Der neue Welt­meis­ter ge­fällt kaum ei­nem

Für Ath­le­ten und Funk­tio­nä­re aus Fried­berg kommt Usain Bolts Nie­der­la­ge über­ra­schend. Jus­tin Gat­lin wird sehr kri­tisch be­trach­tet. Den­noch gibt es ei­ni­ges, was aus na­tio­na­ler Sicht zur Freu­de An­lass gibt

Friedberger Allgemeine - - Sport - VON PE­TER KLEIST Fo­to: Je­wel Sa­mad, afp

Fried­berg „Ir­gend­wann muss­te es so kom­men“– das war der Kommentar von Heinz Schrall, dem Vor­sit­zen­den des schwä­bi­schen Leicht­ath­le­tik­ver­ban­des nach dem ers­ten Pau­ken­schlag der Welt­meis­ter­schaft in Lon­don. Dort hat­te sich der Größ­te mit ei­ner Bron­ze­me­dail­le ver­ab­schie­det: Beim 100-Me­ter-Fi­na­le be­stritt Usain Bolt aus Ja­mai­ka sein letz­tes Ein­zel­ren­nen und lan­de­te da­bei „nur“auf dem drit­ten Platz.

„Ir­gend­wann war er mal fäl­lig, das ist halt so in der Leicht­ath­le­tik“, mein­te Schrall, der das his­to­ri­sche Fi­na­le auf­grund pri­va­ter Ver­pflich­tun­gen nicht live ver­fol­gen konn­te, son­dern es auf­zeich­ne­te und am Tag da­nach an­sah. Der 68 Jah­re al­te Leicht­ath­le­tik-Funk­tio­när fand aber auch gleich sehr kri­ti­sche Wor­te: „Es hat mir gar nicht ge­fal­len, dass Jus­tin Gat­lin das Ren­nen ge­won­nen hat, und ich kann ver­ste­hen, dass das Pu­bli­kum in Lon­don nicht be­geis­tert war und den Sie­ger aus­buh­te.“Laut Schrall hät­te der US-Sprin­ter, der zwei­mal des Do­pings über­führt wor­den war, dort nichts mehr zu su­chen ge­habt. „Da be­kommt er nach ei­nem Do­ping­ver­ge­hen ei­ne zwei­te Chan­ce, und dann nutzt er auch die nicht. Ei­gent­lich soll­te so je­mand nicht mehr star­ten dür­fen“, so Schrall.

Es sei scha­de für Bolt, der aber auch oh­ne den Kon­kur­ren­ten Gat­lin oh­ne Ein­zel­gold nach Hau­se ge­fah­ren wä­re – schließ­lich war auch der jun­ge US-Sprin­ter Chris­ti­an Co­le­man in 9,94 Se­kun­den schnel­ler als der Ja­mai­ka­ner (9,95). Den hat­te Schrall nicht auf der Rech­nung. „Ich hät­te das eher dem zwei­ten Ja­mai­ka­ner Yo­han Bla­ke zu­ge­traut“, mein­te der Fried­ber­ger. Vom Ab­schnei­den des deut­schen Sprin­ters Ju­li­an Reus, für den be­reits im Vor­lauf das Aus kam, wur­de Schrall da­ge­gen nicht über­rascht. „Ehr­lich ge­sagt, ich ha­be nicht mehr er­war­tet, ich hät­te ihm ma­xi­mal die Zwi­schen­run­de zu­ge­traut. Na­tio­nal läuft er oft gu­te Zei­ten, doch im­mer, wenn es in­ter­na­tio­nal drauf an- kommt, dann kriegt er das Ner­ven­flat­tern“, so der Vor­sit­zen­de der DJK Fried­berg.

Da­ge­gen freu­te sich Schrall sehr über die Leis­tun­gen der deut­schen Ath­le­tin­nen, wie bei­spiels­wei­se der Sprin­te­rin Gi­na Lü­ckenk­em­per, die in 10,95 über die 100 Me­ter un­ter elf Se­kun­den blieb. Auch von Sie­ben­kämp­fe­rin Ca­ro­lin Schä­fer, die nach Tag eins an der Spit­ze lag und schließ­lich Sil­ber hol­te, oder der 1500-Me­ter-Läu­fe­rin Han­na Klein, die das Fi­na­le er­reich­te, war Schrall sehr an­ge­tan. „Die ist sehr cle­ver ge­lau­fen, im Ge­gen­satz zu Kon­stan­ze Klos­ter­hal­fen, die sich ver­zockt hat“, mein­te Schrall.

