„Wach auf, CDU!“

Nach den Ver­lus­ten bei der Bun­des­tags­wahl will Ge­ne­ral­se­kre­tär Ma­nu­el Ha­gel die Christ­de­mo­kra­ten auf­rüt­teln und for­dert „ein kla­res An­ge­bot“.

Geislinger Zeitung - - Südwestumschau - Von Ro­land Mu­schel

Mit ei­nem Po­si­ti­ons­pa­pier wen­det sich der Ge­ne­ral­se­kre­tär der CDU Ba­den-Würt­tem­berg, Ma­nu­el Ha­gel, di­rekt an Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU). Es geht ihm um ei­ne Stand­ort­be­stim­mung nach den ho­hen Ver­lus­ten der Uni­on bei der jüngs­ten Bun­des­tags­wahl – und um die aus sei­ner Sicht not­wen­di­ge Leh­ren.

Die Ur­sa­che des Wah­l­er­geb­nis­ses sieht der en­ge Ver­trau­te von CDU-Lan­des­chef und Vi­ze-Mi­nis­ter­prä­si­dent Tho­mas Strobl nicht zu­letzt im Um­gang mit der Flücht­lings­kri­se. „Im Herbst 2015 schien das klas­si­sche po­li­ti­sche Ge­gen­spiel von Re­gie­rung und Op­po­si­ti­on auf­ge­ho­ben zu sein. Ei­ne kri­ti­sche Be­hand­lung der da­ma­li­gen Re­gie­rungs­po­li­tik fand im Par­la­ment kaum statt, da die Op­po­si­ti­on die­se Po­li­tik eher noch über­schwäng­li­cher be­für­wor­te­te als Tei­le der Ko­ali­ti­on selbst“, schreibt der 29-Jäh­ri­ge.

Die den Par­la­men­ta­ris­mus so aus­zeich­nen­de be­frie­den­de Kraft des de­mo­kra­ti­schen Dis­kur­ses ge­he „je­doch ver­lo­ren, wo ein Dis­kurs nicht mehr statt­fin­det. Wer an­de­rer Mei­nung ist als die Re­gie­rung, mag noch ak­zep­tie­ren, dass sei­ne Mei­nung im Par­la­ment kei­ne Mehr­heit fin­det. Er wird je­doch kaum ak­zep­tie­ren, dass sie nicht ein­mal Wi­der­hall fin­det. Was im Be­ste­hen­den kei­nen Raum er­hält, sucht ihn sich wo­an­ders“, kon­sta­tiert Ha­gel mit Blick auf die Er­fol­ge der – im Po­si­ti­ons­pa­pier nicht ex­pli­zit ge­nann­ten – AfD auf der ei­nen und der Lin­ken auf der an­de­ren Sei­te des po­li­ti­schen Spek­trums.

Wenn die­se Ent­wick­lung nicht ge­stoppt wer­de und die Volks­par­tei­en Uni­on und SPD dau­er­haft auf 20 oder 30 Pro­zent der Stim­men schrumpf­ten, warnt der Ge­ne­ral­se­kre­tär, „wer­den oh­ne Ein­be­zie­hung der ra­di­ka­len Par­tei­en von links und rechts auf ab­seh­ba­re Zeit nur noch ‚Gro­ße‘ Ko­ali­tio­nen oder la­ger­über­grei­fen­de Drei­er­bünd­nis­se mög­lich sein“. Der sol­chen Ko­ali­tio­nen in­hä­ren­te „Dau­er­kon­sens“aber ma­che die „Par­tei­en der Mit­te“kaum mehr un­ter­scheid­bar – mit fa­ta­len Fol­gen: „Die be­reits nach der Gro­ßen Ko­ali­ti­on in Deutsch­land, aber auch in Nach­bar­län­dern wie Ös­ter­reich zu be­ob­ach­ten­de Aus­zeh­rung der po­li­ti­schen Mit­te wür­de gleich­sam zum Dau­er­zu­stand – bis die ge­sell­schaft­li­che Mit­te ir­gend­wann kei­ne ei­ge­ne Mehr­heit mehr hat.“

