DER PIN­KE UR­KNALL

Wer war ei­gent­lich Chris­to­pher Street? Und was ist Sto­ne­wall? Ein Ex­kurs in die Ge­schich­te des CSD

Gay Friendly Germany - - History - Kay

Das Kür­zel CSD steht für Chris­to­pher Street Day und be­zieht sich nicht auf die Per­son Chris­to­pher Street, son­dern auf ei­ne Stra­ße (wo­bei Wi­ki­pe­dia zu be­rich­ten weiß, dass die Stra­ße seit 1799 nach dem Käu­fer des um­lie­gen­den Lan­des, Charles Chris­to­pher Amos, be­nannt wur­de). Die­se Chris­to­pher Street liegt im New Yor­ker Be­zirk Man­hat­tan, ge­nau­er ge­sagt, im west­li­chen Gre­en­wich Vil­la­ge, dem tra­di­tio­nel­len Vier­tel der Schwu­len und Les­ben, der Dra­gqueens und Trans­se­xu­el­len so­wie der in den 1960er-Jah­ren dort noch flo­rie­ren­den il­le­ga­len Stra­ßen­pro­sti­tu­ti­on. Die Stra­ße führt in west­li­che Rich­tung zu den Docks des Hud­son Ri­ver, wo in den dunk­len Ecken zwi­schen Last­wa­gen, La­de­büh­nen und In­dus­trie­ge­bäu­den der schnel­le, an­ony­me Sex – be­zahlt oder un­be­zahlt – in den 1960er- und 1970er-Jah­ren zwi­schen Män­nern äu­ßerst be­liebt war. So wun­dert es nicht, dass die um­lie­gen­den Kn­ei­pen al­les an­de­re als chic oder gla­mou­rös wa­ren, zu­mal vie­le von der Ma­fia kon­trol­liert wur­den. Ei­ner die­ser zwie­lich­ti­gen Schup­pen war das Sto­ne­wall Inn (über­setzt et­wa: „Zur St­ein­mau­er“). Und nie­mand ahn­te wohl, dass aus­ge­rech­net die­se ab­ge­r­anz­te Kn­ei­pe ein­mal Welt­ge­schich­te schrei­ben wür­de.

Doch in der Nacht vom Frei­tag, dem 27. Ju­ni, zum Sams­tag, dem 28. Ju­ni 1969, muss ge­gen 1.20 Uhr et­was Ma­gi­sches in der Luft ge­le­gen ha­ben: Es gab ei­ne der durch­aus üb­li­chen, im­mer un­an­ge­neh­men und bru­ta­len Po­li­zei­raz­zi­en, bei de­nen die Per­so­na­li­en der Gäs­te auf­ge­nom­men wer­den soll­ten und Per­so­nen, die mehr als drei Klei­dungs­stü­cke des „an­de­ren Ge­schlechts“tru­gen, fest­ge­nom­men wer­den konn­ten. An die­sem Abend wehr­ten sich die Stamm­gäs­te des Sto­ne­wall Inn ge­gen die Po­li­zei, zu­nächst mit Be­schimp­fun­gen und dem Wer­fen von Bier­fla­schen. Die voll­kom­men über­rasch­ten und zah­len­mä­ßig un­ter­le­ge­nen Po­li­zis­ten zo­gen sich in das Sto­ne­wall Inn zu­rück, ver­bar­ri­ka­dier­ten sich dort vor der auf­ge­brach­ten Mas­se, die mitt­ler­wei­le auf der Stra­ße vor der Kn­ei­pe ran­da­lier­te, Bar­ri­ka­den bau­te und ih­rer jah­re­lang auf­ge­stau­ten Wut erst­mals Luft mach­te. Schnell ka­men aus um­lie­gen­den Stra­ßen und Kn­ei­pen im­mer mehr Schwu­le, Les­ben, Trans­gen­der, Tun­ten und Pro­sti­tu­ier­te hin­zu und es ent­wi­ckel­te sich ei­ne drei­tä­gi­ge Stra­ßen­schlacht, die al­les an­de­re als ein fried­li­cher, klei­ner Pro­test von we­ni­gen ver­är­ger­ten Ho­mo­se­xu­el­len war. Mit der Nach­richt über die­ses Er­eig­nis ging ein Ruck durch

das Be­wusst­sein der Schwu­len und Les­ben in den USA, und schon im Som­mer des Jah­res 1970 gab es ei­nen Ge­denk­marsch zur Stra­ßen­schlacht und lan­des­weit De­mons­tra­tio­nen, die für „Gay Li­be­ra­ti­on“(„ho­mo­se­xu­el­le Be­frei­ung“) kämpf­ten. Das Phä­no­men schwapp­te zehn Jah­re spä­ter auch nach Deutsch­land, wo 1979 die ers­te De­mons­tra­ti­on die­ser Art in Ber­lin statt­fand. Ge­nannt wur­de die­se in Er­in­ne­rung an die Stra­ße, wo al­les sei­nen An­fang ge­nom­men hat­te: „Chris­to­pher Street Day“. Ein Be­griff üb­ri­gens, der im Rest der Welt – ge­nau wie Sto­ne­wall für die­sen Tag – un­be­kannt ist, weil der CSD übe­r­all sonst auf der Welt „Gay Pri­de“heißt, was über­setzt „schwul/les­bi­scher Stolz“be­deu­tet (das Wort „gay“ist im Eng­li­schen so­wohl auf Män­ner als auch auf Frau­en an­wend­bar). „Chris­to­pher Street Day“und „Sto­ne­wall“be­zie­hen sich al­so so­wohl geo­gra­fisch als auch ge­schicht­lich auf ex­akt das­sel­be Er­eig­nis und sind bei­de im Rest der Welt als Be­grif­fe für den Gay Pri­de un­be­kannt. Die Kn­ei­pe Sto­ne­wall Inn wur­de zwi­schen­zeit­lich ge­schlos­sen, wie­der er­öff­net, dann wie­der ge­schlos­sen und schließ­lich vor der Neu­ver­mie­tung als Teil ei­ner Fast-Food-Ket­te von ei­ni­gen en­ga­gier­ten Schwu­len ge­ret­tet. Heu­te ist das Sto­ne­wall Inn, wenn auch nicht iden­tisch, so doch fast in den glei­chen Räu­men wie frü­her als zwei­stö­cki­ges Lo­kal mit Bar und Dis­ko An­lauf­punkt für Schwu­le und Les­ben aus al­ler Welt – an den Wän­den his­to­ri­sche Fo­tos aus den 1960er- und 1970er-Jah­ren. 1999 wur­de es in das na­tio­na­le Re­gis­ter der USA für his­to­ri­sche Stät­ten auf­ge­nom­men. Ein An­recht auf den Na­men „Sto­ne­wall“hat al­so nie­mand, au­ßer viel­leicht die Kn­ei­pen­be­sit­zer.

So geht De­mons­trie­ren! Die Com­mu­ni­ty kämpft am his­to­ri­schen Ort für ih­re Rech­te, vor dem Sto­ne­wall Inn von heu­te in New York Now that’s a de­mons­tra­ti­on! The com­mu­ni­ty fights for its rights at a his­to­ric lo­ca­ti­on, in front of the mo­dern Sto­ne­wall Inn in Ne

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