Er will Bar­rie­ren be­sei­ti­gen

Seit ei­nem Un­fall ist Jo­sef Kop­pold auf den Roll­stuhl an­ge­wie­sen. Er hat selbst er­lebt, wie schwer da­mit ein selbst­stän­di­ges Le­ben ist. Als Kreis­be­hin­der­ten­be­auf­trag­ter kämpft er ge­gen un­nö­ti­ge Hin­der­nis­se

Friedberger Allgemeine - - Friedberg - VON GÖNÜL FREY Fo­to: Gönül Frey

Me­ring Ob neu­er Hort, Schu­le oder Bus hal­te­stel­le–der Kreis be­hin­der­ten be­auf­trag­te Jo­se­fKop­pold muss ge­hört wer­den. Erst kürz­lich sorg­te sei­ne Kri­tik an den neu­en Räu­men der Me­rin­ger Ta­fel für kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen. Im In­ter­view mit un­se­rer Zei­tung spricht der 51-Jäh­ri­ge über sein Ziel der Bar­rie­re­frei­heit in al­len öf­fent­li­chen Be­rei­chen des Le­bens, aber auch über sein ganz per­sön­li­ches Schick­sal als Roll­stuhl­fah­rer.

Wie ka­men Sie zu Ih­rer Auf­ga­be als Be­hin­der­ten­be­auf­trag­ter?

Jo­sef Kop­pold: Schon be­vor ich im Roll­stuhl saß, war ich am Land­rats­amt be­schäf­tigt. 1991 hat­te ich dann ei­nen Frei­zeit­un­fall. Ich wur­de am Rü­cken­mark ver­letzt und bin seit­dem kom­plett quer­schnitt­ge­lähmt. Der da­ma­li­ge Land­rat Theo Kör­ner be­such­te mich in der Un­fall­kli­nik Murnau und frag­te mich, ob ich Hil­fe brau­che. Ich sag­te, dass ich nur zwei Wün­sche ha­be: Dass ich zu­rück in die Ar­beit kom­men darf, so­weit das wie­der mög­lich ist, und dass al­les un­ter­nom­men wird, da­mit so et­was nicht mehr pas­siert.

Kop­pold: In Mühl­hau­sen ist ein Jau­dus­feu­er um­ge­fal­len. Wir wa­ren ei­ne Grup­pe von Leu­ten und stan­den ge­nau dar­un­ter. Es war zehn Ta­ge vor mei­nem 25. Ge­burts­tag. Dann kam die Re­ha­bi­li­ta­ti­on. Das ist ei­ne Zeit in mei­nem Le­ben, an die ich nicht ger­ne den­ke. Mein Glück war nur, dass mei­ne Fa­mi­lie mich sehr un­ter­stützt hat.

Wie ging es für Sie wei­ter?

Kop­pold: Ich muss­te aus mei­ner Woh­nung in Aichach – sie hat­te zwei Stu­fen – wie­der zu mei­nen El­tern nach Aind­ling zie­hen. In Teil­zeit ha­be ich in der Per­so­nal­ver­wal­tung im Land­rats­amt wie­der an­ge­fan­gen zu ar­bei­ten. Und da traf ich ei­nes Ta­ges den Land­rat, und er fragt mich, wie’ mir geht. ,Be­schis­sen‘ ha­be ich ge­ant­wor­tet. Ich kam ge­ra­de aus der Stadt, wo ich mir ein Buch kau­fen woll­te. Aber ich bin nicht ins Ge­schäft ge­kom­men, weil es ei­ne Trep­pe zum Ein­gang gab. Das hab ich ihm er­zählt und er war ganz er­staunt. So et­was kön­ne man doch än­dern, mein­te er.

Und dann?

Kop­pold: Er lud mich und mög­lichst vie­le an­de­re Roll­stuhl­fah­rer zu ei­ner Brot­zeit ein: Da hat je­der sei­ne Ge­schich­ten er­zählt. 1996 folg­te ein zwei­tes Tref­fen mit 25 an­de­ren be­ein­träch­tig­ten Men­schen in der Me­rin­ger Schloss­müh­le. Da­bei kam die Idee ei­nes Be­hin­der­ten­be­auf­trag­ten auf und der Land­rat hat mich breit ge­schla­gen, das zu ma­chen – da­mals noch eh­ren­amt­lich.

