Ei­ne Welt zwi­schen Po­li­tik und Poe­sie

Ru­di Rho­de und Micha­el Gustorff rei­sen in ih­rem Re­vu­ethea­ter „Zwi­schen den Wel­ten“durch das Le­ben des Mu­si­kers und Song­schrei­bers Rio Rei­ser.

Geislinger Zeitung - - Vorderseite - Von Eva Heer

Geis­lin­gen. Der Schau­spie­ler Ru­di Rho­de und Micha­el Gustorff am Bass rei­sen in der Geis­lin­ger Rät­sche in ih­rem Re­vu­ethea­ter „Zwi­schen den Wel­ten“durch das Le­ben des Mu­si­kers und Song­schrei­bers Rio Rei­ser.

Sei­te 27

Die Welt schaut rauf zu mei­nem Fens­ter / Mit mü­den Au­gen, ganz stau­big und scheu / Ich bin hier oben auf mei­ner Wol­ke / Ich seh dich kom­men, aber du gehst vor­bei... Die Ver­se aus Rio Rei­sers Lied „Ju­ni­mond“nimmt Schau­spie­ler Ru­di Rho­de als Aus­gangs­punkt für sei­ne bio­gra­fi­sche Zei­t­rei­se durch des­sen Le­ben. „Zwi­schen den Wel­ten“nennt er das mu­si­ka­li­sche Re­vu­ethea­ter, mit dem er und Micha­el Gustorff am Bass am Don­ners­tag in der Rei­he „Geis­lin­ger Kul­tur­herbst“zu Gast in der Rät­sche sind.

Rho­de reist chro­no­lo­gisch, mit Ak­kor­de­on und den mar­kan­ten Songs durch das Le­ben Rei­sers. Zeigt den vor 22 Jah­ren ver­stor­be­nen Mu­si­ker als re­vo­lu­tio­nä­ren 20-Jäh­ri­gen im Ber­lin der frü­hen 1970er-Jah­re. Als schwu­len Mann, der öf­fent­lich zu sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät steht. Als sen­si­blen Poe­ten, als Zweif­ler, Mah­ner, ge­nia­len Song­schrei­ber, der Hym­nen der links­al­ter­na­ti­ven Be­we­gung und der Haus­be­set­zer-Sze­ne tex­te­te: „Macht ka­putt, was euch ka­putt macht“oder auch den „Rauch­haus-Song“.

Als Mu­si­ker, der den Sound­track zur Re­vo­lu­ti­on schrieb. Als Front­mann der Band Ton St­ei­ne Scher­ben, die stets eng ver­knüpft mit Rio Rei­sers künst­le­ri­schem Weg und sei­nem pri­va­ten Le­ben war. „Wir wa­ren kei­ne Band. Wir wa­ren ein uto­pi­sches Pro­jekt“, zi­tiert Rho­de: „Wir ha­ben al­les ge­teilt, Geld, Men­schen, Idea­le. Wir hat­ten den Traum ei­ner ega­li­tä­ren Ge­sell­schaft“.

Rho­de nimmt mit we­ni­gen Re­qui­si­ten die Rol­le von Weg­be­glei­tern und Kon­tra­hen­ten ein. Ruft als „Die­ter“auf, ei­ne Fa­brik zu be­set­zen, um die Rät­sche-Gäs­te in das ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Kli­ma ei­nes Scher­ben-Auf­tritts zu ver­set­zen. Pocht als be­brill­ter Band­ma­na­ger der 1990er-Jah­re auf Mas­sen­kom­pa­ti­bi­li­tät in Rei­sers Song­tex­ten. Und er gibt, mit ro­sa Pu­schel­boa, Zi­ga­ret­ten­spit­ze und Hüt­chen, Ri­os Kunst­fi­gur, mit der er in der schwu­len Thea­ter­grup­pe „Brüh­warm“auf­trat. Dort mit da­bei: Der Thea­ter­ma­cher, Schau­spie­ler und Re­gis­seur Cor­ni Litt­mann, spä­ter Ver­eins­prä­si­dent des 1. FC Pau­li, mit dem Rio Rei­ser auch den Song „Ir­ren­an­stalt“schrieb, den Rho­de mit Herz­blut in­ter­pre­tier­te.

