ZEIGT EUCH!

Gay Friendly Germany - - Essay -

In ei­ner Welt, in der vie­le He­te­ros LGBTI höchs­tens dul­den, ist das tag­täg­li­che Co­m­ing-out ei­ne der mu­tigs­ten und ehr­lichs­ten Ta­ten. Ein Es­say von Eg­bert Hör­mann über die Le­bens­wirk­lich­keit von Les­ben, Schwu­len, Trans­gen­dern, Bi- und In­ter­se­xu­el­len

Un­se­re som­mer­li­chen Com­mu­ni­ty-Fei­er­ta­ge sind ein aus­ge­zeich­ne­ter An­lass, über die Le­bens­si­tua­ti­on von Schwu­len, Les­ben und an­de­ren quee­ren Men­schen nach­zu­den­ken. Whe­re are we now? Nun ja, mal da, mal dort. Man kann zum Bei­spiel ge­gen die CSDs (oder wie auch im­mer sie ge­ra­de hei­ßen) ja ei­ni­ges ein­wen­den, et­wa: zu kom­mer­zi­ell, zu ju­gend­do­mi­niert, zu sehr Sel­fie-Nar­ziss­mus, zu sehr wie ein quee­rer Ro­sen­mon­tags­um­zug etc. und dann auch noch die mu­si­ka­li­sche Dau­er­be­d­röh­nung durch Tech­no oder die ab­ge­half­ter­ten I-will­sur­vi­ve-We-are-fa­mi­ly-I-am- what-I-am-Dau­er­bren­ner. Nie­mand aber wird be­strei­ten, dass sie ab­so­lut not­wen­dig sind, da die Sicht­bar­keit im öf­fent­li­chen Le­ben von LGBTI nicht nur Mit­tel zum Zweck der Eman­zi­pa­ti­on ist, son­dern eben auch ihr Ziel. You’ve co­me a long way, baby – ich er­in­ne­re an die ers­ten, von der Ho­mo­se­xu­el­len Ak­ti­on West­ber­lin in­iti­ier­ten De­mons­tra­tio­nen in den 1970er-Jah­ren. Ma­xi­mal ein paar hun­dert Schwu­le und ein paar Les­ben (ei­ni­ge aus Selbst­schutz mas­kiert!) mar­schier­ten mit selbst­ge­mal­ten Trans­pa­ren­ten tap­fer ein paar Ki­lo­me­ter über den Kur­fürs­ten­damm in Ber­lin und trotz­ten dem Hass und dem Ekel in den Ge­sich­tern der am Stra­ßen­rand Gaf­fen­den, die so weit gin­gen, das quee­re Häuf­chen an­zu­pö­beln und an­zu­spu­cken. Ja, wir ha­ben so ei­ni­ges er­reicht – aber nicht, weil es uns ge­schenkt wur­de, son­dern weil wir dar­um un­er­müd­lich ge­kämpft ha­ben. Der Schand­pa­ra­graf 175 wur­de im Ju­ni 1994 (!) er­satz­los ge­stri­chen, seit 2001 dür­fen wir uns ver­part­nern und wir ha­ben un­se­re Frei­räu­me (Get­tos?). Das ist schön und gut so, aber ma­chen wir uns nichts vor – der Kampf geht wei­ter. Die Sui­zid­ra­te un­ter quee­ren Kids ist ex­trem hoch, die Ge­walt ge­gen quee­re Men­schen nimmt nicht ab, „schwul“ist das Lieb­lings­schimpf­wort al­ler Schul­hö­fe, und der Fe­mi­nis­mus, ganz eng ver­bun­den mit der Sa­che der LGBTI, er­lebt schon seit län­ge­rer Zeit ei­nen Back­lash. Wie sich die pro­mi­nen­ten He­ten­wei­ber win­den, wenn sie ih­re Ein­stel­lung zum F-Wort preis­ge­ben sol­len! Die ame­ri­ka­ni­sche Fe­mi­nis­tin Glo­ria St­ei­nem brach­te es ein­mal bündig auf den Punkt: „Ei­ne Frau, die kei­ne Fe­mi­nis­tin ist, ist ei­ne Ma­so­chis­tin.