Wie ha­ben Sie so schnell so vie­le an­de­re Be­trof­fe­ne ken­nen­ge­lernt?

Kop­pold: Als ich frisch ver­letzt war, ha­be ich bei ei­ner Ver­an­stal­tung der AWO zu dem The­ma teil­ge­nom­men. Ich muss­te ja mein gan­zes Le­ben neu ein­rich­ten. Die selbst­ver­ständ­lichs­ten Din­ge gin­gen nicht mehr. In Aichach konn­te ich nicht mal die Stra­ßen­sei­te wech­seln, weil der Geh­weg zu hoch war. Ich konn­te mich nicht mehr selbst­stän­dig ver­sor­gen, nicht am öf­fent­li­chen Le­ben teil­ha­ben, weil die Gast­stät­ten nicht zu­gäng­lich wa­ren. Oder wenn ich dort war, konn­te ich nichts trin­ken, weil die Toi­let­te für mich nicht er­reich­bar war. Die­se Er­fah­run­gen wa­ren für mich als jun­gen Men­schen furcht­bar: den gan­zen Tag bet­teln zu müs­sen um das, was für je­den selbst­ver­ständ­lich war. Ich ha­be dann viel Sport ge­macht, beim Roll­stuhl­bas­ket­ball. Das hat mir sehr ge­hol­fen. Von den an­de­ren ha­be ich ge­lernt, dass man trotz der Be­hin­de­rung viel ma­chen kann: rei­sen, hei­ra­ten und Fa­mi­lie ha­ben. Wo­für ha­ben Sie sich als frisch ge­ba­cke­ner Be­hin­der­ten­be­auf­trag­ter ein­ge­setzt? Kop­pold: Als ei­ne ers­te Ak­ti­on ha­ben wir Roll­stüh­le ge­nom­men und sind mit den Stadt­rä­ten durch Aichach ge­gan­gen. Die wa­ren ganz fas­sungs­los, in wie vie­le Ge­schäf­te wir nicht rein konn­ten. Da­mals ist man nicht mal zur Po­li­zei ge­kom­men, weil es drau­ßen Stu­fen und da­nach erst ei­ne Klin­gel gab. Der Stadt­rat hat noch im sel­ben Jahr 180000 Mark zur Ver­fü­gung ge­stellt, um Bar­rie­ren zu be­sei­ti­gen. Ähn­li­ches ha­ben wir spä­ter in Fried­berg und Me­ring ge­macht. Und dann ha­ben wir auch bei den klei­nen Ge­mein­den ver­sucht, vor al­lem bei Neu­bau­ten Bar­rie­re­frei­heit zu er­rei­chen.

Kop­pold: Recht­lich ist die In­klu­si­on seit 2006 durch ei­ne UN-Re­so­lu­ti­on ver­an­kert. Dem­nach müs­sen Be­hin­der­te die glei­chen Le­bens­be­din­gun- gen ha­ben wie al­le Men­schen. Und das setzt sich in der Ge­setz­ge­bung bis in un­se­re Baye­ri­sche Bau­ord­nung fort. Seit 1999 bin ich als Be­hin­der­ten­be­auf­trag­ter haupt­amt­lich am Land­rats­amt be­schäf­tigt, das hat der Kreis­tag da­mals über al­le Frak­tio­nen be­schlos­sen. Bei An­trä­gen für öf­fent­lich zu­gäng­li­che Ge­bäu­de, Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser mit mehr als zwei ab­ge­schlos­se­nen Woh­nun­gen, aber auch, wenn es bei­spiels­wei­se um Bus­hal­te­stel­len oder die Be­schaf­fung von Bus­sen im öf­fent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr geht, wer­de ich um ei­ne Stel­lung­nah­me ge­be­ten.

Wenn man da an den Trep­pen­lift an der Luit­pold­schu­le in Me­ring denkt oder die Ta­fel, ha­ben Ih­re For­de­run­gen ja auch schon für Är­ger ge­sorgt.

