Kein ty­pi­scher Raub?

Die Staats­an­walt­schaft for­dert knapp fünf Jah­re Haft für den 37-Jäh­ri­gen, der im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber ei­ne Spiel­hal­le in Geis­lin­gen über­fiel.

Geislinger Zeitung - - Geislingen Und Kreis - Von Ste­fa­nie Schmidt

Mit ei­ner Sport­ta­sche in der Hand, die er vor­sorg­lich für ei­nen so­for­ti­gen Haft­an­tritt ge­packt hat­te, mel­de­te sich ein heu­te 37-jäh­ri­ger Mann aus dem Kreis Göp­pin­gen im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber auf dem Po­li­zei­re­vier Geis­lin­gen. Er leg­te ein um­fang­rei­ches Ge­ständ­nis ab: Am 7. April hat­te er ei­ne Spiel­hal­le in der Geis­lin­ger Bahn­hof­stra­ße aus­ge­raubt. Am Tag be­vor er sich stell­te, hat­te er er­fah­ren, dass ihm die Er­mitt­ler dicht auf den Fer­sen wa­ren. Sie hat­ten die Woh­nung sei­ner Ex-Freun­din, bei der er zum Tat­zeit­punkt leb­te, durch­sucht. „Ich war er­leich­tert, dass der Spuk vor­bei war“, sag­te er am Don­ners­tag vor dem Ul­mer Land­ge­richt, wo er sich we­gen be­son­ders schwe­ren Raubs und ge­fähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung ver­ant­wor­ten muss.

Er ha­be sich Geld für He­ro­in ver­schaf­fen wol­len, er­läu­ter­te der An­ge­klag­te das Mo­tiv für die Tat. Seit dem Nach­mit­tag ha­be er un­ter schwe­ren Ent­zugs­er­schei­nun­gen ge­lit­ten. Be­vor er ge­gen 22.15 Uhr in das nur we­ni­ge Me­ter von sei­ner Woh­nung ent­fern­te Ca­si­no stürm­te, hol­te er das Pfef­fer­spray sei­ner da­ma­li­gen Freun­din aus der Schub­la­de und mas­kier­te sich mit ei­ner vom Fa­sching üb­rig­ge­blie­be­nen An­ony­mous-Mas­ke und Woll­müt­ze.

Zur Zeit des Über­falls war die Spiel­hal­le men­schen­leer – bis auf

Wehr­haf­ter Zeu­ge

ei­nen Rent­ner, der kurz­fris­tig für sei­ne beim Ca­si­no an­ge­stell­te Ehe­frau als Auf­sicht ein­ge­sprun­gen war. „Willst du mich jetzt über­fal­len?“, frag­te er den Mas­kier­ten, der plötz­lich vor ihm stand. Ei­ne ver­ba­le Ant­wort be­kam der Mann nicht. Statt­des­sen sprüh­te der Mas­kier­te dem Ren­ter, der we­gen ei­ner chro­ni­schen Er­kran­kung per Na­sen­schlauch mit ei­nem Sau­er­stoff­ge­rät ver­bun­den war, aus et­wa ei­ner Me­ter Ent­fer­nung ein bis zwei La­dun­gen Pfef­fer­spray ins Ge­sicht. Dann griff sich der Tä­ter die Schei­ne – ins­ge­samt et­wa 100 Eu­ro – aus ei­ner of­fe­nen Wech­sel­geld­kas­set­te. Trotz sei­ner bren­nen­den Au­gen ver­such­te der Rent­ner, den An­ge­klag­ten an der Flucht zu hin­dern, pack­te ihn und drück­te ihn mehr­mals an die Wand. Be­vor der 37-Jäh­ri­ge schließ­lich ent­kam, riss die Spiel­hal­len­auf­sicht ihm die Mas­ke her­un­ter und füg­te ihm meh­re­re tie­fe Krat­zer im Ge­sicht zu. We­gen sei­ner trä­nen­den und schmer­zen­den Au­gen, die spä­ter am­bu­lant in der Hel­fen­stein-Kli­nik be­han­delt wer­den muss­ten, er­kann­te er den Tä­ter, der zu den Stamm­gäs­ten des Ca­si­nos ge­hör­te, je­doch nicht.

