Zu­kunfts­rä­te sol­len De­mo­kra­tie stär­ken

Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Leg­ge­wie wirbt für Ein­füh­rung von Zu­kunfts­rä­ten

Göttinger Tageblatt - - GÖTTINGEN - Von Rü­di­ger Fran­ke

Göt­tin­gen. Sei­ne Idee der Zu­kunfts­rä­te als vier­te Ge­walt der De­mo­kra­tie hat Pro­fes­sor Claus Leg­ge­wie am Don­ners­tag im Deut­schen Thea­ter (DT) in Göt­tin­gen vor­ge­stellt. Der re­nom­mier­te Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler war zu Gast bei der Fort­set­zung der im No­vem­ber 2016 von EPIZ und DT ge­star­te­ten Dis­kus­si­ons­rei­he un­ter dem Dach der of­fe­nen Ge­sell­schaft. Um die Um­set­zung zu prü­fen, will das EPIZ im kom­men­den Jahr ei­ne Zu­kunfts­kon­fe­renz or­ga­ni­sie­ren.

„Dan­ke, dass Sie heu­te über De­mo­kra­tie spre­chen wol­len“, be­grüß­te Leg­ge­wie, der von 1986 bis 1989 als Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen tä­tig war, die rund 250 Be­su­cher im DT. Die De­mo­kra­tie ha­be zu brö­seln be­gon­nen. Dar­an sei­en un­ter an­de­rem Staats­chefs wie Trump, Pu­tin, Er­do­gan und Or­ban schuld. Der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler sprach von ei­ner Re­prä­sen­ta­ti­ons­kri­se und ei­nem Le­gi­ti­ma­ti­ons­ver­lust li­be­ra­ler De­mo­kra­ti­en. Die Be­völ­ke­rung füh­le sich von den Volks­ver­tre­tun­gen nicht mehr ver­tre­ten. „Das be­rei­tet den Nähr­bo­den für Po­pu­lis­ten“, sag­te er. Des­halb sei es wich­tig, im Mai 2019 zur Eu­ro­pa­wahl zu ge­hen.

Das Ver­trau­en in die De­mo­kra­tie sei bei jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen niedri- ger als bei äl­te­ren. Ei­ne von Leg­ge­wie vor­ge­stell­te Un­ter­su­chung zeig­te ei­nen star­ken Ab­fall bei der Fra­ge, ob es es­sen­ti­ell wich­tig sei, in ei­ner De­mo­kra­tie zu le­ben. Je jün­ger, des­to we­ni­ger wich­tig wur­de es an­ge­se­hen. Das sei selbst in ge­fes­tig­ten De­mo­kra­ti­en wie Schwe­den fest­ge­stellt wor­den. In Thü­rin­gen ha­be ei­ne Um­fra­ge er­ge­ben, dass ge­ra­de ein­mal fünf Pro­zent der Be­völ­ke­rung Ver­trau­en in die Par­tei­en ha­ben. Da­für stei­ge das Ver­trau­en in Bür­ger­initia­ti­ven.

Ge­mein­sam mit der Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Pro­fes­so­rin Pa­tri­zia Nanz schla­ge Leg­ge­wie vor, die Ge­wal­ten­tei­lung zu er­wei­tern und zu­sätz­lich zu Le­gis­la­ti­ve (ge­setz­ge­ben­de Ge­walt), Exe­ku­ti­ve (aus­füh­ren­de Ge­walt) und Ju­di­ka­ti­ve (recht­spre­chen- de Ge­walt) ei­ne Kon­sul­ta­ti­ve (be­ra­ten­de Ge­walt) ein­zu­rich­ten. Zu­kunfts­rä­te, wie Nanz und Leg­ge­wie sie vor­schla­gen, sei­en „dau­er­haf­te Ein­rich­tun­gen ei­ner Ge­mein­de, ei­nes Stadt­teils oder Lan­des oder ei­ner su­pra­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on, die wich­ti­ge Zu­kunfts­fra­gen iden­ti­fi­zie­ren und Lö­sungs­vor­schlä­ge aus­ar­bei­ten, mit de­nen sich Le­gis­la­ti­ve und Exe­ku­ti­ve sub­stan­ti­ell und in an­ge­mes­se­ner Frist be­fas­sen und Feed­back ge­ben müs­sen“. Ei­nem Zu­kunfts­rat sol­len je nach po­li­ti­scher Ebe­ne et­wa 15 bis ma­xi­mal 50 zu­fäl­lig aus­ge­wähl­te Per­so­nen an­ge­hö­ren, wel­che „die Be­völ­ke­rung an­nä­hernd ab­bil­den und vor al­lem in ih­rer Ge­ne­ra­tio­nen­mi­schung spie­geln“.

„Wird Göt­tin­gen die ers­te Stadt in Deutsch­land mit ei­nem Zu­kunfts­rat?“, frag­te Mo­de­ra­to­rin Lui­sa Neu­bau­er den Göt­tin­ger Ober­bür­ger­meis­ter Rolf-ge­org Köh­ler (SPD) in ei­nem der drei sich an­schlie­ßen­den Fo­ren. Köh­ler er­klär­te, dass er nicht so­fort Hur­ra ru­fe, nur weil ei­ne Sa­che gut klin­ge. In Göt­tin­gen ha­be es bei grö­ße­ren Pro­jek­ten wie dem Kli­ma­ziel oder der Ver­kehrs­ent­wick­lung im­mer wie­der Be­völ­ke­rungs­be­tei­li­gun­gen ge­ge­ben. Und man dür­fe nicht er­war­ten, dass bei ei­nem Zu­kunfts­rat hin­ter­her nie­mand un­zu­frie­den sei.

FO­TO: HINZMANN

Pro­fes­sor Claus Leg­ge­wie spricht über Her­aus­for­de­run­gen der De­mo­kra­tie.

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