Feh­ler über Feh­ler

Geislinger Zeitung - - Themen Des Tages / Politik - Leit­ar­ti­kel An­dré Bo­chow zum Fall Am­ri

Es hät­te kei­ne Op­fer auf dem Ber­li­ner Breit­scheid­platz ge­ben müs­sen. Kei­ne To­ten, kei­ne Ver­letz­ten. Der Ter­ror­an­schlag des Anis Am­ri wä­re zu ver­hin­dern ge­we­sen, wenn die Si­cher­heits­or­ga­ne nicht ver­sagt hät­ten. Zu die­sem Schluss kommt nun ein Son­der­er­mitt­ler. Was der frü­he­re Bun­des­an­walt Bru­no Jost auf­lis­tet, ist nicht wirk­lich neu, aber macht in der Zu­sam­men­fas­sung sprach­los. Ob­wohl Am­ri als Be­dro­hung, als Ge­fähr­der ein­ge­stuft war, wur­de er be­han­delt wie ein Eier­dieb. Er hät­te we­gen Dro­gen­han­dels oder ge­fälsch­ter Aus­wei­se ver­haf­tet wer­den kön­nen. Wur­de er aber nicht. Ob­ser­va­tio­nen wur­den vor­zei­tig ab­ge­bro­chen und auch vor­her nur spo­ra­disch durch­ge­führt. An Wo­che­n­en­den so­wie an Fei­er­ta­gen gar nicht.

Ob­wohl es die Ge­le­gen­heit gab, wur­de Am­ris Han­dy nicht be­schlag­nahmt und nicht aus­ge­wer­tet. Er hät­te auch ab­ge­scho­ben wer­den kön­nen. Und das wa­ren noch längst nicht al­le Feh­ler, die vor al­lem ei­nes zei­gen: Wenn die Be­hör­den ih­re Ar­beit nicht ma­chen, wenn sie nicht zu­sam­men­ar­bei­ten und sich ge­gen­sei­tig die Ver­ant­wor­tung zu­schie­ben, dann nüt­zen all die In­stru­men­te nichts, die sich die In­nen- und Si­cher­heits­po­li­tik zu­ge­legt hat.

Wel­chen Sinn hat zum Bei­spiel ein ge­mein­sa­mes Ter­ror­ab­wehr­zen­trum, wenn dort zwar al­le in­fra­ge kom­men­den Di­enst­stel­len ih­re In­for­ma­tio­nen aus­tau­schen, und die Ge­fahr klar be­nen­nen, dann aber aus­ein­an­der­ge­hen, wor­auf die An­ti­ter­ror­maß­nah­men wie­der un­ko­or­di­niert in den Län­dern or­ga­ni­siert oder eben nicht or­ga­ni­siert wer­den? Statt dar­über nach­zu­den­ken, wird re­flex­ar­tig re­agiert. Po­li­zei­ge­werk­schaf­ter stell­ten sich vor ih­re Leu­te, die na­tür­lich nichts für be­stimm­te struk­tu­rel­le Pro­ble­me kön­nen, aber im Ein­zel­fall durch­aus selbst Feh­ler be­gan­gen ha­ben. Und Ber­lins In­nen­se­na­tor for­dert ei­nen bun­des­wei­ten Un­ter­su­chungs­aus­schuss. Wo­zu, wenn nicht vor al­lem um von ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung ab­zu­len­ken?

Die­sen ei­nen is­la­mis­ti­schen At­ten­tä­ter hät­te man stop­pen kön­nen. Es hat hin­rei­chend War­nun­gen ge­ge­ben. Dass Be­am­te wahr­schein­lich ei­ge­ne Ver­säum­nis­se ver­tusch­ten, krönt

Wenn Be­hör­den ih­re Ar­beit nicht ma­chen, nüt­zen die in­nen­po­li­ti­schen In­stru­men­te nichts.

den un­rühm­li­chen und fol­gen­rei­chen Vor­gang. Der nicht zu­letzt zeigt, dass für die er­folg­rei­che Ar­beit un­se­rer Si­cher­heits­be­hör­den nicht im­mer neue tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten ent­schei­dend sind, son­dern ein ef­fek­ti­ves Mit­ein­an­der, Sorg­falt und in­tel­li­gen­tes Vor­ge­hen bei der Ver­fol­gung von po­ten­zi­el­len Ter­ro­ris­ten. Man darf sich an­de­rer­seits nichts vor­ma­chen. Auch je­mand, der im Vor­feld des At­ten­ta­tes nicht der­art auf­fäl­lig ge­wor­den wä­re wie Anis Am­ri, hät­te ei­nen Last­wa­gen in ei­ne Men­schen­men­ge steu­ern kön­nen. Harm­lo­se Mit­bür­ger kön­nen sich mit atem­be­rau­ben­der Ge­schwin­dig­keit ra­di­ka­li­sie­ren. Sie grei­fen zum Mes­ser oder neh­men ein Fahr­zeug, um wahl­los zu tö­ten. Sie füh­ren zwar den Na­men Al­lah im Mund, sind aber von geis­tig ge­stör­ten Amok­läu­fern kaum zu un­ter­schei­den. Nie­mand kann uns vor al­len Ge­fah­ren schüt­zen. Um­so dring­li­cher ist es, dass dann, wenn es mög­lich ist, der Schutz auch funk­tio­niert.

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