Sorg­sam ar­bei­tet Rho­de die Kon­flik­te in Rei­sers Bio­gra­fie her­aus. Die in­ne­ren wie die von au­ßen kom­men­den. Oft wur­de Rio Rei­ser Ver­rat vor­ge­wor­fen: 1975, als er sich mit den Scher­ben auf ei­nen Bau­ern­hof ins nord­deut­sche Fre­sen­ha­gen zu­rück­zog (wo die Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin Clau­dia Roth die Band zeit­wei­se ma­nag­te). Als die Band An­fang der 80er-Jah­re ihr „schwar­zes Al­bum“her­aus­brach­te, auf dem sich im New-Wa­ve-Stil Songs mit Tex­ten zu den 22 Kar­ten des Ta­rots be­fan­den (was al­ler­dings erst im Jahr 2010 her­aus­kam).

Als der Mu­si­ker emp­find­sa­me Songs oh­ne po­li­ti­sche Bot­schaft schrieb. Und vor al­lem: als sich Rio Rei­ser 1986 mit sei­nem gleich­na­mi­gen Song zum Kö­nig von Deutsch­land krö­nen ließ – wenn auch nur im Vi­deo.

Er ha­be sei­ne See­le dem Klas­sen­feind ver­kauft, hieß es. Auch wenn mit dem Song al­le Schul­den der vor ei­nem fi­nan­zi­el­len Scher­ben­hau­fen ste­hen­den Scher­ben auf ein­mal ge­tilgt wa­ren: „Für sei­ne Fans war er ein Ver­rä­ter, ein Schla­ger-Fuz­zi, ein Büt­tel des Ka­pi­tals“, sagt Rho­de. Da­bei ha­be Rio Rei­ser, et­wa in sei­nem Song „Der Krieg ist nicht tot“, auch spä­ter im­mer wie­der klar po­li­tisch Stel­lung be­zo­gen.

Viel Platz las­sen Rho­de und Gustorff Rio Rei­sers un­ver­hoh­le­ner Lie­be zu Lie­bes­lie­dern, des­sen Vor­stel­lung, dass Po­li­tik und Poe­sie sich nicht aus­schlie­ßen, kei­ne Ge­gen­sät­ze sein müs­sen.

„Mei­ne Lie­bes­lie­der ha­ben Ecken und Kan­ten“, zi­tiert Rho­de Rei­ser – und be­geis­tert das Geis­lin­ger Pu­bli­kum mit sei­nen In­ter­pre­ta­tio­nen von „Halt dich an dei­ner Lie­be fest“, „Für im­mer und dich“und „Ju­ni­mond“– wun­der­bar ge­fühl­vol­le, zeit­lo­se Songs, die bis heu­te be­rüh­ren.

„Der Kö­nig von Deutsch­land tritt ab und wird wie­der zu Rio Rei­ser“, lässt Rho­de Rio Rei­ser sa­gen. Ge­gen En­de sei­nes Le­bens – Rei­ser stirbt 1996 im Al­ter von 46 Jah­ren – ver­wei­gert sich der Künst­ler zu­neh­mend dem Main­stream, dem Kom­merz, der Bra­vo-Star­schnitt-Taug­lich­keit. Bit­te­rer Hohn: Ei­ne Wer­be­kam­pa­gne des Me­dia-Markt-Kon­zerns, der 2010 den „Kö­nig von Deutsch­land“für sei­ne Zwe­cke in „Sau­bil­lig und noch viel mehr...“um­dich­te­te.

Auf der Büh­ne und im Pu­bli­kum sind sich ver­mut­lich al­le ei­nig: Rio muss da­mals auf sei­ner Wol­ke ge­weint ha­ben.

Fo­to: Wal­ter A. Schae­fer

Der Schau­spie­ler Ru­di Rho­de (links) und der Mu­si­ker Micha­el Gustorff rei­sen in ih­rer Hom­mage an Rio Rei­ser in der Geis­lin­ger Rät­sche mit Lie­dern, Zi­ta­ten des Künst­lers durch die Zeit.

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