Sti­cheln und wer­ben

Par­tei­en Die ge­plan­te GroKo do­mi­niert den Po­li­ti­schen Ascher­mitt­woch. Wäh­rend die CDU nach Ori­en­tie­rung im Um­bruch sucht, müht sich die SPD, ih­re Rei­hen zu schlie­ßen. Von Axel Ha­bermehl und Ro­land Mu­schel

Geislinger Zeitung - - Themen Des Tages / Politik -

Der Spiel­manns­zug der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr vor­ne­weg, mar­schie­ren Ba­den-Würt­tem­bergs CDU-Lan­des­chef Tho­mas Strobl und Jens Spahn, der Hoff­nungs­trä­ger vie­ler Kon­ser­va­ti­ver, in die „Al­te Kel­ter“in Fell­bach ein. Die knapp 2000 Be­su­cher des Po­li­ti­schen Ascher­mitt­wochs vor den To­ren Stutt­garts ap­plau­die­ren im Ste­hen. Strobl macht den An­fang, er knöpft sich den po­ten­zi­el­len Ko­ali­ti­ons­part­ner im Bund vor. Die Per­so­nal­que­re­len bei den Ge­nos­sen sei­en „ab­schre­ckend“, „un­wür­dig“, „zum Schä­men“, ruft er in den Saal.

Als CDU-Bun­des­vi­ze hat Strobl den Ko­ali­ti­ons­ver­trag mit­ver­han­delt, er un­ter­streicht des­halb die Punk­te, die er als Ge­winn sieht. „Wei­te­re Kom­pro­mis­se, lie­be Ge­nos­sin­nen und Ge­nos­sen, gibt es nicht“, macht er zu­gleich klar. Strobl hat das Sak­ko ge­gen den Trach­ten­jan­ker ein­ge­tauscht und den Blick­win­kel des Groß­ko­ali­tio­närs ge­gen den des CDU-Lan­des­chefs. Die Stim­mung an der Ba­sis, be­rich­ten Kreis­vor­sit­zen­de, sei so schlecht wie seit Jah­ren nicht. Die Mit­glie­der such­ten Ori­en­tie­rung. Oder ei­nen Ban­ner­trä­ger für das Kon­ser­va­ti­ve, das vie­le un­ter der Ägi­de von An­ge­la Mer­kel zu­neh­mend ver­mis­sen. In­so­fern gilt die Ein­la­dung an Spahn als gu­ter Schach­zug – für bei­de Sei­ten. Für den 37-jäh­ri­gen Fi­nanz-Staats­se­kre­tär ist es jetzt, wo Mer­kel ei­ne Ver­jün­gung des Ka­bi­netts in Aus­sicht ge­stellt hat, ei­ne schö­ne Büh­ne.

Auch Spahn trägt Trach­ten­jan­ker und sti­chelt ein biss­chen ge­gen die SPD. Vor al­lem aber ver­sucht er den Stand­ort der CDU zu be­stim­men. Er nutzt da­bei die Co­de­wör­ter, die ein kon­ser­va­ti­ves Pu­bli­kum beim hel­len He­fe­wei­zen oder ei­nem Trol­lin­ger Weiß­herbst hö­ren will. Die CDU sei die „Par­tei der Leit­kul­tur“, sagt er. „Die­ses Mul­ti-Kul­ti, die­ses 1968er-al­les-ist-egal, das ist jetzt vor­bei.“

Spahn re­det fast 45 Mi­nu­ten, es ist ei­ne Tour d’Ho­ri­zon. Der West­fa­le re­det über Wer­te und dar­über, wie sich die CDU po­si­tio­nie­ren soll: „Wir wol­len Volks­par­tei blei­ben, und wir wol­len kei­ne po­li­ti­sche Kraft rechts von uns. Das ei­ne be­dingt das an­de­re.“Das Pu­bli­kum ist be­geis­tert.

Sze­nen­wech­sel nach Ludwigsburg, knapp 20 Ki­lo­me­ter von Fell­bach ent­fernt. Dort soll­te ei­gent­lich Mar­tin Schulz beim Po­li­ti­schen Ascher­mitt­woch der Süd­west-SPD als Haupt­red­ner auf­tre­ten. Doch seit Di­ens­tag ist er nicht mehr Par­tei­chef, sei­ne Am­bi­tio­nen auf ei­nen GroKo-Mi­nis­ter­pos­ten hat­te er schon ein paar Ta­ge und ei­nen Em­pö­rungs­sturm frü­her zu­rück­zie­hen müs­sen. Kurz­um: Schulz hat in den ver­gan­ge­nen Ta­gen den wohl schnells­ten Ab­sturz seit Ika­rus hin­ge­legt, die Ein­la­dung zum Ascher­mitt­woch wur­de ge­än­dert.

