Ho­lo­gram­ma­ti­ca

Göttinger Tageblatt - - KULTUR - VON TOM HILLENBRAND

Sie schiebt den Tel­ler weg. Zeit, fri­sche Luft zu schnap­pen. Nach­dem sie das Ta­blett auf ein Lauf­band ge­stellt hat, geht sie zu der Tür mit dem Bul­l­au­ge. Sie ist ver­schlos­sen. Es gibt ei­ne Pfört­ner­lo­ge, aber dort fin­det sie we­der Schlüs­sel noch ein Kon­troll­sys­tem. Was sie aber sieht, ist ein ro­ter Kas­ten, in dem sich ein Feu­er­lö­scher und ei­ne Axt be­fin­den. Sie drückt das Glas mit dem El­len­bo­gen ein und nimmt Letz­te­re her­aus.

Die Tür ist sta­bil, aber nach ein paar Ax­t­hie­ben gibt sie sich ge­schla­gen. Sie stößt sie auf, spürt ei­nen Wi­der­stand. Es ist der Wind, der auf der Au­ßen­wand steht, ei­ne ziem­lich stei­fe Bri­se. Sie tritt ins Freie. Mit be­stimmt sechs oder sie­ben Be­aufort peitscht ihr der Wind ins Ge­sicht, kal­te, sal­zi­ge Luft fährt in ih­re Na­se. Sie stapft ein paar Schrit­te den Hang hin­ab. Tat­säch­lich – das hier ist ei­ne In­sel. Die Wie­se ent­puppt sich als Kliff, das wei­ter vor­ne jäh ab­zu­fal­len scheint. Da­hin­ter liegt die graue, rup­pi­ge See. In ei­ni­ger Ent­fer­nung kann sie ei­ne wei­te­re In­sel aus­ma­chen, schwarz und schroff, ver­mut­lich vul­ka­ni­schen Ur­sprungs, mit ho­hen Gip­feln, die halb von Wol­ken ver­bor­gen sind.

Nach der Stil­le im Ho­s­pi­tal er­scheint ihr das Brau­sen des Win­des enorm laut. Sie brüllt ei­ni­ge Kom­man­dos. Doch es ge­lingt ihr nicht, ei­ne Kar­te mit ih­rer ak­tu­el­len Po­si­ti­on auf­zu­ru­fen. Nicht ein­mal das Da­tum be­kommt sie ein­ge­blen­det. Sie stapft wei­ter auf das Kliff zu. An der Kan­te geht es min­des­tens fünf­zig Me­ter steil nach un­ten. Lin­ker und rech­ter Hand sieht es nicht bes­ser aus. Wenn man auf die­ser In­sel ir­gend­wo an­lan­den kann, dann ist die­ser Ort mei­len­weit ent­fernt. In ih­rem Blick­feld gibt es nir­gend­wo ei­ne Bucht. Zwei, drei Me­ter, be­vor die Klip­pen ab­fal­len, ragt ein Weg­wei­ser aus dem Bo­den. Auf ei­nem Pfeil steht ›Kap Gauss 300 m‹, auf ei­nem an­de­ren ›Fel­sen der Fortu­na, 1700 m‹. Dar­un­ter ist ein wei­te­rer be­fes­tigt: ›Der Wei­ße Turm, 9800 m‹.

Sie muss schlu­cken. Das al­les sind Or­te, die auf der Fan­ta­sie­kar­te im Spi­tal ver­zeich­net wa­ren. Um ganz si­cher­zu­ge­hen, dass sie nicht ir­gend­ei­nem Ho­lo­prank auf­sitzt, fährt sie mit den Fin­ger­kup­pen über das Schild, über die selt­sa­men Na­men. Die Buch­sta­ben be­ste­hen aus Kle­be­fo­lie. Das Schild ist al­so echt. Sind die Or­te es auch? Sie wen­det sich vom Meer ab, dreht sich das ers­te Mal um, in Rich­tung des Lan­des­in­ne­ren. Es er­scheint ihr selt­sam, dass sie dies bis­her nicht ge­tan hat. Oder viel­leicht auch nicht. Ir­gend­et­was hat sie da­von ab­ge­hal­ten. Ir­gend­ein In­stinkt riet ihr, sich erst ein we­nig auf die­sen Mo­ment vor­zu­be­rei­ten. Sie hat ja be­reits die an­de­re In­sel da drau­ßen ge­se­hen, ei­nen dunk­len Ort der Ver­zweif­lung.

