Der Un­ver­zicht­ba­re

Am Mon­tag wird Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le 75 Jah­re alt. Doch ans Auf­hö­ren denkt der CDU-Po­li­ti­ker aus Ba­den kei­nes­wegs – auch, weil die Kanz­le­rin wei­ter auf ihn an­ge­wie­sen ist.

Geislinger Zeitung - - Südwestumschau - Von Gun­ther Hart­wig

Vor fünf Jah­ren, als die Uni­on zum 70. Ge­burts­tag von Wolf­gang Schäu­b­le zu ei­ner Fei­er­stun­de ins Deut­sche Thea­ter ein­ge­la­den hat­te, rühm­te die Bun­des­kanz­le­rin den Ju­bi­lar als „das Lang­zeit­ge­dächt­nis der Re­pu­blik“. Was wird An­ge­la Mer­kel die­ses Mal über ih­ren Fi­nanz­mi­nis­ter sa­gen, wenn sie am Mon­tag auf dem Emp­fang spricht, den die CDU Ba­den-Würt­tem­berg in Of­fen­burg aus An­lass des 75. Ge­burts­ta­ges ih­res Spit­zen­kan­di­da­ten bei der Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber gibt?

Wohl wahr, Wolf­gang Schäu­b­le ist seit je­ner Ma­ti­nee in Ber­lin fünf Jah­re äl­ter ge­wor­den, aber an ei­nen Rück­zug aus der Po­li­tik denkt der Ba­de­ner kei­nes­wegs. Pen­si­on mit 75? Kommt für den Mann, der 1972 zum ers­ten Mal in den Bun­des­tag ge­wählt wur­de, nicht in Fra­ge. Ein Ge­schäfts­ord­nungs­trick der schwarz-ro­ten Ko­ali­ti­on sorgt so­gar da­für, dass Schäu­b­le als Al­ters­prä­si­dent die kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung des Par­la­ments er­öff­nen wird – als dienst­äl­tes­ter Ab­ge­ord­ne­ter im Kreis der ver­mut­lich über 600 Volks­ver­tre­ter, die sich zum Auf­takt

Ei­ne Lauf­bahn, die ge­prägt ist von Er­fol­gen und Nie­der­la­gen, von Auf­stieg und Fall.

der 19. Le­gis­la­tur­pe­ri­ode im Reichs­tag ver­sam­meln wer­den.

Was aber wird der Ka­bi­netts­se­ni­or da­nach wer­den – wie­der Fi­nanz­mi­nis­ter? Das steht einst­wei­len in den Ster­nen. Wenn die Uni­on stärks­te Frak­ti­on im nächs­ten Bun­des­tag wird, gibt es je­de Men­ge Pos­ten zu ver­tei­len für An­ge­la Mer­kel, zum Bei­spiel das re­prä­sen­ta­ti­ve Amt des Bun­des­tags­prä­si­den­ten. Wä­re das nicht et­was für Schäu­b­le, un­ge­ach­tet der Tat­sa­che, dass er vor Jah­ren dem Ho­hen Haus ver­schwieg, die Par­tei­spen­de ei­nes du­bio­sen Waf­fen­händ­lers in Emp­fang ge­nom­men zu ha­ben?

Eher nicht, aus sei­ner Sicht will der Schatz­kanz­ler der Na­ti­on Herr über die Staats­kas­se blei­ben, denn das si­chert ihm Ein­fluss, Macht und Au­to­ri­tät in ei­ner künf­ti­gen Bun­des­re­gie­rung. Was aber, wenn ein mög­li­cher Ko­ali­ti­ons­part­ner – die FDP, die Grü­nen, die SPD – nach dem Fi­nanz­res­sort greift? Müss­te Schäu­b­le dann auf Mer­kels Ge­heiß ins Aus­wär­ti­ge Amt wech­seln, ins Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um, das In­nen- oder das Wirt­schafts­res­sort? Sich den Lang­zeit­mi­nis­ter gar als ein­fa­chen Ab­ge­ord­ne­ten oh­ne klas­si­sches Port­fo­lio vor­zu­stel­len, fällt nicht nur dem Be­trof­fe­nen schwer. „Aus­ge­rech­net auf dem Ze­nit sei­nes An­se­hens“, unkt ein Be­ob­ach­ter, „könn­te er oh­ne Amt da­ste­hen.“