Ei­nen Tat­ver­däch­ti­gen gab es zu­nächst nicht. Die DNA-Spu­ren an der Mas­ke führ­ten die Po­li­zei je­doch zu dem we­gen Dro­gen­de­lik­ten und Kör­per­ver­let­zung vor­be­straf­ten An­ge­klag­ten. Wäh­rend der Haut­ver­hand­lung zeig­te sich der 37-Jäh­ri­ge, der ner­vös wirk­te und im­mer wie­der um Fas­sung rang, reu­ig. Nach­dem er sich ge­stellt hat­te, hat­te er den Ren­ter und sei­ne Frau in der Spiel­hal­le be­sucht und sich un­ter Trä­nen ent­schul­digt.

Die bei­den nah­men sei­ne Ent­schul­di­gung an. „Er hat mir leid ge­tan, aber auf der an­de­ren Sei­te hät­te ich ihm ei­ne scheu­ern kön­nen“, sag­te die 66-Jäh­ri­ge. „Ich ha­be ihm ge­sagt ‚Du bist so blöd’. Und das hat er auch ein­ge­se­hen.“In­zwi­schen sei der An­ge­klag­te wie­der „ganz nor­ma­ler Gast“im Ca­si­no, sag­te ihr Mann, der nach der Pfef­fer­spray-Atta­cke noch zwei bis drei Ta­ge un­ter Schmer­zen litt.

Der Staats­an­walt for­der­te in sei­nem Plä­doy­er ei­ne Haft­stra­fe von vier Jah­ren und zehn Mo­na­ten und blieb da­mit am un­te­ren En­de des Straf­rah­mens von fünf bis 15 Jah­ren. Po­si­tiv sei dem An­ge­klag­ten an­zu­rech­nen, dass er über­zeu­gen­de Reue zei­ge und sehr ehr­li­che Ein­las­sun­gen ge­macht ha­be. Auch ha­be er bei sei­ner Flucht aus der Spiel­hal­le nur „de­fen­si­ve“Ge­gen­wehr ge­leis­tet. Um ei­nen so­ge­nann­ten min­der schwe­ren Fall, bei dem der Straf­rah­men ab­ge­senkt wer­den kön­ne, hand­le es sich bei Tat aber nicht.

Ent­schei­dend sei da­bei un­ter an­de­rem das Er­geb­nis des psych­ia­tri­schen Gut­ach­tens: Der An­ge­klag­te ha­be zum Tat­zeit­punkt nicht un­ter so star­kem Sucht­druck ge­stan­den, dass er sei­ne Hand­lun­gen nicht mehr hät­te steu­ern kön­nen. Der 37-Jäh­ri­ge ha­be nach der Tat so­gar noch bis zum nächs­ten Mor­gen ge­war­tet, um sich He­ro­in zu be­schaf­fen.

Die Ver­tei­di­gung plä­dier­te für ei­ne Frei­heits­stra­fe von drei Jah­ren. Die Tat, de­ren Um­stän­de und auch die per­sön­li­che Ent­schul­di­gung sei­nes Man­dan­ten bei dem Ge­schä­dig­ten lan­ge vor der Ver­hand­lung wi­chen so stark vom „ty­pi­schen“Raub ab, dass es sich um ei­nen min­der schwe­ren Fall hand­le. Sein Man­dant ha­be un­ter star­kem Sucht­druck ge­stan­den und au­ßer­dem ver­sucht, sei­ne Ab­hän­gig­keit vor sei­ner da­ma­li­gen Freun­din zu ver­ber­gen. „Es ging nicht um die gro­ße Beu­te, son­dern um den nächs­ten Schuss.“

So­wohl Staats­an­walt­schaft als auch Ver­tei­di­gung spra­chen sich da­für aus, den An­ge­klag­ten in ei­ner Ent­zie­hungs­an­stalt un­ter­zu­brin­gen. „Die­se Chan­ce muss man ihm ge­ben“, sag­te der Staats­an­walt. Das Ur­teil wird am Don­ners­tag um 11 Uhr er­war­tet.

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