Jazz im frei­en Fall

41. Göt­tin­ger Jazz­fes­ti­val: Ta­ge­blatt-in­ter­view mit Po­sau­nist Til Schnei­der vom Trio Th­ree Fall

Göttinger Tageblatt - - THEMA DES TAGES - Von Udo Hinz

Sie mi­schen Jazz mit Hi­p­Hop, Rock, World­mu­sic, Reg­gae, Funk und Pop: Das Trio „Th­ree Fall“und die Sän­ge­rin Me­la­ne spie­len Mu­sik für Men­schen, die nicht an Gren­zen glau­ben. Am Sonn­abend, 17. No­vem­ber, gas­tie­ren sie auf dem Göt­tin­ger Jazz­fes­ti­val. Das Ta­ge­blatt sprach mit Po­sau­nist Til Schnei­der – über Rock­mu­sik, die Be­geg­nung mit der Sän­ge­rin Me­la­ne und die Frei­heit oh­ne Bass und Har­mo­ni­ein­stru­ment zu spie­len.

Herr Schnei­der: Wo­her kommt der Na­me der Band?

„Th­ree Fall“heißt ja „drei“und „fal­len“– al­so der freie Fall zu dritt. Wir fal­len, weil wir kei­nen Bo­den un­ter den Fü­ßen ha­ben. So hat es sich an­ge­fühlt, als wir das ers­te mal zu­sam­men ge­spielt ha­ben. Wir ha­ben ge­merkt: Da fehlt doch noch was – ein Bass und Ak­kord­in­stru­men­te.

Wie sind Sie da­mit um­ge­gan­gen?

Als Blä­ser ha­ben wir be­gon­nen Bass­li­ni­en zu spie­len und Ak­kor­de akus­tisch zu er­zeu­gen. Durch Fla- geo­letts auf dem Sa­xo­fon und Mul­ti­pho­nics, al­so gleich­zei­ti­ges Sin­gen und Spie­len auf der Po­sau­ne, ent­ste­hen Mehr­stim­mig­kei­ten. Da­zu ha­ben wir uns mit der Zeit ei­ni­ge Ef­fek­te ge­kauft.

Wel­che Frei­hei­ten hat man, wenn man oh­ne Bass und Pia­no be­zie­hungs­wei­se Gi­tar­re spielt?

Erst ein­mal ist es an­stren­gen­der! Als Blä­ser muss man die gan­ze Zeit spie­len. Aber das prägt auch un­se­ren Ge­samt­klang als Band – un­ser Er­ken­nungs­zei­chen. Be­son­ders durch den „Har­mo­ni­zer“-ef­fekt ha­be ich da­zu als Kom­po­nist die Frei­heit, mei­ne Ide­en, die ich meis­tens am Kla­vier ent­wick­le, mit der Po­sau­ne um­zu­set­zen und auch oh­ne Key­board oder Gi­tar­re zum Bei­spiel ei­ne Fünf­stim­mig­keit zu er­zeu­gen. Un­se­re Be­set­zung ist ver­bun­den mit un­ge­wohn­ten Ein­schrän­kun­gen, aber auch mit un­ge­wöhn­li­chen Mög­lich­kei­ten – das macht den Reiz aus.

Gibt es auch mehr Raum für die Im­pro­vi­sa­ti­on?

Ja, durch un­se­re ab­ge­speck­te Be­set­zung hat man durch­aus Platz beim Im­pro­vi­sie­ren. Durch die Elek­tro­nik be­kommt die Mu­sik auch Rock-fee­ling. Lie­ben Sie die­se En­er­gie des Rocks?

Ja! Wir ha­ben schon u.a. Red Hot Cil­li Pep­pers und Ra­ge Against the Ma­chi­ne ge­co­vert. Be­son­ders un­se­re „Kil­ling In The Na­me Of“-ver­si­on ist im­mer ex­trem gut an­ge­kom­men. Wir ha­ben al­le auch Rock­mu­sik ge­hört, sind aber ge­ne­rell nicht so die Rock­mu­si­ker.

