Die Grü­nen frem­deln im Os­ten

Vor den Wah­len in Bran­den­burg, Sach­sen und Thü­rin­gen plant die Par­tei mehr Prä­senz im Os­ten

Göttinger Tageblatt - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Mar­kus De­cker und Ma­ri­na Kormbaki

Man­chem Grü­nen gilt sie als „Ner­ven­sä­ge des Os­tens“. Clau­dia Mül­ler trägt den Ti­tel mit Stolz. Die Ros­to­cke­rin ko­or­di­niert die Grup­pe ost­deut­scher Grü­nen-bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter. Das ist ein über­schau­ba­rer Kreis von sie­ben Leu­ten un­ter 64 Ab­ge­ord­ne­ten – und Ab­bild der sehr un­ter­schied­li­chen Grü­nen-zu­stim­mungs­wer­te im Land.

Mül­ler treibt die Sor­ge um, dass ih­re Par­tei durch ei­ne west­deut­sche Bril­le auf den Os­ten schaut. Sie hat ein Pa­pier ver­fasst, in dem sie auf die Ur­sprün­ge der Bür­ger­rechts­be­we­gung Bünd­nis 90 ver­weist; es trägt den Ti­tel: „Die Wur­zeln wa­ren gleich – die Be­din­gun­gen sehr un­ter­schied­lich“. Es ist ein

Ap­pell an ih­re Par­tei, die 2019 drei Land­tags­wah­len Ost­deutsch­land zu be­ste­hen hat.

„Bünd­nis 90 ist den Grü­nen nicht bei­ge­tre­ten, wir ha­ben uns ver­ei­nigt – das ver­pflich­tet zu ei­ner ge­mein­sa­men Per­spek­ti­ve“, sagt die 37-Jäh­ri­ge dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND). „Wir Grü­ne dür­fen den west­deut­schen Blick auf Land und Leu­te nicht mit ei­nem ge­samt­deut­schen ver­wech­seln – die ost­deut­sche Per­spek­ti­ve fehlt oft.“Mül­ler nennt ein Bei­spiel: Die sau­be­re Luft und die kla­ren Ge­wäs­ser sei­en ei­ne Er­run­gen­schaft grü­ner Po­li­tik – ei­ner­seits. „Wir dür­fen aber nicht ver­schwei­gen, dass der ver­meint­lich gro­ße Bei­trag Deutsch­lands zur Re­du­zie­rung der Co2-emis­sio­nen auf dem Ab­bau der In­dus­trie im Os­ten ba­siert“, sagt sie. Und: „Ve­rän­de­rung be­deu­tet für vie­le Ost­deut­sche, dass nicht mit in ih­nen, son­dern über ih­re Köp­fe hin­weg Ent­schei­dun­gen zu ih­ren Las­ten ge­trof­fen wur­den. Das müs­sen wir Grü­ne im Blick ha­ben, wenn wir ra­di­ka­len Wan­del ein­for­dern.“

In west­deut­schen Bun­des­län­dern kom­men die Grü­nen ak­tu­ell auf Zu­stim­mungs­wer­te von mehr als 20 Pro­zent – in Ost­deutsch­land aber ran­gie­ren sie oft nur knapp ober­halb der Wahr­neh­mungs­schwel­le. Gut mög­lich, dass nach dem Hö­hen­flug bei den Land­tags­wah­len in Bay­ern und Hes­sen im kom­men­den Jahr, wenn in Bran­den­burg, Sach­sen und Thü­rin­gen ge­wählt wird, der har­te Auf­prall folgt.

Bei den grü­nen Spit­zen­leu­ten nimmt das Au­gen­merk auf Ost­deutsch­land zu. Die aus Thü­rin­gen stam­men­de Frak­ti­ons­che­fin Ka­trin Gö­rin­gEckardt sag­te kürz­lich, sie ha­be be­grif­fen, dass es ost­deut­sche Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren brau­che. Je­nen Ost­deut­schen nach 1989, die sich frag­ten: „Wer­den wir über­haupt ernst ge­nom­men?“, de­nen kön­ne sie mit ih­rer Bio­gra­fie zei­gen, „dass wir wahr­ge­nom­men wer­den, wenn wir uns ein­brin­gen“.

Par­tei­che­fin Ba­er­bock lebt in Pots­dam. Die Grü­nen wür­den häu­fig als West­par­tei wahr­ge­nom­men, sagt sie dem RND. „Vi­el­leicht sind wir nach der Wen­de über die Um­brü­che, die für die Men­schen an­stan­den, zu schnell hin­weg­ge­gan­gen.“Ih­re Par­tei ar­bei­te jetzt dar­an, auch im Os­ten Struk­tu­ren zu ver­fes­ti­gen. „Ro­bert Ha­beck und ich wer­den viel in Bran­den­burg, Sach­sen und Thü­rin­gen un­ter­wegs sein, um zu re­den, zu­zu­hö­ren und im di­rek­ten Kon­takt zu ste­hen“, kün­digt Ba­er­bock an.

FO­TO: BERND WÜST­NECK/DPA

„Ner­ven­sä­ge des Os­tens“: Clau­dia Mül­ler.

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