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Die Initia­to­ren freu­en sich über ei­ne re­ge Nut­zung der Ein­rich­tun­gen in der Um­ge­bung. Wäh­rend ein An­ge­bot um­zie­hen muss, wird es an an­de­rer Stel­le er­wei­tert. Für manch ei­nen ver­birgt sich da­rin ein Schatz

Friedberger Allgemeine - - Erste Seite - VON ELI­SA MA­DE­LEI­NE GLÖCK­NER

Auf der Stra­ße, in Ge­schäf­ten und Pra­xen – Bü­cher­schrän­ke und -kis­ten er­fah­ren auch im Wit­tels­ba­cher Land ei­nen re­gel­rech­ten Boom.

Aichach Fried­berg Mat­hil­da Brams greift zur Roman­ze. Es ist ein di­cker Schmö­ker, den sie da in ih­ren Hän­den hält. „Die Ge­schich­ten mit Lie­be­lei­en und In­tri­gen mag ich be­son­ders ger­ne“, sagt die 57-Jäh­ri­ge la­chend. Der Bü­cher­schrank in Fried­berg ist ei­ne fest ein­ge­plan­te Hal­te­sta­ti­on auf ih­rer Rou­te zur Ar­beit. „Oft neh­me ich ei­ne Tram frü­her, um mich durch den Bü­cher­schrank bei St. Ja­kob zu wüh­len“, er­zählt die Augs­bur­ge­rin.

Als öf­fent­li­che Buch­bör­sen er­fah­ren die­se Mi­nia­tur­bi­blio­the­ken ei­nen re­gel­rech­ten Boom. Laut der Da­ten­bank OpenBoo­kCa­se exis­tie­ren deutsch­land­weit mehr als 3150 sol­cher An­ge­bo­te. Al­le funk­tio­nie­ren nach dem an­ony­men Leih- und Tausch­prin­zip, sind kos­ten­los und in der Re­gel per­ma­nent zu­gäng­lich. Das Kon­zept stammt aus den frü­hen 90er Jah­ren.

Der äl­tes­te Bü­cher­schrank im Alt­land­kreis steht in Me­ring. In­iti­iert wur­de das Glas­ron­dell 2007 von Bür­ger­meis­ter Hans-Die­ter Kand­ler, der sich die „klas­se Idee“vom Augs­bur­ger Hof­gar­ten ab­schau­te. So könn­ten Bü­cher von Leu­ten, die zuhause kei­nen Platz mehr ha­ben, ei­nen zwei­ten Le­ser finden, dach­te er sich da­mals. Ein Ort war schnell ge­fun­den: der Markt­platz. „Ich ha­be das mit der Buch­hand­lung und der Bü­che­rei ab­ge­spro­chen, die bei­de kei­ne Ein­wän­de hat­ten“, so der Bür­ger­meis­ter. Für das Fi­nan­zi­el­le ka­men Spon­so­ren auf.

Die Fra­ge nach Nach­schub stellt sich nicht. „Es funk­tio­niert sehr gut“, be­tont er. So­gar ei­ne Be­son­der­heit hält der Schrank ver­steckt: ein Buch, das mit Draht­seil be­fes­tigt ist. Mit Draht­seil? Geo­cacher sei­en da­für ver­ant­wort­lich, ent­hüllt Kand­ler. „Sie ha­ben dort ei­nen Schatz de­po­niert.“

In Fried­berg ha­ben Ga­b­rie­la Palm und Wolf­ram Grz­ab­ka das Pro­jekt in­iti­iert. Im No­vem­ber vor zwei Jah­ren ga­ben sie den Im­puls für ei­ne öf­fent­li­che Bü­cher­tausch­bör­se. Wie Grz­ab­ka er­zählt, ha­be er nach ei­nem pas­sen­den Pro­jekt an­läss­lich des 25-jäh­ri­gen Fir­men­ju­bi­lä­ums sei­ner Wer­be­agen­tur ge­sucht. „Ei­ne sol­che Ein­rich­tung gab es in Fried­berg noch nicht“, er­in­nert er sich. Bei der Stadt fand die Idee für ei­nen Bü­cher­schrank schnell An­klang. Die Kos­ten für die Rea­li­sie­rung von 5000 Eu­ro über­nahm die Fa­mi­lie selbst.

„Es wird gut an­ge­nom­men“, freut sich Grz­ab­ka heu­te. Er sei im­mer wie­der über­rascht, wie hoch­wer­tig man­che Bü­cher sei­en. „Es wer­den auch teu­re Kunst­bän­de rein­ge­stellt“, be­kräf­tigt er. Die Fol­ge der po­si­ti­ven Re­so­nanz: Nach­dem ein zwei­ter Bü­cher­schrank zu auf­wen­dig war, in­stal­lier­ten Palm und Grz­ab­ka En­de 2016 zehn Bü­cher­kis­ten, die nach dem­sel­ben Prin­zip funk­tio­nie­ren. „Je­der kann Bü­cher hin­ein­stel­len, her­aus­neh­men und tau­schen“, so Grz­ab­ka. Mitt­ler­wei­le finden sich die Les­ein­seln in Ede­ka-Fi­lia­len, Bä­cke­rei­en und Re­stau­rants. So­gar ei­nen Phy­sio­the­ra­peu­ten konn­ten die Ge­schäfts­leu­te für ihr Vor­ha­ben ge­win­nen.

