Bald be­ginnt der Kun­stVer­leih in Geis­lin­gen

Neue Se­rie Die Ar­to­thek Geis­lin­gen be­ginnt am 1. März ih­ren Kunst­wer­ke-Ver­leih. Initia­tor Her­mann Döl­ger stellt bis da­hin in lo­ser Fol­ge aus­ge­wähl­te Wer­ke des Be­stan­des vor.

Geislinger Zeitung - - Vorderseite - Die Geis­lin­ger Ar­to­thek ver­leiht „Kirsch­blü­ten“ne­ben vier an­de­ren Ar­bei­ten von Ka­rin Ur­ba­ni-Späth.

Geis­lin­gen. Die Ar­to­thek in der Geis­lin­ger Stadt­bü­che­rei be­ginnt am 1. März ih­ren Kunst­wer­ke-Ver­leih. Initia­tor Her­mann Döl­ger stellt bis da­hin in lo­ser Fol­ge aus­ge­wähl­te Wer­ke des Be­stan­des vor.

Kirsch­blü­ten heißt das Bild von Ka­rin Ur­ba­ni-Späth, mit dem wir die­se Se­rie be­gin­nen wol­len. Die Gra­fi­ke­rin, die in Bad Über­kin­gen wohnt und ar­bei­tet, hat die­se hoch­for­ma­ti­ge Ta­fel mit Acryl­far­ben ge­stal­tet. Der Ti­tel „Kirsch­blü­ten” ver­weist auf Ge­gen­ständ­li­ches, und so könn­te man erst ein­mal ei­ne Na­tur­stu­die er­war­ten, die die­se Blü­ten prä­zi­se dar­ge­stellt zeigt.

Auf der Lein­wand ist je­doch nur mit ei­ni­ger Fan­ta­sie ein er­kenn­ba­res Mo­tiv aus­zu­ma­chen, am ehes­ten könn­te man aus ei­nem Ab­stand an ei­ne Wol­ke den­ken oder far­bi­gen Rauch as­so­zi­ie­ren, der vor dunk­lem Hin­ter­grund auf­wärts und aus­ein­an­der treibt. Die das Bild be­herr­schen­de hel­le Flä­che ist ro­sa und hell­grau, sie ver­deckt groß­flä­chig ei­nen grau-dun­keln Hin­ter­grund mit Spreng­seln von zar­tem Grün, Fle­cken in Ro­sa und Rost­braun, die wie Ein­schlüs­se oder Trop­fen wir­ken. Die Farb­tö­ne er­schei­nen al­le­samt ge­deckt und nicht sehr leuch­tend, ins­ge­samt aber wirkt die Gestal­tung frisch und an­ge­nehm mit deut­li­chen, „wa­chen” Kon­tras­ten.

Ei­ne na­tur­haf­te An­mu­tung kann sich er­ge­ben – wie wenn ei­ne noch küh­le Feuch­tig­keit und ein hel­les Licht das Le­ben aus dem dunk­len, win­ter­li­chen Un­ter­grund her­vor­lockt. „Blü­hend” wirkt das Ro­sa, ge­malt wie klei­ne Blü­ten­knos­pen; et­was ge­dämpft, aber licht­haft er­scheint die „Wol­ke”, die am un­te­ren Rand ro­sa ein­ge­färbt ist.

Ei­ne an­de­re Welt er­scheint mit dem Blick auf die Farb­auf­trags­wei­se: Die Ent­ste­hung der Ober­flä­che ist gut nach­voll­zieh­bar: da wur­de ge­tropft, ge­tupft, die Far­be wur­de hier lo­cker und trans­pa­rent, dort pas­tos wie Spach­tel­mas­se auf­ge­tra­gen, so­dass ein Re­lief ent­steht; das Au­ge tas­tet die Struk­tur die­ser Ober­flä­che ab, die vie­le un­ter­schied­li­che hap­ti­sche Qua­li­tä­ten hat. In meh­re­ren Schich­ten wur­de so mit den Farb­tö­nen ei­ne viel­schich­ti­ge, dif­fe­ren­zier­te Wir­kung er­zeugt.

