Sein oder Nicht­sein

Göttinger Tageblatt - - POLITIK -

Noch nä­her, ja, so ist es gut, noch et­was nä­her. War das nicht ein wun­der­vol­les Bild, das der Spd-par­tei­vor­stand zu Be­ginn der Wo­che bot? Bun­des­mi­nis­te­rin­nen, Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, Vor­stands­mit­glie­der – al­le auf­ge­reiht hin­ter der mun­te­ren Vor­sit­zen­den Andrea Nah­les. Und selbst der Gu­te-lau­ne-bär der SPD, Früh­mor­gens-in­ter­viewschreck Ralf Steg­ner, lacht in die auf­ge­pflanz­ten Ka­me­ras der Fern­seh­an­stal­ten. „Wir ha­ben uns un­ter­ge­hakt, wir set­zen auf die Kraft des Zu­sam­men­halts“, sagt Nah­les. Und weil das Sein das Be­wusst­sein prä­ge, fan­ge man eben bei sich selbst an. Wenn da nicht die blö­den Um­fra­gen wä­ren, die die So- zi­al­de­mo­kra­tie bei ku­sche­li­gen 14 Pro­zent se­hen. Wie kommt man da nur mit dem dia­lek­ti­schen Ma­te­ria­lis­mus aus dem Di­lem­ma?

Ver­geb­lich ha­ben wir auf dem Fo­to üb­ri­gens nach Links­ra­di­ka­len ge­sucht, die der Ras­pu­tin der deut­schen Nach­rich­ten­diens­te, der un­ver­gess­li­che Hans-ge­org Maa­ßen, für sei­ne Ent­las­sung als Prä­si­dent des Bun­des­ver­fas­sungs­schutz­am­tes ver­ant­wort­lich macht. Wo ha­ben sie sich denn ver­steckt, die Links­ra­di­ka­len in der SPD? Hin­ter dem Wil­ly­Brandt-denk­mal? Ver­mut­lich in der His­to­ri­schen Kom­mis­si­on, die Par­tei­che­fin Nah­les ab­ge­schafft hat. Denn selbst das Ro­cker-jäck­chen, in das Deutsch­lands se­xiest Mi­nis­ter ali­ve zu Vor­stands­sit­zun­gen eilt, macht aus ei­nem Saar­län­der noch kei­nen Links­ra­di­ka­len. Ob­wohl Hei­ko Maas so prä­gnant durch die Na­se spricht, dass ei­nem schon nach Um­sturz zu­mu­te sein kann ...

Kein Typ zum Un­ter­ha­ken für Andrea Nah­les ist je­den­falls Ger­hard Schrö­der, der die­se Wo­che al­le Ge­rüch­te zu­rück­wies, in ih­rer Ver­zweif­lung wer­de die SPD wie­der zum Alt­kanz­ler grei­fen (Ar­beits­ti­tel: „Er ist wie­der da“). „Ich fin­de kei­nen Orts­ver­ein, der mich vor­schlägt“, wit­zel­te Schrö­der auf ei­ne ent­spre­chen­de Fra­ge. Und der Bun­des­kanz­le­rin, die bald ih­ren Cdu-che­fin­nen­pos­ten ab­ge­ben will, gab Schrö­der noch den treu­her­zi­gen Rat­schlag: Er an ih­rer Stel­le wür­de im Bun­des­tag die Ver­trau­ens­fra­ge stel­len. Ist Schrö­der nicht Ahn­herr des Sprich­worts, nach dem Rat­schlä­ge „auch Schlä­ge“sei­en? Den­noch:

Micha­el B. Ber­ger mit ei­nem sa­ti­ri­schen Rück­blick auf die Wo­che Hin und wie­der hört man den Al­ten gern ...

Was man von Do­nald Trump nicht be­haup­ten kann, des­sen Pres­se­kon­fe­ren­zen im­mer­hin un­ter­halt­sam sind, wenn er Jour­na­lis­ten als „schreck­li­che Men­schen“ab­kan­zelt, die schreck­li­che Fra­gen stell­ten. Aber dass wir uns an Trump schon ge­wöhnt ha­ben, gibt zum En­de die­ser früh­lings­haf­ten Wo­che mit­ten im düs­te­ren No­vem­ber schon zu den­ken. Ob es es dar­an liegt, dass die Dunk­le Erd­hum­mel zum Gar­ten­tier 2018 ge­kürt wur­de – ein In­sekt, das im Treib­haus­an­bau vor al­lem zu Be­stäu­bung von To­ma­ten ein­ge­setzt wird? Oder ist das „Sein“mitt­ler­wei­le so ab­surd ge­wor­den, dass sich das „Be­wusst­sein“nur noch in ab­sur­den Hum­mel­ver­glei­chen ver­liert? Fra­gen über Fra­gen.

Um­fra­gen­ge­pei­nig­te So­zi­al­de­mo­kra­ten mö­gen sich da­mit trös­ten, dass et­wa das Mei­nungs­for­schungs­in­stiti­tut For­sa die Deut­schen nicht nur fragt, wen sie denn dem­nächst wäh­len wür­den, son­dern auch, ob sie am liebs­ten „schlau sein“woll­ten, „reich oder doch lie­ber schön.“Bei die­sem Mei­nungs­test ha­ben üb­ri­gens die we­nigs­ten der Be­frag­ten „schön“ge­ant­wor­tet. Tröst­lich. Schön­heit wird schlicht über­schätzt.

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