Ste­fan Go­rol, sei­nes Zei­chens selbst ein sehr gu­ter Sprin­ter und Ab­tei­lungs­lei­ter bei der DJK Fried­berg, ver­folg­te den ers­ten gro­ßen Hö­he­punkt der WM live am Fern­se­her. „Ich war schon über­rascht, vor al­lem dar­über, dass Bolt ja nur Drit­ter ge­wor­den ist. Aber viel­leicht war der Ja­mai­ka­ner ein­fach nicht mehr in der nö­ti­gen Top-Form“, mut­maß­te Go­rol. Und was sagt der 25-Jäh­ri­ge zum neu­en Welt­meis­ter Jus­tin Gat­lin? „Den muss­te man auf der Rech­nung ha­ben, die grö­ße­re Über­ra­schung war Chris­ti­an Co­le­man als Zwei­ter“, mein­te der frisch­ge­ba­cke­ne Va­ter. Und wie ord­ne­te er die Buh­ru­fe ge­gen Gat­lin ein? „Teils, teils. Ei­ner­seits ist es ver­ständ­lich, dass man ei­nen, der zwei­mal des Do­pings über­führt wur­de, ei­gent­lich bei sol­chen Wett­kämp­fen nicht mehr se­hen möch­te, an­de­rer­seits hat­te er eben ei­ne Start­be­rech­ti­gung, und auch das muss man ak­zep­tie­ren“, sag­te Go­rol.

Der ist sich auch in der Ein­schät­zung des deut­schen Sprin­ters Ju­li­an Reus mit sei­nem Trai­ner Heinz Schrall ei­nig: „Bei den gro­ßen Be­wer­ben bringt er ein­fach sei­ne Leis­tung nicht.“Der Sprin­ter konn­te auch er­klä­ren, was sich hin­ter der oft bei Sprints ge­hör­ten Phra­se „da wur­de er fest“ver­birgt. „Die bes­ten Läu­fe sind die, bei de­nen man trotz al­ler Schnel­lig­keit bis zum Schluss bei al­ler nö­ti­gen Mus­kel­span­nung lo­cker bleibt. Wenn man zu viel will, dann ver­krampft man und wird lang­sa­mer, nicht schnel­ler“, er­läu­ter­te Go­rol.

Be­son­ders ge­freut hat sich Ste­fan Go­rol, der von der WM so viel wie mög­lich im Fern­se­hen ver­folgt, über die Sil­ber­me­dail­le von Ca­ro­lin Schä­fer. „Das fand ich echt su­per, zu­mal ich sie ja auch per­sön­lich ken­ne. Wir wa­ren ge­mein­sam bei der U23-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Tam­pe­re in Finn­land im deut­schen Team. Über ei­nen sol­chen Erfolg freut man sich dann gleich mit“, mein­te Go­rol. Auch die Sprin­te­rin Gi­na Lü­ckenk­em­per sieht der Fried­ber­ger als Licht­blick. Es sei ein Rie­sen­er­folg ge­we­sen, dass sie un­ter elf Se­kun­den über die 100 Me­ter ge­blie­ben sei.

Sehr in­ter­es­siert ver­folgt auch Ra­mo­na Czo­gal­la vom TSV Fried­berg die Leicht­ath­le­tik-WM. Die 23-Jäh­ri­ge, selbst er­folg­reich im Mehr­kampf, Sprint und Weit­sprung, sah das 100-Me­ter-Fi­na­le auf dem Han­dy. Das Er­geb­nis über­rasch­te auch sie. „Ich hat­te er­war­tet, dass es Bolt viel­leicht doch noch ein­mal packt – aber er hat das Ren­nen mei­nes Erach­tens schon am Start ver­lo­ren“, mein­te die Fried­ber­ge­rin. Den Sie­ger Jus­tin Gat­lin be­trach­tet sie un­ter ei­nem sehr kri­ti­schen Aspekt. „Es ist ge­ne­rell scha­de, dass ei­ner, der zwei­mal beim Do­pen er­wischt wur­de, da noch star­ten darf – so je­mand soll­te le­bens­lang ge­sperrt wer­den. So bleibt halt im­mer ein scha­ler Bei­ge­schmack“, sag­te Czo­gal­la.

Da­ge­gen fin­det die TSV-Ath­le­tin die Er­fol­ge von Gi­na Lü­ckenk­em­per und Ca­ro­lin Schä­fer äu­ßerst er­freu­lich. „Klas­se, dass Lü­ckenk­em­per die elf Se­kun­den ge­knackt hat. Sie hat mit die­ser Leis­tung auf­hor­chen las­sen, und sie ist ja auch noch so jung, die hat ih­re Kar­rie­re noch vor sich“, so Czo­gal­la. Noch mehr freu­te sie sich über die Sil­ber­me­dail­le von Sie­ben­kämp­fe­rin Ca­ro­lin Schä­fer. „Das ist ei­ne be­mer­kens­wer­te Leis­tung, weil ja im Mehr­kampf so schnell mal was schief­ge­hen kann. Ich fand’s je­den­falls rie­sig“, sag­te die Fried­ber­ge­rin.

Wie die Or­gel­pfei­fen ste­hen die drei schnells­ten Män­ner der Welt auf dem Sie­ger­po­dest in Lon­don. Chris­ti­an Co­le­man, Jus­tin Gat­lin und Usain Bolt (von links). Fried­ber­ger Ath­le­ten und Funk­tio­nä­re se­hen den Sieg des US Ame­ri­ka­ners auf­grund sei­ner Do­ping­ver­gan­gen­heit kri­tisch.

Heinz Schrall

Ra­mo­na Czo­gal­la

Ste­fan Go­rol

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