Miss­han­del­te Zu­häl­ter ei­ne Pro­sti­tu­ier­te?

Jus­tiz Die bei­den hat­ten sich vor Jah­ren über das In­ter­net ken­nen­ge­lernt und ver­liebt. Jetzt er­hebt die 38-jäh­ri­ge Frau schlim­me Vor­wür­fe ge­gen den Mann. Al­ler­dings zwei­felt das Ge­richt an ih­rer Aus­sa­ge

Friedberger Allgemeine - - Augsburg - VON PE­TER RICH­TER

Im Rot­licht­mi­lieu ist die Spra­che ein­deu­tig, sie ist vul­gär. Als frisch ver­ei­dig­te Schöf­fin, die zum ers­ten Mal auf der Rich­ter­bank sitzt, muss man schon ei­ni­ges er­tra­gen kön­nen. So in ei­nem Pro­zess, der seit die­ser Wo­che vor der 3. Straf­kam­mer des Land­ge­richts läuft. Als der Vor­sit­zen­de Rich­ter die Aus­sa­ge des Op­fers, ei­ner Pro­sti­tu­ier­ten, zu­sam­men­fasst und von ei­nem „Dop­pel­de­cker“spricht, ist je­der­mann im Ge­richts­saal klar, hier ist kein Fahr­zeug ge­meint, son­dern Sex­prak­ti­ken.

Der An­ge­klag­te, ein gut aus­se­hen­der jun­ger Mann, soll mit ei­nem Freund die Frau in ei­nem Münch­ner Ho­tel ver­ge­wal­tigt ha­ben. „Ich woll­te das nicht, aber ich ha­be Angst ge­habt“, sagt die Zeu­gin. Der 28-Jäh­ri­ge ist of­fen­bar auch ihr Zu­häl­ter ge­we­sen. Der An­ge­klag­te, von den An­wäl­ten Wal­ter Ru­bach und Ul­rich Swoboda ver­tei­digt, schweigt zu die­sen wie zu an­de­ren Vor­wür­fen. Sein gu­tes Recht.

Und so ist das Ge­richt we­sent­lich auf Schil­de­run­gen des Op­fers an­ge­wie­sen. Doch der Pro­zess wird be­las­tet durch ei­nen Um­stand, auf den Rich­ter Ro­land Chris­tia­ni die 38 Jah­re al­te Zeu­gin gleich zu Be­ginn der Ver­hand­lung hin­weist. Sie hat schon ein­mal Po­li­zei und Jus­tiz an­ge­lo­gen, ist des­we­gen auch ver­ur­teilt. Im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Er­pres­sungs­ge­schich­te. Die Ru­mä- nin hat­te vor Jah­ren in Mün­chen ein Bor­dell ge­lei­tet. Ein Frei­er war dort heim­lich beim Sex ge­filmt und an­schlie­ßend mit den be­las­ten­den Auf­nah­men erpresst wor­den.

Den An­ge­klag­ten hat die sehr zier­li­che Frau 2015 in Augs­burg bei der Po­li­zei an­ge­zeigt. Über meh­re­re St­un­den schil­dert die Zeu­gin, wie der An­ge­klag­te sie mit bru­ta­ler Ge­walt im­mer wie­der ge­zwun­gen ha­be, für ihn an­schaf­fen zu ge­hen, ihr Ta­ges­ein­nah­men zwi­schen 500 und 800 Eu­ro ab­nahm. Ein­mal, so schil­dert sie, ha­be der An­ge­klag­te ih­re Hand in den Tür­rah­men ge­presst und dann die Tür fest zu­ge­drückt. Wie zum Be­weis streckt sie den Rich­tern de­mons­tra­tiv ih­re lin­ke Hand ent­ge­gen. Bei dem Vor­fall wur­den ihr Fin­ger­kup­pen ab­ge­quetscht. „Ich ha­be die blu­ten­den Fin­ger in mein Kleid ge­packt und mich ins Kli­ni­kum fah­ren las­sen.“Die Staats­an­walt­schaft hat schwe­ren Men­schen­han­del an­ge­klagt. Im Fall ei­ner Ver­ur­tei­lung droht dem An­ge­klag­ten ei­ne ho­he Haft­stra­fe.

Ken­nen­ge­lernt hat sich das Paar 2010 über das In­ter­ne­tnetz­werk Face­book. Sie ist zu dem Zeit­punkt Be­trei­be­rin und Haus­da­me ei­nes Münch­ner Bor­dells. In mo­na­te­lan­gen Chats ver­liebt sich die Ru­mä­nin in ih­ren Lands­mann. Sie zahlt ihm ein Flug­ti­cket, mie­tet ihn in ein Münch­ner Ho­tel ein. Ein Jahr spä­ter zieht das Paar nach Augs­burg in den Stadt­teil Ober­hau­sen um. Die 38-Jäh­ri­ge ar­bei­tet in­zwi­schen auf Drän­gen ih­res Freun­des selbst als Pro­sti­tu­ier­te.

Er be­haup­tet, ho­he Schul­den zu ha­ben. Gläu­bi­ger in Ru­mä­ni­en wür­den ihn un­ter Druck set­zen. Doch schon nach we­ni­gen Mo­na­ten will die 38-Jäh­ri­ge kei­ne Frei­er mehr emp­fan­gen, for­dert ih­ren Freund auf, selbst sein Geld zu ver­die­nen. Da wird sie nach ei­ge­nen An­ga­ben zum ers­ten Mal von ihm ver­prü­gelt, ein­ge­schüch­tert macht sie wei­ter.

Der Pro­zess wird heu­te fort­ge­setzt.

Mit Ge­walt zum An­schaf­fen ge­zwun­gen

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