Es wur­de nicht ganz kon­trol­liert ge­malt, bes­ten­falls wur­de das Auf­brin­gen der Farb­tö­ne ge­steu­ert. Auf die­se Wei­se wirkt die Gestal­tung so­wohl zu­fäl­lig und un­ge­plant ge­macht, ei­gent­lich wie „ge­wor­den”, ist aber doch mit ei­nem Ge­fühl für Kom­po­si­ti­on „or­ga­ni­siert”. Da ist zum Bei­spiel ei­ne deut­li­che Auf­wärts­be­we­gung in der Flä­che, da sind die Hin­ter­grund-Dun­kel­hei­ten stim­mig an den Rän­dern ver­teilt. Har­mo­nie liegt in die­ser Kom­po­si­ti­on. Et­was Luf­ti­ges strahlt sie aus und eben die­se fei­ne, un­pla­ka­ti­ve Far­big­keit.

Wer sich Zeit nimmt und ge­nau schaut, kann in­ter­es­san­te Struk­tu­ren, und auch be­son­de­re, durch­schei­nen­de Tö­ne ent­de­cken, die hier auf der Flä­che im Ma­lakt ent­stan­den sind; für den kann das Bild ein Er­leb­nis-, ein Kon­sis­ten­zen-, ein Emp­fin­dungs­schatz sein. Man kann er­le­ben, dass die Far­ben und die Gestal­tung ei­nen Cha­rak­ter ha­ben – sie sind nicht al­les mög­li­che, son­dern sie ha­ben ei­ne ei­ge­ne in­di­vi­du­el­le Emp­fin­dungs­qua­li­tät, die sich mit­teilt, die aber kaum in Wor­te zu fas­sen ist. Ei­ne sub­jek­ti­ve An­nä­he­rung sei ver­sucht: ernst, aber be­wegt, auf­wärts, auf­lö­send, ge­deckt, aber nicht schmut­zig, nicht neu, aber auch nicht mü­de.

Es könn­te ein ganz be­stimm­ter Duft ge­stal­tet wor­den sein – ein Rie­ch­er­leb­nis von ei­ner be­son­de­ren, duft­ge­schwän­ger­ten Luft. Al­so et­was, was genau­so we­nig in Wor­te zu fas­sen ist wie der ge­mal­te Farb­klang. Das ist vor­der­grün­di­ger als das im Ti­tel be­nann­te Mo­tiv. Wenn et­was der­art Un­greif­ba­res er­fasst oder er­zeugt wer­den soll, dann darf so ein Bild kein „rich­ti­ges” Mo­tiv ha­ben. Ein Ge­gen­stand wür­de ja vom Ei­gent­li­chen ab­len­ken: dem Emp­fin­den, das sich ein­stellt, wenn man mit al­len of­fe­nen Sin­nen un­ter ei­nem blü­hen­den Kirsch­baum steht.

Das ist mehr als der äu­ße­re Au­gen­ein­druck. Der Be­trach­ter muss selbst mit sei­nem Emp­fin­den in das Bild ein­stei­gen und er­fährt dann mit den Sin­nen, was das Bild an Ge­halt ver­mit­telt. Solch ein Bild ist für die­se Wahr­neh­mungs­ebe­ne ein Tür­öff­ner, ein Werk­zeug zur Ver­fei­ne­rung des Spü­rens und Wahr­neh­mens.

In­fo

Aus­schnitt aus „Kirsch­blü­ten“von Ka­rin Ur­ba­ni-Späth.

Fo­to: Her­mann Döl­ger

Aus­schnitt aus dem Ge­mäl­de „Kirsch­blü­ten“von Ka­rin Ur­ba­ni-Späth.

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