IST DER CSD WICH­TIG?

Gay Friendly Germany - - Essay - Über­set­zung: Micha­el Thie­le

Als ich vor fast 20 Jah­ren nach New York kam, war der Gay Pri­de ei­ner der stärks­ten Ein­drü­cke, den ich von mei­ner neu­en Hei­mat­stadt be­kam. So ei­ne rie­si­ge und aus­ge­las­se­ne De­mons­tra­ti­on für Frei­heit und Gleich­heit zu se­hen, das war ei­ne ab­so­lu­te Of­fen­ba­rung für mich. Im­mer­hin war ich als of­fen Schwu­ler, der auch öf­fent­lich über schwu­le Be­lan­ge sprach, ge­ra­de aus ei­nem ho­mo­pho­ben Land aus­ge­wan­dert. Das hier muss­te das ame­ri­ka­ni­sche, schwu­le Uto­pia sein, wie ich es mir vor­ge­stellt hat­te. Ich muss­te wei­nen, ich dach­te, wie glück­lich ich doch bin, die­sen Um­zug zu ver­fol­gen, ein Teil von ihm zu sein – im Ge­gen­satz zu mei­nen schwu­len Freun­den in Russ­land, die ich zu­rück­ge­las­sen hat­te. Ob­wohl das Ber­lin der Wei­ma­rer Re­pu­blik of­fi­zi­ell als die Ge­burts­stät­te der Ho­mo­se­xu­el­len­be­we­gung gilt, ging es so rich­tig erst in New York Ci­ty los, als sich da­mals im Som­mer 1969 ein Hau­fen auf­rüh­re­ri­scher Dra­gqueens und be­trun­ke­ner Tun­ten in der Sto­ne­wall-Bar in der Chris­to­pher Street ge­gen die Schi­ka­nen der Po­li­zei zur Wehr setz­te (sie­he auch Sei­te 50/51). Zum ers­ten Mal re­bel­lier­ten Schwu­le und Les­ben drau­ßen in den Stra­ßen – und ma­chen es seit­dem je­den Som­mer, um an den An­fang der welt­wei­ten ho­mo­se­xu­el­len Re­vo­lu­ti­on zu er­in­nern. 45 Jah­re spä­ter le­ben wir in ei­ner Welt, in der die gleich­ge­schlecht­li­che Ehe in 18 US-Bun­des­staa­ten of­fi­zi­ell an­er­kannt ist. Als ich 1994 in Russ­land ver­such­te, die ers­te gleich­ge­schlecht­li­che Ehe ein­tra­gen zu las­sen, wirk­te das wie ei­ne weit ent­fern­te Zu­kunft und vie­le von uns kämpf­ten und ar­bei­te­ten hart, um sie zu er­rei­chen. Ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von Les­ben und Schwu­len kann sich glück­lich schät­zen, in die­sem Ho­mo-Pa­ra­dies zu le­ben, aber sie küm­mert sich kaum um Po­li­tik; sie in­ter­es­siert sich mehr für die neu­es­te Plat­te von La­dy Ga­ga oder die nächs­te schwu­le Kreuz­fahrt als für die La­ge der Ho­mo­se­xu­el­len­rech­te in an­de­ren, we­ni­ger glück­li­chen Tei­len der Welt. In fast 80 Län­dern ist Ho­mo­se­xua­li­tät noch im­mer ver­bo­ten. Trau­ri­ger­wei­se spie­geln die meis­ten Pri­de-Pa­ra­den, die ich in den letz­ten Jah­ren ge­se­hen ha­be, die­ses po­li­ti­sche Des­in­ter­es­se wi­der und be­güns­ti­gen es so­gar, weil sie statt­des­sen auf den Kon­sum­wahn der Com­mu­ni­ty ab­zie­len. Der letz­te Um­zug, auf dem ich war, glich ei­nem end­lo­sen Fluss aus Fir­menSchif­fen, um die her­um ein Hau­fen von halb­nack­ten, Mar­ken­lo­gos tra­gen­den Mus­kel-Klo­nen tanz­te, weil sie da­für be­zahlt wur­den. Die we­ni­gen Ak­ti­vis­ten­grup­pen mit po­li­ti­schen Bot­schaf­ten gin­gen in ei­nem re­gen­bo­gen­far­be­nen Meer von Wer­bung un­ter. Die Auf­re­gung um mei­nen al­ler­ers­ten Gay Pri­de ist ei­ner Ver­är­ge­rung über je­de Art von Pa­ra­de ge­wi­chen. Ist der CSD al­so noch von Be­deu­tung, nach all den Sie­gen und Er­run­gen­schaf­ten, die von Schwu­len und Les­ben auf der gan­zen Welt er­zielt wur­den? War­um ver­an­stal­tet man sol­che Pa­ra­den über­haupt noch an Or­ten, die oh­ne­hin schon kos­mo­po­li­tisch und fort­schritt­lich sind? Das ist, als pre­di­ge man zu den Über­zeug­ten, wie man so schön in Ame­ri­ka sagt. Wä­re es nicht sinn­vol­ler, wenn die gan­zen ge­werb­li­chen CSD-Spon­so­ren das glei­che Geld da­für aus­gä­ben, um un­se­ren Brü­dern und Schwes­tern zu hel­fen, die in Län­dern wie Sim­bab­we in Schwie­rig­kei­ten ste­cken, weil die­se von ei­nem be­rüch­tig­ten, ho­mo­pho­ben Dik­ta­tor na­mens Ro­bert Mu­ga­be re-