Es lie­ge nun an der Uni­on selbst, so Ha­gels Bot­schaft, ei­ne sol­che Ent­wick­lung zu ver­hin­dern und „mög­lichst brei­te Tei­le ei­ner um ih­re kul­tu­rel­le Iden­ti­tät rin­gen­den Ge­sell­schaft er­neut zu- sam­men­zu­füh­ren und da­mit zu ver­hin­dern, dass Ra­di­ka­le un­se­re Ge­sell­schaft spal­ten“.

Ob dies ge­lin­ge, hän­ge da­von ab, ob die Uni­on es schaf­fe, „un­se­re Po­li­tik wie­der we­ni­ger an den Be­find­lich­kei­ten des po­li­ti­schen Ber­lin und stär­ker an der Le­bens­wirk­lich­keit der Mehr­heit un­se­rer Bür­ger aus­zu­rich­ten“, mahnt der Ehin­ger Land­tags­ab­ge­ord­ne­te bei der Par­tei­füh­rung in der Bun­des­haupt­stadt mehr CDU pur an: „Wir müs­sen den Wäh­lern wie­der ein kla­res An­ge­bot ma­chen, das dar­über hin­aus­geht, Rumpf ei­ner wie auch im­mer ge­ar­te­ten Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on zu sein. Wir müs­sen uns wie­der als ei­ne Par­tei be­grei­fen, die in der Mit­te, aber eben nicht links von der Mit­te steht. Und wir müs­sen uns in­halt­lich wie auch per­so­nell so breit auf­stel­len, dass nie­mand, der dem de­mo­kra­ti­schen Spek­trum zu­zu­rech­nen ist, sich mit Ra­di­ka­len und Ex­tre­mis­ten ab­ge­ben muss, weil er die ihn be­we­gen­den The­men in kei­ner an­de­ren Par­tei re­prä­sen­tiert sieht.“

Das lässt sich als kla­re Auf­for­de­rung an die Bun­des­kanz­le­rin ver­ste­hen, ei­nen deut­lich kon­ser­va­ti­ve­ren Kurs ein­zu­schla­gen als bis­lang. Ein ers­ter Schritt kön­ne nun sein, schreibt Ha­gel, den Wunsch vie­ler Men­schen, „die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät des ei­ge­nen Lan­des nicht grund­le­gend ver­än­dert zu se­hen, wie­der als le­gi­ti­mes und be­rech­tig­tes In­ter­es­se an­zu­er­ken­nen“. Zu­dem soll­ten Par­tei­mit­glie­der stär­ker ein­ge­bun­den und Par­tei­tags­be­schlüs­se ak­zep­tiert wer­den. Of­fen­kun­dig zielt er da­mit auf Mer­kels Wei­ge­rung, den aus dem Süd­wes­ten for­cier­ten Par­tei­tags­be­schluss zur Ab­schaf­fung des Dop­pel­pas­ses um­zu­set­zen.

Bei der Bun­des­tags­wahl 2013 hat­te die CDU in Ba­den-Würt­tem­berg mit 45,7 Pro­zent we­sent­lich zum Wahl­er­folg der Uni­on bei­ge­tra­gen, bei der Wahl 2017 hat der Lan­des­ver­band zwar al­le Di­rekt­man­da­te ge­won­nen, aber nur noch 34,4 Pro­zent der Zweit­stim­men. Bun­des­weit kam die Uni­on nur noch auf 32,9 Pro­zent.

Den Wort­laut

des Po­si­ti­ons­pa­piers fin­den Sie im In­ter­net un­ter

swp.de/cdu­pa­pier

Fo­to: dpa

Aus­zeh­rung der Mit­te: CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ma­nu­el Ha­gel.

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