Als sie sich um­dreht, trifft es sie den­noch mit un­be­schreib­li­cher Wucht. Ein Schluch­zen ent­fährt ih­rer Keh­le. Vor ihr lie­gen vier graue Fer­tig­bau­ten, al­le ein­stö­ckig, bis auf das Spi­tal, das zwei­stö­ckig ist. Da­hin­ter tür­men sich vor dem grau-tris­ten Him­mel Ber­ge auf, zer­klüf­te­te Mon­stren aus schwar­zem Bas­alt. An ih­ren Hän­gen wach­sen kei­ne Bäu­me oder Bü­sche. Bis auf das biss­chen Gras un­ten an der Klip­pe gibt es über­haupt kei­ne Ve­ge­ta­ti­on und auch kei­ne Tie­re, nicht ein­mal Mö­wen. Über den Ber­gen er­he­ben sich be­droh­lich aus­se­hen­de Wol­ken­rie­sen, kurz da­vor, vom Him­mel her­ab­zu­stei­gen.

Aber das Schlimms­te sind die Ber­ge. Es sind Ber­ge des Wahn­sinns, sie er­drü­cken al­les an­de­re. Die­se dunk­len Gipfel, des­sen ist sie sich ge­wiss, sind die un­um­strit­te­nen Herr­scher der In­sel, ei­fer­süch­ti­ge Re­gen­ten, die kein Le­ben zu­las­sen. Die schwar­ze Wand aus Bas­alt scheint auf sie ein­zu­drin­gen, will sie, den fre­chen Ein­dring­ling, ins Meer sto­ßen. Und tat­säch­lich weicht sie zu­rück, tau­melt. Sie fällt auf die Knie. Schar­fe La­va­s­tei­ne boh­ren sich ihr in die Schien­bei­ne. Sie schließt die Au­gen und brüllt, brüllt wie ein ver­wun­de­tes Tier. Doch der brau­sen­de Wind weht ih­re Schreie ein­fach fort.

Am spä­ten Nach­mit­tag lan­de ich auf dem Bri­tan­nia Air­port. Wäh­rend ich zu mei­ner Woh­nung fah­re, bli­cke ich die meis­te Zeit aus dem Zug­fens­ter. Es tut gut, wie­der in Lon­don zu sein. Ei­gent­lich selt­sam, dass die­se ver­reg­ne­te Stadt mein Ge­müt so auf­hellt. Ich glau­be, Pa­ris ist mir zu künst­lich, zu pup­pen­stu­ben­haft. Na­tür­lich hilft auch die Lon­do­ner Stadt­ver­wal­tung mit Ho­lo­tex­tu­ren nach, um die Stra­ßen sau­be­rer und die Häu­ser­wän­de we­ni­ger ver­schim­melt wir­ken zu las­sen. An­sons­ten herrscht je­doch mun­te­rer Wild­wuchs. An­ders als Pa­ris und vie­le an­de­re Städ­te kennt Lon­don kei­ner­lei Be­schrän­kun­gen für Ho­load­ver­ti­sing. Als wir die Old Dock­lands pas­sie­ren, se­he ich am Ho­ri­zont zwei haus­ho­he Rit­ter mit Mor­gen­ster­nen, die sich ge­gen­sei­tig die Schä­del ein­dre­schen – ei­ne Wer­bung für ir­gend­ei­ne Vid-se­rie. Kurz dar­auf sind wir auf Hö­he von Ca­na­ry Wharf. Ich kann se­hen, dass Ar­ken­ziel wie zu je­der vol­len St­un­de sei­nen rie­si­gen, dop­pel­ten Regenbogen an­ge­schal­tet hat. Er be­ginnt auf der süd­li­chen Fluss­sei­te bei Gre­en­wich. Sein höchs­ter Punkt liegt über dem im­men­sen Ar­ken­ziel-haupt­quar­tier auf der Is­le of Dogs, das al­le nur »The Cast­le« nen­nen. Ganz schlim­mer Kitsch, aber die Tou­ris­ten lie­ben es. Man kann so­gar an die Stel­le fah­ren, wo der viel­far­bi­ge Strahl wei­ter im Nor­den auf den Bo­den trifft. Ich glau­be, es ist ir­gend­wo bei Strat­ford.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.