In ei­nem auf­wüh­len­den Es­say er­klärt der New Yor­ker Fo­to­graf Sla­va Mo­gu­tin, war­um es an der Zeit ist, wie­der auf die Stra­ße zu ge­hen und für Ho­moRech­te zu kämp­fen

giert wer­den. Oder im Iran, wo Schwu­le, ein­schließ­lich Ju­gend­li­chen, re­gel­mä­ßig in al­ler Öf­fent­lich­keit ge­hängt wer­den. Oder in Mau­re­ta­ni­en, wo Schwu­le zum Tod durch öf­fent­li­che St­ei­ni­gung ver­ur­teilt wer­den … Die­se Lis­te lie­ße sich im­mer wei­ter fort­set­zen, et­wa mit der gan­zen is­la­mi­schen Welt und mit ei­nem gro­ßen Teil von Afri­ka, der auf ge­ra­de­zu ag­gres­si­ve Wei­se schwu­len- und les­ben­feind­lich ist. Da­zu kom­men die zwei be­völ­ke­rungs­reichs­ten Län­der der Welt, Chi­na und In­di­en, in de­nen Ho­mo­se­xua­li­tät halb­le­gal ist, und Russ­land, das jüngst An­ti-Schwu­len-Ge­set­ze ver­ab­schie­det hat. Mit ei­nem Mal sieht die Welt­kar­te gar nicht mehr so ho­mo­freund­lich aus. Wie auch im­mer, die mas­si­ven in­ter­na­tio­na­len Ge­gen­re­ak­tio­nen auf Pu­tins ho­mo­pho­ben Kreuz­zug las­sen mich hof­fen, dass wir wie­der zu­sam­men­kom­men kön­nen für ei­nen gu­ten Zweck. Der neue Bür­ger­meis­ter von Mos­kau hat erst vor kur­zem ein Ver­bot von Pri­des für die nächs­ten 100 Jah­re un­ter­zeich­net, für ihn sei­en sie „sa­ta­nis­tisch“. Wie wich­tig ist al­so der CSD im Jahr 2014? Die Ge­schich­te von Sto­ne­wall, das als Kra­wall von ein paar Be­trun­ke­nen be­gann und zu ei­ner gro­ßen, lan­des­wei­ten Pro­test­be­we­gung her­an­wuchs, lehrt uns ei­ne wich­ti­ge Sa­che: Ei­ne Grup­pe von Schwu­len und Drag-queens kann tat­säch­lich die Welt ver­än­dern. Der CSD ist ein gu­ter An­lass, sich zu ver­sam­meln und zu pro­tes­tie­ren, nach­zu­sin­nen und zu fei­ern. Es ist an der Zeit, wie­der po­li­tisch zu wer­den. Es ist an der Zeit, dass wir uns an un­se­re re­bel­li­sche Ver­gan­gen­heit er­in­nern und die Stra­ßen er­obern, dass wir zei­gen, wie vie­le wir ei­gent­lich sind, und nicht nur in Städ­ten wie New York und Ber­lin für Gleich­be­rech­ti­gung kämp­fen, son­dern auch in all den ho­mo­pho­ben Haupt­städ­ten auf der Welt, von Te­he­ran bis Mos­kau. Es ist an der Zeit, dass wir Ho­mo­pho­bie zu ei­ner Krank­heit der Ver­gan­gen­heit wer­den las­sen. Ei­nen schö­nen CSD euch al­len!

Zum Au­tor

In Si­bi­ri­en ge­bo­ren und mit 14 Jah­ren nach Mos­kau ge­zo­gen, muss­te Sla­va Mo­gu­tin Russ­land 1995 ver­las­sen: Sei­ne Mei­nung, die von der Staats­dok­trin ab­wich, hat er zu oft ge­äu­ßert. Au­ßer­dem hat er 1994 ver­sucht, ge­wis­ser­ma­ßen als po­li­ti­sche Ak­ti­on, als ers­ter Rus­se sei­nen Freund zu hei­ra­ten. Ging na­tür­lich nicht. In New York fand Sla­va Mo­gu­tin ei­ne neue Hei­mat und avan­cier­te schnell zum Star-Fo­to­gra­fen. Zu sei­nen The­men ge­hö­ren ur­ba­ne Ju­gend­kul­tu­ren, Gen­der und Cross­over, die Se­xua­li­tät von Er­wach­se­nen, der Zu­sam­men­bruch so­zia­ler Nor­men und Wer­te … Sei­ne Bil­der sieht man in Aus­stel­lun­gen, Kunst­samm­lun­gen und Ma­ga­zi­nen in al­ler Welt.

About the aut­hor

Born in Si­be­ria, Sla­va Mo­gu­tin mo­ved to Moscow when he was four­teen and was forced to lea­ve Rus­sia in 1995: he of­ten loud­ly voiced his opi­ni­ons – and they de­via­ted from sta­te doc­tri­ne. He al­so tried to be­co­me the first Rus­si­an to mar­ry his boy­fri­end in 1994, as a po­li­ti­cal ac­tion to so­me extent, which of cour­se pro­ved im­pos­si­ble. In New York Ci­ty, Sla­va Mo­gu­tin dis­co­ve­r­ed a new home­land and quick­ly be­ca­me a star pho­to­gra­pher. His the­mes in­clu­de ur­ban youth cul­tu­re, gen­der and cross­over, adult se­xua­li­ty, the col­lap­se of so­ci­al norms and va­lues … His pho­tos can be se­en in ex­hi­bits, art collec­tions and ma­ga­zi­nes around the glo­be.

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