Kop­pold: Lei­der. Ich bin kein Nörg­ler und kein Ver­hin­de­rer. Ich kann ei­nen An­trag auch gar nicht blo­ckie­ren, das kann als Fol­ge mei­ner Ein- schät­zung höchs­tens un­ser Bau­amt. Und wenn es Schwie­rig­kei­ten gibt, dann setzt man sich zu­sam­men und sucht ei­ne Lö­sung, die na­tür­lich auch ver­hält­nis­mä­ßig sein muss. Oft kommt der Bür­ger­meis­ter oder Bau­herr gleich mit sei­nem Pla­ner zu mir und fragt: was kön­nen wir denn da ma­chen? Bar­rie­re­frei­heit ist ge­setz­lich ver­an­kert, muss ge­prüft wer­den und ist nicht Will­kür des Be­hin­der­ten­be­auf­trag­ten.

Der Trep­pen­lift, um den es un­ter an­de­rem ging, macht es zwei Kin­dern mög­lich, wei­ter ih­re Schu­le zu be­su­chen. Was ist dar­an schlecht?

Kop­pold: Ers­tens ging es dar­um, ob solch ein Lift in das Trep­pen­haus ge­baut wer­den darf. Trep­pen sind Flucht- und Ret­tungs­we­ge. Zwei­tens de­fi­nie­ren un­se­re Gleich­stel­lungs­ge­set­ze von Bund und Land die Bar­rie­re­frei­heit mit „selbst­stän­dig und oh­ne frem­de Hil­fe“. Die­se An­la­gen sind ab­ge­sperrt und man muss erst die ein­ge­wie­se­ne Per­son mit dem Schlüs­sel su­chen, um den Lift nut­zen zu kön­nen. Für mich ist das der fal­sche Weg, denn das un­ter­stützt ge­ra­de nicht die Selbst­stän­dig­keit. Mei­ner Ein­schät­zung nach hät­te es in der Me­rin­ger Schu­le in der Au­la Platz für ei­nen senk­rech­ten Auf­zug ge­ge­ben, den dann auch je­der oh­ne frem­de Hil­fe hät­te nut­zen kön­nen.

Gibt es auch ein po­si­ti­ves Bei­spiel, das Sie be­son­ders freut?

Kop­pold: Mit dem Gym­na­si­um Me­ring ha­ben wir bei­spiels­wei­se ein Schul­haus ge­schaf­fen, das auf je­dem Stock­werk ei­ne bar­rie­re­freie Toi­let­te hat. Es ver­fügt über ei­nen Fahr­stuhl, hat in der Au­la ei­ne In­duk­ti­ons­an­la­ge und es gibt über­all Akus­tik­de­cken, da­mit auch Men­schen mit ei­ner Hör­be­hin­de­rung zu­recht­kom­men. Die Büh­ne ist mit ei­nem se­pa­ra­ten Lift er­schlos­sen. Die Fens­ter sind bis auf Tisch­hö­he hin­un­ter­ge­zo­gen, da­mit auch Roll­stuhl­fah­rer oder klein­wüch­si­ge Per­so­nen über die Brüs­tung se­hen kön­nen. Da­für er­hält das Gym­na­si­um heu­er noch das Si­g­net „Bay­ern bar­rie­re­frei“vom baye­ri­schen So­zi­al­mi­nis­te­ri­um.

Aber ge­ra­de in be­ste­hen­den Ge­bäu­den ist Bar­rie­re­frei­heit teil­wei­se sehr auf­wen­dig. Lohnt sich das denn über­haupt?

Kop­pold: Ein Drit­tel der Land­kreis­be­völ­ke­rung ist auf Bar­rie­re­frei­heit an­ge­wie­sen. Ich spre­che ja nicht nur für die Roll­stuhl­fah­rer. Mir geht es auch um die In­ter­es­sen von Seh- und Hör­be­hin­der­ten, von ko­gni­tiv und psy­chisch Be­ein­träch­tig­ten, aber auch um ganz nor­ma­le El­tern, die mit Kin­der­wa­gen un­ter­wegs sind. Au­ßer­dem sind da die vie­len äl­te­ren Men­schen, die kör­per­li­che Ein­schrän­kun­gen ha­ben und sich in den nächs­ten zwei Jahr­zehn­ten ver­viel­fa­chen wer­den. Nicht teil­ha­ben zu dür­fen, ist schmerz­lich und tut sehr weh!

Ein zwei­ter Hand­lauf macht das Land­rats­amt bes­ser er­reich­bar für al­le, die schlecht zu Fuß sind. Sol­che Bar­rie­ren im All­tag zu be sei­ti­gen, hat sich der Be­hin­der­ten­be­auf­trag­te Jo­sef Kop­pold zur Auf­ga­be ge­macht.

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