Van­da­lis­mus sei kein Pro­blem, be­stä­tigt der Un­ter­neh­mer. Doch pflegt sich auch ei­ne Mi­ni­bi­blio­thek nicht von selbst. Wäh­rend sich die ge­won­ne­nen zehn Ge­schäfts­leu­te zum Groß­teil selbst um den Zu­stand der Kis­ten küm­mern, über­neh­men zwei Frei­wil­li­ge des Bür­ger­net­zes die Pa­ten­schaft für den Bü­cher­schrank in der Fried­ber­ger Alt­stadt. Da­ne­ben ha­ben Palm und Grz­ab­ka ein Au­ge auf die Les­ein­seln. „Wir schau­en hin, ent­neh­men Pro­spekt­ma­te­ri­al oder Zeit­schrif­ten, die da­rin nichts ver­lo­ren ha­ben und rü­cken die Bü­cher gera­de.“Gleich­zei­tig be­tont Grz­ab­ka: „Es ist ei­ne öf­fent­li­che Ein­rich­tung. Je­der kann dort nach dem Rech­ten se­hen.“

Zu Be­schä­di­gun­gen kommt es auch in Me­ring nicht. Wie Bür­ger­meis­ter Kand­ler be­merkt, sei­en zwar we­ni­ge Bü­cher vor ei­ni­ger Zeit im Brun­nen ge­lan­det. Seit­her ha­be es al­ler­dings kei­ne Vor­komm­nis­se mehr ge­ge­ben. „Da bin ich schon stolz“, lobt der Initia­tor – zu­mal der Bü­cher­schrank 24 St­un­den am Tag zu­gäng­lich sei. Die Les­ein­sel steht par­ti­ell un­ter der Ob­hut ei­ner Da­me aus Alt­heg­nen­berg, auch der Bür­ger­meis­ter gibt auf den li­te­ra­ri­schen In­halt der Ein­rich­tung acht. „Dass man zum Bei­spiel nichts Ju­gend­ge­fähr­den­des da­rin fin­det“, er­läu­tert er. An­sons­ten dür­fe man hin­ein­stel­len, was man möch­te.

In­des nimmt der Trend wei­ter an Fahrt auf. Gleich­ge­sinn­te Fried­ber­ger sprin­gen auf den li­te­ra­ri­schen Zug auf. Mit ei­nem Bü­cher­fens­ter hat sich et­wa Re­gi­na Wei­chen­ber­ger in Fried­berg-Süd den Traum von der ei­ge­nen klei­nen Bi­b­lio­thek vor der Haus­tür er­füllt. „Nach­ah­mer sind ger­ne ge­se­hen und im­mer herz­lich will­kom­men“, so Grz­ab­ka. Po­si­ti­ves zu be­rich­ten gibt es auch hin­sicht­lich sei­nes Pro­jekts: „Es funk­tio­niert so gut, dass ei­ni­ge Un­ter­neh­men nach ei­ner zwei­ter Kis­te frag­ten“, sagt er.

In der Stu­be der Bä­cke­rei Scha­rold in Ott­ma­ring, vor­mals Gep­pert, und im Gast­hof Zur Lin­de in der Münch­ner Stra­ße ste­hen in­zwi­schen Dop­pel­kis­ten zum Schmö­kern, Su­chen und Blät­tern be­reit. An­de­ren­orts muss­te sich der Initia­tor von Rä­um­lich­kei­ten tren­nen – so et­wa im Fi­nanz- und Ge­sund­heits­zen­trum am Spar­kas­sen­platz. Hier wur­de das Kon­zept eben­falls gut ge­nutzt, be­stä­tigt Grz­ab­ka. Doch muss­te die Kis­te das Atri­um aus feu­er­schutz­recht­li­chen Grün­den ver­las­sen. Die gu­te Nach­richt: „Sie wird durch ei­ne Kis­te bei Zwei­rad Pfund­meir in den nächs­ten Wo­chen er­setzt.“

Foto: Eli­sa Glöck­ner

Hier ist für je­den Le­ser et­was da­bei: Seit 2015 dient der Bü­cher­schrank in Fried­berg als Tausch­bör­se und Mi­ni­bi­blio­thek, auf die je­der zu­grei­fen kann. Mitt­ler­wei­le gibt es auch zahl­rei­che Bü­cher­kis­ten, die nach dem­sel­ben Prin­zip funk­tio­nie­ren.

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