na­tür­lich­keit ist den Naßls wich­tig. Dar­um sind sie auch bio-zer­ti­fi­ziert. Min­des­tens ein Mal pro Jahr wird kon­trol­liert, ob sie die Vor­ga­ben er­fül­len und ih­ren Bio­sta­tus be­hal­ten dür­fen. Das klingt, als wür­den sie die Obst­zucht pro­fes­sio­nell be­trei­ben, dem ist aber nicht so. Für sie ist es in ers­ter Li­nie ein Hob­by, auch wenn sie die Früch­te in ih­rem ei­ge­nen La­den ver­kau­fen. „Ab­hän­gig sind wir da­von aber nicht“, sagt Kon­rad Naßl. Er ist Le­bens­mit­tel­che­mi­ker bei ei­nem Mol­ke­rei­un­ter­neh­men. Sei­ne Frau ar­bei­tet die hal­be Wo­che als tech­ni­sche An­ge­stell­te, frei­tags hilft sie ei­nem be­freun­de­ten Bau­ern beim Ver­kauf auf dem Lai­mer Wo­chen­markt in Mün­chen. „Die­se Ge­gen­sätz­lich­keit möch­te ich nicht mis­sen“, sagt sie.

Zu­rück im Au­to. Auf dem Weg zu Wie­se Num­mer Drei. Die liegt im Wes­ten des Aich­a­cher Stadt­teils. Erst im Herbst ver­gan­ge­nen Jah­res hat die Fa­mi­lie hier Bäu­me ge­pflanzt. Da­für war ei­ni­ge Hil­fe nö­tig: Ih­re drei Kin­der muss­ten mit an­packen, genau­so wie die El­tern von Kon­rad Naßl. „Oh­ne de­ren Hil­fe wä­re das nicht mög­lich ge­we­sen“, sagt sei­ne Frau. Wie auf­wen­dig es ist, die Wie­sen zu pfle­gen, be­wer­ten bei­de un­ter­schied­lich: „Das ist schon ei­ne ziem­li­che Ar­beit“, meint Bri­git­te Naßl. „Ach, so schlimm ist es doch gar nicht“, ant­wor­tet ihr Mann. Nur die Ern­te, die sei an­stren­gend. An­sons­ten muss er nur re­gel­mä­ßig die Bäu­me kon­trol­lie­ren und zu­recht­schnei­den. Ab und zu, je nach Wetter, gießt er sie. Um zu se­hen, was er tun muss, hat er das Klemm­brett, auf dem die Bäu­me mit Num­mern und wil­den No­ti­zen ver­merkt sind. „Die ver­ste­he aber nur ich“, sagt er. War­um er so ei­nen Auf­wand be­treibt? „Für die Ar­ten­viel­falt hier ist es ei­ne tol­le Be­rei­che­rung“, sagt er. „Au­ßer­dem er­det es. Drau­ßen zu sein und in der Na­tur zu ar­bei­ten ist ein schö­ner Aus­gleich. Bes­ser als Golf zu spie­len. Das wä­re gar nicht meins.“

Vor et­wa zehn Jah­ren ha­ben die Naßls in ih­rem Gar­ten an­ge­fan­gen, Obst­bäu­me zu pflan­zen.

Das ist die zwei­te Streu­obst­wie­se der Fa­mi­lie Naßl in Eden­ried. 2011 wur­de sie an­ge­legt (oben). Ist die Ve­re­de­lung ei­nes Rei­sers ge­glückt, wächst der Baum her­an und kann auf ei­ne der Wie­sen ge­pflanzt wer­den. Der Baum auf dem Fo­to (rechts un­ten) ist et­wa ein Jahr alt. Kon­rad Naßl vor dem La­den der Fa­mi­lie. Öff­nungs­zei­ten gibt es nicht. Die Leu­te kön­nen kom­men, wann es ih­nen ge­fällt (rechts oben).

Vor­be­rei­te­te Bäum­chen für die Streu­obst­wie­se der Fa­mi­lie Naßl (links). Bri­git­te Naßl deckt die neu ge­sä­te Kräu­ter­wie­se zum Schutz mit Heu ab (rechts).

Bir­nen der Fa­mi­lie Naßl aus Eden­ried. Die Sor­te: Ju­les Guyot (links). Ja­kob Fi­scher, ei­ne Ap­fel­sor­te der Fa­mi­lie (rechts). Das sind die Rei­ser zum Ver­edeln. Auf den wei­ßen Schil­dern ste­hen die Sor­ten. Ja­kob für den Ja­kobs­ap­fel und Bretta­cher (Mit­te).

Fo­tos: G. Ötinger, K. Naßl

So sieht es aus, wenn ein Rei­ser auf­ge­pfropft wird.

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