HO­SEN RUN­TER!

Gay Friendly Germany - - Berlin CSD-Streit | Pride Controversy - Ak­tu­el­le In­fos: www.sie­gessa­eu­le.de

Der Ber­li­ner CSD e. V. hat sich in nur we­ni­gen Mo­na­ten selbst zer­legt. Auf die Pa­ra­de, die zwi­schen­zeit­lich in „Sto­ne­wall“um­be­nannt wur­de, will nun kei­ner mehr ge­hen. Es fasst zu­sam­men und kom­men­tiert Gu­drun Fer­tig

Au­ßer Spe­sen nichts ge­we­sen? Der Ber­li­ner CSD-Streit kos­tet die ei­nen Zeit und Ner­ven – an­de­re ha­ben bis jetzt nicht so recht be­grif­fen, wor­um es geht. Das ist auch le­gi­tim, nie­mand muss sich in die Un­tie­fen von Ver­eins­recht und Klein­ge­druck­tem be­ge­ben, der oder die das nicht will. Schließ­lich ist der Chris­to­pher Street Day vor al­lem „un­ser Tag“. Es geht dar­um, Selbst­be­wusst­sein zu zei­gen, So­li­da­ri­tät mit LGBTI in an­de­ren Län­dern zu üben und ei­ne gu­te Par­ty zu fei­ern. Es geht auch um po­li­ti­sche For­de­run­gen, wo­bei der Be­griff des Po­li­ti­schen schon sehr dehn­bar ist und sich hier nicht im­mer al­le ei­nig sind.

Ein fak­ti­sches Er­geb­nis der „Big-Bang-Theo­ry“des CSD e. V. ist es aber, dass ne­ben dem neu auf­ge­stell­ten Kreuz­ber­ger CSD am 21. Ju­ni zwei wei­te­re De­mos durch die Stadt zie­hen und vie­le nicht wis­sen, war­um. Des­halb hier der Ver­such ei­ner Auf­klä­rung im Schnell­durch­lauf. Per „Big Bang“, so CSD-e. V.-Vor­stand Rein­hard Tho­le auf der Po­di­ums­dis­kus­si­on des Ma­ga­zins SIE­GES­SÄU­LE im April, soll­ten dem CSD ein neu­er Na­me, ei­ne ge­schütz­te Mar­ke „Sto­ne­wall“und ei­ne Neu­auf­stel­lung als ganz­jäh­ri­ger Men­schen­rechts­ver­ein ver­passt wer­den. „Big Bang“des­halb, weil es au­ßer dem Vor­stand und der Ge­schäfts­füh­rung so­wie ei­ni­gen ein­ge­weih­ten Mit­glie­dern aus dem Or­ga-Um­feld des CSD e. V., nie­mand wis­sen durf­te. Das kam bei lang­jäh­ri­gen Mit­glie­dern wie der Ber­li­ner Aids-Hil­fe oder dem LSVD nicht gut an. Sie soll­ten auf ei­ner Mit­glie­der­ver­samm­lung et­was ab­ni­cken, was sie nicht kann­ten und wo­zu sie vor­her ih­re ei­ge­nen Mit­glie­der nicht be­fra­gen konn­ten. Ge­ra­de gut in Fahrt, woll­te der CSD e. V. dann mit der ho­mo­pho­ben Ber­li­ner Po­li­tik auf­räu­men (Po­li­ti­ker mit schwar­zen Bal­ken auf Fly­ern), den Be­hör­den­sumpf rund um Ver­an­stal­tungs­ge­büh­ren auf­de­cken und den CSD „back to the roots“füh­ren. Von den ers­ten bei­den Vor­ha­ben ist nicht mehr viel zu hö­ren, bei letz­te­rem steht die Ver­eins­füh­rung sich selbst im Weg. Denn der Ver­such, „Sto­ne­wall“als Mar­ke schüt­zen zu las­sen, passt nicht da­zu. Kon­struk­ti­ve Ge­sprä­che mit kri­ti­schen Stim­men zu ver­wei­gern auch nicht. Das kin­di­sche Nicht­ein­la­den der SIE­GES­SÄU­LE zu Pres­se­kon­fe­ren­zen und das sinn­lo­se Be­har­ren dar­auf, am Bran­den­bur­ger Tor zu fei­ern, ob­wohl dort die Fuß­ball-Fan­mei­le sein wird, zei­gen, dass sich die Ver­eins­füh­rung ver­rannt hat. Nicht hilf­reich war auch die stei­le The­se von Ge­schäfts­füh­rer Ro­bert Kastl, zum Neu­an­fang pas­se gut, dass un­ter „ Sto­ne­wall Pa­ra­de“kei­ne nack­ten Män­ner­är­sche im Netz zu fin­den sei­en. Non­cha­lant ließ man dar­über hin­aus wis­sen, dass man auf Com­mu­ni­ty-Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Ber­li­ner Aids-Hil­fe und LSVD beim CSD ger­ne ver­zich­te. Dass die­se und an­de­re, dar­un­ter auch Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen, das nicht wei­ter mit­ma­chen woll­ten und frus­triert ei­nen ei­ge­nen „Ber­li­ner CSD 2014“ins Le­ben rie­fen, war kon­se­quent. Die­sen jetzt als Re­gie­rungs-CSD zu ver­un­glimp­fen ist nur ein wei­te­res Ablen­kungs­ma­nö­ver des CSD e. V. Kurz: der „Big Bang“ge­rät zum Rohr­kre­pie­rer, man ru­dert nun Stück für Stück zu­rück, der CSD heißt seit kur­zem wie­der CSD – doch ganz viel Por­zel­lan ist zer­schla­gen. Und im­mer noch gibt man sich nicht ge­sprächs­be­reit, geht man nicht of­fen mit sei­nen Nö­ten um. Denn dar­um geht es ei­gent­lich: Das Kon­zept ei­nes CSD als Groß­ver­an­stal­tung mit ho­hen Wa­gen­ge­büh­ren und Spon­so­ren ist im­plo­diert. Es fehlt an Geld und Man­power für ein Event die­ser Grö­ßen­ord­nung, das die Idee des CSD nicht kom­plett ver­rät. Die Fra­ge, wie ein CSD sinn­voll or­ga­ni­siert und fi­nan­ziert wer­den kann, ist je­doch be­rech­tigt. Mit an­de­ren Wor­ten: Man müss­te ein­fach mal die Ho­sen run­ter­las­sen und ein­ge­ste­hen, dass man in ei­ner Sack­gas­se ist. Das wä­re ein Neu­an­fang und wür­de ei­ne brei­te Dis­kus­si­on er­mög­li­chen. Man könn­te über ei­ne öf­fent­li­che För­de­rung nach­den­ken, über Spen­den der Com­mu­ni­ty, über ein „We­ni­ger ist mehr“und, und, und … Oder, wie es in Köln in den letz­ten Jah­ren ge­schah, über ei­ne durch­läs­si­ge Be­tei­li­gungs­kul­tur, die vie­len die Mög­lich­keit gibt, mit­zu­ma­chen, und den­noch ei­ne zu­ver­läs­si­ge Struk­tur schafft. Macht halt nicht „Bang“.

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