“Wir le­ben im­mer noch in Zei­ten des He­ten­ter­rors, der sich nun die neo­li­be­ra­le Mas­ke der To­le­ranz auf­ge­setzt hat. Wir kön­nen ja schwul oder les­bisch sein, aber bit­te die­sen „Le­bens­stil“nicht öf­fent­lich prä­sen­tie­ren (heißt: al­so mög­lichst un­sicht­bar blei­ben)! Da­bei wird He­te­ro­se­xua­li­tät im All­tag ex­trem pe­ne­trant zur Schau ge­stellt! Der weib­li­che Kör­per ist im­mer noch Se­xu­al­ob­jekt pur und hat nur ei­ne Bot­schaft: Auch ich bin ei­ne Mö­se. Dass die he­te­ro­se­xu­el­le, bür­ger­li­che Ehe im Tur­bo-Ka­pi­ta­lis­mus nur ein den Kon­sum be­hin­dern­des Aus­lauf­mo­dell ist, wird hef­tig ge­leug­net. Wir sind von he­te­ro­se­xu­el­len Bil­der­wel­ten und Nor­men völ­lig reiz­über­flu­tet! Von mor­gens bis abends se­hen wir die ge­ra­de ak­tu­el­len Mo­del­le von Adam und Eva, die so tun, als hät­ten sie das Fi­cken und das Kin­der­krie­gen er­fun­den! Und nie­mand kann mir er­zäh­len, dass wir wirk­lich ent­spannt sind, wenn wir uns ein­mal trau­en und händ­chen­hal­tend fla­nie­ren oder (Skan­dal!) viel­leicht an der Bus­hal­te­stel­le et­was her­um­knut­schen – das zeigt Zi­vil­cou­ra­ge, ist und bleibt aber ein völ­lig an­ge­spann­tes Spieß­ru­ten­lau­fen, das je nach Um­feld recht schnell in He­ten­ge­walt kip­pen kann. Des­halb for­dern wir rund­um das En­de der To­le­ranz! Es reicht! Schrei­ben wir tat­säch­lich das Jahr 2014? In ei­ner „Maisch­ber­ger“-Talk­show wur­de doch neu­lich ernst­haft dar­über dis­ku­tiert, ob man von den Men­schen ver­lan­gen dür­fe, dass sie Ho­mo­se­xua­li­tät ak­zep­tie­ren, oder nur, dass sie sie to­le­rie­ren. Kon­ser­va­ti­ve He­ten bie­ten zwar (not­ge­drun­gen) To­le­ranz, aber kei­ne Ak­zep­tanz an – man muss uns halt hin­neh­men, aber nicht gut fin­den (was heißt das ei­gent­lich?!). Im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch wer­den die Be­grif­fe „To­le­ranz“und „Ak­zep­tanz“oft aus­tausch­bar ver­wen­det, aber sie sind et­was ganz Un­ter­schied­li­ches. Da hilft der Klas­si­ker Goe­the: „To­le­ranz soll­te ei­gent­lich nur ei­ne vor­über­ge­hen­de Ge­sin­nung sein: Sie muss zur An­er­ken­nung füh­ren. Dul­den heißt be­lei­di­gen.“(aus „Ma­xi­men und Re­fle­xio­nen“, ei­ner Spruch­samm­lung des Dich­ters, die 1833 post­hum er­schien – Anm. d. Red.) His­to­risch be­trach­tet, war To­le­ranz im­mer ei­ne zwie­späl­ti­ge An­ge­le­gen­heit. Ei­ner­seits war sie ein Fort­schritt und be­deu­te­te das En­de von Ver­fol­gung, an­de­rer­seits ze­men­tier­te sie aber auch die Un­gleich­heit. To­le­ranz be­deu­tet, dass et­was als Tat­sa­che und aus prag­ma­ti­schen Grün­den hin­ge­nom­men, es aber im Grun­de ab­ge­lehnt und nicht als gleich­wer­tig ak­zep­tiert wird. Und wie schnell die­se ge­währ­te To­le­ranz uns wie­der ent­zo­gen wer­den