Nach Göt­tin­gen kom­men Sie mit der Sän­ge­rin Me­la­ne. Wie kam es zur Zu­sam­men­ar­beit?

Auf un­se­rem Al­bum „Walk­about“ist ei­ne Kol­la­bo­ra­ti­on mit Pro­moe, dem Front­man der schwe­di­schen Hip-hop-band Loot­ro­op, zu hö­ren. Wir hat­ten schon lan­ge die Idee auch live auf der Büh­ne Ge­sang oder Rap in un­se­re Mu­sik zu in­te­grie­ren. Me­la­ne ha­be ich zum ers­ten Mal live auf ei­nem Fes­ti­val in Köln er­lebt und konn­te mir so­fort vor­stel­len, dass sie su­per zu uns passt.

Was pass­te denn ge­nau?

Sie hat ei­ne tol­le Aus­strah­lung, kann tan­zen, rap­pen und na­tür­lich sehr gut sin­gen. Vor al­lem kom­po­niert sie auch und schreibt Tex­te. Dar­über hin­aus bil­det ih­re sam­ti­ge, sau­be­re Stim­me ei­nen Kon­trast zu

St. Jo­han­nis­kir­che, Göt­tin­gen um 18 Uhr, Jazz­got­tes­dienst mit dem Alex­an­dra Lehm­ler Trio

■ Mon­tag und Diens­tag,

12./13. No­vem­ber

Lu­miè­re, Geis­mar Land­stra­ße 19 in Göt­tin­gen je­weils um 18 Uhr, Film „It Must Schwing! – The Blue No­te Sto­ry“

■ Diens­tag, 13.No­vem­ber Li­te­ra­ri­sches Zen­trum, Düs­te­re Str. 20 in Göt­tin­gen um 20 Uhr Fried­rich Chris­ti­an De­li­us: Die Zu­kunft der Schön­heit – feat. Ove Vol­quartz un­se­rem eher rau­en Band-sound, was die Viel­sei­tig­keit un­se­rer Mu­sik noch er­wei­tert. Me­la­ne bringt ei­ne wei­te­re Por­ti­on En­er­gie in die Band und das mer­ken wir nicht zu­letzt an der Re­ak­ti­on un­se­res Pu­bli­kums, das von sei­nen Stüh­len auf­steht und tanzt. Au­ßer­dem ha­ben wir jetzt rich­ti­ge Soul- und Afro­beat-stü­cke und sind „afri­ka­ni­scher“ge­wor­den, weil Me­la­ne ne­ben eng­li­schen Tex­ten auch in ih­rer Mut­ter­spra­che Lin­ga­la singt.

Neh­men die un­ter­schied­li­chen Spra­chen Ein­fluss auf die Mu­sik?

Auf je­den Fall: Lin­ga­la hat ei­nen sehr schö­nen Klang und un­se­re Mu­sik klingt da­durch noch be­son­de­rer.

Me­la­ne bringt durch ih­re Tex­te auch po­li­ti­sche Aus­sa­gen in die Mu­sik.

Ja, in dem Stück „Peop­le“geht es um Flücht­lin­ge. Der Text ist ei­ne Kri­tik an der Igno­ranz pri­vi­le­gier­ter Men­schen, die die Au­gen da­vor ver­schlie­ßen, dass Men­schen ih­re Hei­mat ver­las­sen müs­sen. Es ist au­ßer­dem ei­ne Re­fle­xi­on von Me­la­ne auf­grund ih­rer per­sön­li­cher Er­fah­run­gen: Ihr Bru­der muss­te wäh­rend des Bür­ger­kriegs im Kon­go flie­hen, wur­de aber wie­der aus Deutsch­land ab­ge­scho­ben.