Statt Schulz ist Ge­ne­ral­se­kre­tär Lars Kling­beil aus Berlin an­ge­reist, um die Ba­sis auf die nächs­te gro­ße Ko­ali­ti­on ein­zu­schwö­ren und die Par­tei­se­e­le zu strei­cheln. Ascher­mitt­wochs­ver­an­stal­tun­gen die­nen tra­di­tio­nell zur Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Mit Bier, Mu­sik und der­ben An­grif­fen auf po­li­ti­sche Geg­ner ver­su­chen Par­tei­en, ih­re Rei­hen zu schlie­ßen und ih­re Leu­te zu mo­ti­vie­ren. Al­les nicht so leicht bei der SPD im Fe­bru­ar 2018. Klar, die Red­ner schimp­fen ein biss­chen auf die Grü­nen und ein biss­chen mehr auf die FDP. Aber wie sol­len SPD-Funk­tio­nä­re die Uni­on at­ta­ckie­ren, wenn sie die Mit­glie­der doch von ei­ner Ko­ali­ti­on mit ihr über­zeu­gen wol­len?

In Ludwigsburg ist eben erst ein gan­zer Zug von GroKo-Geg­nern ein­mar­schiert, laut­stark „Die Ge­dan­ken sind frei“sin­gend und Schil­der schwen­kend. Al­so erst­mal Rei­hen schlie­ßen. Kling­beil tut, was er kann. Er steht auf der Büh­ne, lässt sei­ne Bli­cke über rund 700 Zu­hö­rer, ei­ni­ge Fah­nen und vie­le „No-Groko“-Schil­der schwei­fen und ap­pel­liert nord­deutsch kühl an die Ver­nunft der SPD­ler, bei der Mit­glie­der­be­fra­gung für die gro­ße Ko­ali­ti­on zu stim­men. Der Ko­ali­ti­ons­ver­trag sei vol­ler SPD-In­hal­te. „Die Zeit des Selbst­mit­leids muss end­lich vor­bei sein. Es wird Zeit, dass wir ei­ne Re­gie­rung be­kom­men. Ich will, dass die­se Re­gie­rung kommt.“Er ern­tet kräf­ti­gen Ap­plaus, aber die kla­ren GroKo-Geg­ner über­zeugt er nicht. Leu­te wie York Töll­ner aus dem Schwarz­wald-Baar-Kreis. Auch er schwenkt ein „No Groko“-Schild. „Die SPD kann sich nur er­neu­ern, wenn es ei­nen har­ten Schnitt gibt“, sagt er. Töll­ner for­dert ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung.

SPD-Lan­des­che­fin Le­ni Brey­mai­er hält das für ab­we­gig: „Guckt doch mal ins Par­la­ment“, ruft sie dem Pu­bli­kum in ih­rer emo­tio­na­len Re­de zu. „Da gibt es ei­ne rechts­kon­ser­va­ti­ve Mehr­heit. Wo sol­len wir da Mehr­hei­ten für un­se­re The­men be­kom­men?“Und bei Neu­wah­len dro­he gro­ße Un­si­cher­heit. Die GroKo sei auch nicht ih­re „Traum­kon­stel­la­ti­on“. Aber sie ver­spricht: „Es wird kein ,Wei­ter so’ ge­ben.“

Brey­mai­er und Kling­beil for­dern dann noch, die in­ner­par­tei­li­che Kul­tur zu ver­bes­sern, Kling­beil sagt: „Wir müs­sen wie­der ler­nen, uns zu ver­trau­en.“Nach an­dert­halb St­un­den ste­hen al­le auf und sin­gen das al­te Ar­bei­ter­lied „Wann wir schrei­ten Seit‘ an Seit‘“. Viel mehr Selbst­ver­ge­wis­se­rung gibt es heu­te nicht.

Wir wol­len Volks­par­tei blei­ben und wol­len kei­ne po­li­ti­sche Kraft rechts von uns.

Jens Spahn CDU-Prä­si­di­ums­mit­glied

Fo­to: dpa/Chris­toph Schmidt

Tie­fe Bli­cke zwi­schen Par­tei­freun­den: CDU-Lan­des­chef Tho­mas Strobl (links) und Jens Spahn, Nach­wuchs­hoff­nung der Kon­ser­va­ti­ven in der CDU.

Fo­to: Ma­ri­jan Mu­rat/dpa

Skep­sis bei der SPD in Ludwigsburg: Un­ter den Be­su­chern sind auch ei­ni­ge GroKo-Geg­ner.

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