„Wir le­ben im­mer

noch in Zei­ten des He­ten­ter­rors, der sich nun die neo­li­be­ra­le Mas­ke der To­le­ranz auf­ge­setzt hat“

„Nie­mand kann mir er­zäh­len, dass wir ent­spannt sind,

wenn wir ein­mal händ­chen­hal­tend fla­nie­ren oder viel­leicht et­was her­um­knut­schen!“

kann, zeig­te sich ja in den Jah­ren der Aids(„die Schwu­len­seu­che“)Kri­se. Wie ver­lo­gen die­se To­le­ranz ist, sah man auch an der völ­lig über­trie­be­nen öf­fent­li­chen Auf­merk­sam­keit, die dem Co­m­ing-out von Tho­mas Hitzlsper­ger zu­teil­wur­de. Wür­de Ho­mo­se­xua­li­tät nicht als de­fi­zi­tär und un­nor­mal emp­fun­den, wä­re es da­zu nicht ge­kom­men. Und es geht hier nicht um ir­gend­wel­che se­xu­el­len Prak­ti­ken, son­dern um die An­er­ken­nung von quee­rer Se­xua­li­tät als ele­men­ta­rem Be­stand­teil der Iden­ti­tät, es geht um un­se­re per­sön­li­che und exis­ten­zi­el­le Glaub­wür­dig­keit und Au­then­ti­zi­tät. Und es geht doch in­zwi­schen so weit, dass ein gro­ßer Teil der He­ten­be­völ­ke­rung sich von un­se­rer Min­der­heit ty­ran­ni­siert und als Op­fer sieht und der völ­lig ab­ge­lutsch­ten Mei­nung ist, wir soll­ten un­se­re „Ver­an­la­gung“doch bit­te im Pri­va­ten aus­le­ben (im Schrank wa­ren wir schon mal, darf der Schrank – wie to­le­rant! – jetzt gnä­di­ger­wei­se aus Glas sein?). Fei­ern wir des­halb Tag für Tag ein per­ma­nen­tes Co­m­ing-out! Es ist in un­se­rer Ge­sell­schaft ei­ne der mu­tigs­ten, ehr­lichs­ten und wahr­haf­tigs­ten Ta­ten, die ein Mensch aus­füh­ren kann. Un­se­re Wut und un­ser Zorn sind wich­tig und gut, da sie Ver­zagt­heit, Mut­lo­sig­keit und das Ge­fühl der Iso­la­ti­on auf­he­ben. AL­SO: Zeigt euch! Wer­det auf­fäl­lig! Wer­det sub­ver­siv! Wer­det zum St­a­chel im He­ten­fleisch! Em­pört euch! Ent­setzt euch! Wehrt euch! Glaubt mir – die­ses Ver­hal­ten und die­se Ein­stel­lung sind ei­ne hö­he­re Form der Ge­burt. Ja, fei­ern wir täg­lich un­se­re Viel­falt! Wir tan­zen auf dem dün­nen Eis he­te­ro­s­e­xis­ti­scher To­le­ranz, aber wir fei­ern! Will­kom­men, all ihr Ge­schlech­ter! WIR wis­sen, dass es so vie­le Ge­schlech­ter wie Ge­schlechts­ak­te gibt. WIR wis­sen, dass die mensch­li­che Se­xua­li­tät et­was Flüs­si­ges, Va­ria­bles ist und un­zäh­li­ge Va­ria­tio­nen kennt. WIR wis­sen, dass der ärgs­te Feind al­len Se­xes der „nor­ma­le“Sex ist. WIR wis­sen, dass die Be­zeich­nun­gen „Mann“und „Frau“nicht mehr als Höf­lich­keits­flos­keln und sprach­li­che Esels­brü­cken sind. Ja, fei­ern wir uns selbst, wir ha­ben es uns red­lich ver­dient – und schließ­lich tut es sonst nie­mand für uns. Aber ver­ges­sen wir nicht, dass wir nur in We­st­eu­ro­pa und Nord­ame­ri­ka fei­ern kön­nen. Welt­weit wird der geis­ti­ge, see­li­sche, re­li­giö­se und po­li­ti­sche Kon­ser­va­tis­mus die sche­men­haf­te, von der auf­ge­klär­ten Wis­sen­schaft schon seit län­ge­rer Zeit ver­wor­fe­ne Drei­fal­tig­keit He­te­ro­se­xua­li­tät/ Ho­mo­se­xua­li­tät/Bise­xua­li­tät aus wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Grün­den so lan­ge wie mög­lich hü­ten wie ei­nen Schatz. Die ho­mo­pho­be Le­bens­si­tua­ti­on quee­rer Men­schen in den meis­ten Län­dern der Er­de ist wei­ter­hin ex­trem schwie­rig. Fei­ern, un­ter­stüt­zen und so­li­da­ri­sie­ren wir uns auch mit ih­rem Kampf. Nichts, we­der Krank­heit noch Dis­kri­mi­nie­rung noch Un­ter­drü­ckung noch Ge­fäng­nis noch Mord, kann uns aus­lö­schen. Un­se­re Kör­per kön­nen uns ver­ra­ten und ster­ben, aber un­ser Geist bleibt be­ste­hen, un­se­re kos­mi­sche Im­mu­ni­tät wird uns blei­ben. In je­der Se­kun­de, in der quee­res Le­ben er­lischt, wird ein neu­es ge­bo­ren.

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