An­ge­la Mer­kel weiß nicht nur, was sie an Schäu­b­le hat, son­dern auch, was sie ris­kie­ren wür­de, lie­ße sie ihn fal­len. Der Par­tei­freund, so hat die Kanz­le­rin bei des­sen Ge­burts­tags­fest 2012 selbst ein­ge­räumt, sei „manch­mal nicht ein­fach zu er­le­ben“. So lie­bens­wür­dig und loy­al Schäu­b­le sein kann, so her­risch und ver­let­zend ha­ben ihn auch schon vie­le sei­ner Mit­strei­ter er­lebt. Mer­kel ih­rer­seits hat Hel­mut Kohl und des­sen Nach­fol­ger an der CDU-Spit­ze über den Spen­den­skan­dal stür­zen las­sen, sie hat ver­hin­dert, dass Schäu­b­le Bun­des­prä­si­dent oder Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter in Ber­lin wer­den durf­te. 2010 aber hielt die Bun­des­kanz­le­rin ih­re Hand schüt­zend über den Mi­nis­ter, als der Qu­er­schnitts­ge­lähm­te nach Kol­laps und Ope­ra­ti­on wo­chen­lang im Kran­ken­bett lag.

Ei­gent­lich ist und bleibt Schäu­b­le un­ver­zicht­bar für Mer­kel, als ihr stärks­tes Pfund am Ka­bi­netts­tisch wie als Ga­li­ons­fi­gur je­ner kon­ser­va­tiv-bür­ger­li­chen CDU, die sich von der Par­tei­che­fin seit Jah­ren nicht aus­rei­chend ver­tre­ten sieht. Die­se Tra­di­tio­na­lis­ten hal­ten nur so lan­ge still, wie Leu­te wie Schäu­b­le oder des­sen Spe­zi Vol­ker Kau­der in vor­ders­ter Rei­he sind. Soll­te Mer­kel es wa­gen, Schäu­b­le aufs Ab­stell­gleis zu schie­ben, droh­te ihr nicht nur ein Kon­flikt mit dem Mann im Roll­stuhl, son­dern gleich mit ei­nem be­trächt­li­chen Teil ih­rer Par­tei.

So stellt sich für Schäu­b­le wie­der ein­mal die Fra­ge nach sei­ner Zu­kunft in der Po­li­tik. Das ist bei­lei­be nicht neu für den „fröh­li­chen Si­sy­phos“, wie ihn Freun­de in ei­ner frü­he­ren Fest­schrift cha­rak­te­ri­siert ha­ben. Sei­ne Lauf­bahn ist ge­prägt von Er­fol­gen und Nie­der­la­gen, von Auf­stieg und Fall, von Tri­umph und De­mü­ti­gung. Schäu­b­le war als Un­ter­händ­ler des Ein­heits­ver­trags ne­ben Kohl der wich­tigs­te Ar­chi­tekt der Wie­der­ver­ei­ni­gung. We­ni­ge Ta­ge nach dem na­tio­na­len Fei­er­tag im Ok­to­ber 1990 wur­de er in Op­penau Op­fer ei­nes geis­tes­kran­ken At­ten­tä­ters. Be­wun­derns­wert, wie er sich ins Le­ben zu­rück­kämpf­te und die Ent­täu­schung über­wand, nicht Kohls Nach­fol­ger im Kanz­ler­amt zu wer­den.

Oh­ne Schäu­bles le­gen­dä­re Re­de vom 20. Ju­ni 1991 im Bon­ner Was­ser­werk wä­re Ber­lin heu­te nicht Re­gie­rungs­sitz, und wer weiß, ob sich Kohl so lan­ge an der Macht hät­te hal­ten kön­nen, wä­re nicht Schäu­b­le an sei­ner Sei­te ge­we­sen. Und was wä­re ge­sche­hen, wenn der lei­den­schaft­li­che Eu­ro­pä­er sei­ner Kanz­le­rin in der Eu­ro-Kri­se und im Schat­ten der Flücht­lings­wel­le nicht so treu bei­ge­stan­den hät­te? Es gab im Herbst 2015 ein paar maß­geb­li­che Unio­nis­ten, die Mer­kel durch Schäu­b­le er­set­zen woll­ten. EU-Prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker, auch er Fe­st­red­ner in Of­fen­burg, hat ein­mal über Schäu­b­le ge­sagt: „Was für ein Kanz­ler er doch ge­wor­den wä­re!“

Fo­to: afp

Loy­al und lie­bens­wür­dig, aber auch her­risch und ver­let­zend: Wolf­gang Schäu­b­le wird am Mon­tag 75 Jah­re alt.

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