■ Frei­tag, 16. No­vem­ber

Deut­sches Thea­ter, Thea­ter­platz 11 in Göt­tin­gen ab 19.15 Uhr

Gro­ße Büh­ne: Vin­cent Pei­ra­ni Li­ving Being, Ju­lia Ka­del Trio und The St­an­ley Bit­te er­zäh­len Sie von den Band­mit­glie­dern. Wer bringt was in eu­re Mu­sik ein?

Un­ser Schlag­zeu­ger Se­bas­ti­an Win­ne kommt eher aus der Welt­mu­sik­e­cke, ist ein zum Bei­spiel gro­ßer Joe Za­win­ul-fan und für den Groo­ve maß­geb­lich. Lutz Streun hat mit sei­ner Bass­kla­ri­net­te ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches In­stru­ment und mag be­son­ders die Frei­heit des Free­jazz. Ich sel­ber kom­me eher von elek­tro­ni­scher Mu­sik und Hip-hop, ar­ran­gie­re viel für die Band, schrei­be die meis­ten Stü­cke und ha­be das Al­bum mit Me­la­ne ab­ge­mischt.

Wie sind Sie per­sön­lich zum Jazz ge­kom­men?

Ich wur­de da so rein­ge­schmis­sen. Ich ha­be als Kind beim Kla­vier­Un­ter­richt ei­nen Boo­gie-woo­gie vor­ge­legt be­kom­men, der es mir sehr an­ge­tan hat. Als Te­enager ha­be ich zwar schon am Kla­vier im­pro­vi­siert, aber auch viel Mu­sik mit Syn­the­si­zer, Sam­pler und Com­pu­ter pro­du­ziert und wur­de spä­ter To­n­in­ge­nieur. Jazz­mu­si­ker bin ich ei­gent­lich erst durch Th­ree Fall ge­wor­den. Ich ha­be Jazz in Köln stu­diert. Mei­ne El­tern woll­ten, dass ich et­was stu­die­re, wenn sie mir mei­ne Woh­nung in Köln fi­nan­zie­ren wür- den. Ei­gent­lich ha­be ich aber schon im­mer in vie­len un­ter­schied­li­chen Bands ge­spielt und Stu­dio-pro­jek­te mit ver­schie­de­nen Vo­cal-ar­tists ge­macht, de­ren Mu­sik man nicht Jazz nen­nen wür­de.

Was ist denn für Sie das Be­son­de­re an Th­ree Fall?

Wir ha­ben durch un­se­re Blas­in­stru­men­te und Ef­fek­te die­sen spe­zi­el­len, un­ver­kenn­ba­ren Sound. Wir könn­ten da­her ei­gent­lich je­de Mu­sik spie­len und wür­den im­mer nach Th­ree Fall klin­gen. Au­ßer­dem wol­len wir far­ben­rei­che und in­ter­es­san­te Mu­sik ma­chen. Da­her im­pro­vi­sie­ren wir zwar wie im Jazz, aber die Im­pro­vi­sa­ti­on muss nicht zu gro­ßen Raum ein­neh­men. Pas­sa­gen sol­len nicht zu lang sein – es soll Ab­wechs­lung da sein. Zu­dem be­die­nen wir uns ver­schie­dens­ter Gen­res, weil für uns Jazz ei­ne Mi­schung aus un­ter­schied­li­chen Sti­len ist. Wir spie­len auch sehr tanz­ba­re Mu­sik und nicht nur auf Jazz­fes­ti­vals. Mit ei­nem Bein möch­ten wir im Jazz blei­ben und mit dem an­de­ren Bein in vie­len an­de­ren Sa­chen ste­cken.

In­fo Th­ree Fall & Me­la­ne gas­tie­ren am Sonn­abend, 17. No­vem­ber, um 22 Uhr im Deut­schen Thea­ter Göt­tin­gen.

FO­TOS: R/GREIFS­WALD

Th­ree Fall & Me­la­ne sind zu Gast beim Jazz­fes­ti­val.

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