Nu­deln statt Ge­mü­se

Geislinger Zeitung - - Geislingen Und Kreis - Von Pe­ter Buy­er

Le­bens­mit­tel Nah­rungs­ex­per­te Hans-Ul­rich Grimm war zu Gast in der Göp­pin­ger Stadt­hal­le und sag­te den Zu­hö­rern, was Kin­der es­sen sol­len: Was sie wol­len.

DJahn- as Ex­pe­ri­ment ist 90 re alt und im­mer noch ak­tu­ell: Die Ärz­tin Cla­ra Da­vis hat 1928 in den USA Kin­dern im Al­ter von sechs bis elf Mo­na­ten 34 un­ter­schied­li­che Nah­rungs­mit­tel vor­ge­setzt; die Kin­der soll­ten pro­bie­ren und dann das es­sen, was sie am liebs­ten mö­gen. Egal ob Äp­fel, Erb­sen, Rind­fleisch, Blu­men­kohl oder Ha­fer­flo­cken. Das Er­geb­nis nach mehr­mo­na­ti­ger „Füt­te­rung“: Egal, was die Kin­der ger­ne moch­ten und da­her viel da­von ge­ges­sen hat­ten – al­le wa­ren ge­sund und nor­mal ent­wi­ckelt.

Für Hans-Ul­rich Grimm zeigt die Stu­die das Ent­schei­den­de: „Das Kind weiß, was rich­tig ist.“Der Stutt­gar­ter Jour­na­list, Buch­au­tor und Nah­rungs­mit­tel­kri­ti­ker sagt bei sei­nem Vor­trag zur Kin­der­er­näh­rung auf Ein­la­dung der Volks­hoch­schu­le Göp­pin­gen in der Stadt­hal­le auch war­um: „Men­schen be­ste­hen aus rund zwei Mil­lio­nen ver­schie­de­nen Sub­stan­zen“, je­des Kind brau­che da­für Ma­te­ri­al, um zu wach­sen. Mit rund ei­nem Jahr sei­en die Kin­der so weit, die rich­ti­ge Ent­schei­dung tref­fen zu kön­nen; sie hät­ten im Ge­fühl, was ihr Kör­per braucht.

Kin­der soll­ten das es­sen, was sie wol­len. Es sei so wie bei ihm, sag­te Grimm: Manch­mal schwe­be in sei­nen Ge­dan­ken ein Rost­bra­ten an ihm vor­bei – „ich ha­be auch schon ei­ne Wo­che lang von

dBlu­men­kohl

ge­träumt“. Si­che­re Zei­chen da­für, dass der Kör­per ir­gend­was brau­che, was im Rost­bra­ten oder im Blu­men­kohl drin sei. Und das könn­ten eben auch Kin­der­kör­per er­ken­nen.

Wenn Ge­mü­se am in­ne­ren Au­ge der Kin­der eher sel­ten vor­bei­schwe­be, sei das kein Grund zur Sor­ge, meint Grimm, der selbst zwei Kin­der hat: „Ge­mü­se hat zu we­nig Ener­gie, die brau­chen Kin­der aber zum Wach­sen, dar­um es­sen die auch so ger­ne Nu­deln.“Aber: Kin­der müs­sen erst ein­mal wis­sen und ler­nen, was es so gibt. Das kön­nen sie nur, wenn sie un­ter­schied­li­che Nah­rungs­und Le­bens­mit­tel ken­nen. El­tern klei­ner Kin­der soll­ten des­halb vie­les aus­pro­bie­ren, an­bie­ten und vor al­lem selbst ko­chen.

Von in­dus­tri­ell her­ge­stell­ten Nah­rungs­mit­teln hält Grimm nicht be­son­ders viel. Bei­spiel Hüh­ner­sup­pe aus der Tü­te: Zwei Gramm „Tro­cken­huhn“sei­en da drin, ha­be ihm ein In­ge­nieur beim Her­stel­ler mal er­zählt. Das sind rund sie­ben Gramm „Nass­huhn“, al­so frisch ge­schlach­te­tes Huhn. „Für vier Tel­ler Sup­pe et­was we­nig“, meint Grimm. Des­halb füg­ten die Her­stel­ler Aro­ma­stof­fe hin­zu. Weil die­se nicht satt mach­ten, müs­se der Mensch nach dem Tel­ler Hüh­ner­sup­pe noch et­was an­de­res es­sen, um satt zu werden. Die Fol­ge: Über­ge­wicht. „Mit Aro­ma wird der Kör­per al­so be­schis­sen.“

Für ge­fähr­lich hält Grimm – wie vie­le an­de­re Ex­per­ten auch – zu viel Zu­cker. Be­son­ders für Kin­der, de­ren Er­näh­rungs­ge­wohn­hei­ten in den ers­ten Le­bens­jah­ren ent­schei­dend ge­prägt wür­den. In un­be­han­del­ten Nah­rungs­mit­teln kom­me Zu­cker nur in Früch­ten vor, und da­von hät­ten die Kin­der in Da­vis‘ Ex­pe­ri­ment auch nicht mehr ge­ges­sen als von den an­de­ren an­ge­bo­te­nen Nah­rungs­mit­teln. Auch Mut­ter­milch sei nicht süß, be­tont Grimm.

100 Gramm Zu­cker es­se ein Er­wach­se­ner am Tag, Kin­der so­gar 114 Gramm. Mehr als 20 Pro­zent die­ser täg­li­chen 100 Gramm sei­en dort ver­steckt, wo sie kaum ein Kon­su­ment ver­mu­te: in in­dus­tri­ell her­ge­stell­ten Le­bens­mit­teln, von der Fer­tig­piz­za bis zur Tü­ten-Hüh­ner­sup­pe. Die meist lang­fris­ti­gen ge­sund­heit­li­chen Fol­gen von zu viel Zu­cker: Herz­pro­ble­me, Alz­hei­mer, Dia­be­tes Typ 2, Nie­ren­schä­den. Grimm stellt ei­ne Stu­die vor, die von welt­weit jähr­lich 180 000 To­ten durch zu­cker­sü­ße Soft­drinks spricht.

Auch an­de­re Zu­satz­stof­fe wie zu viel Zi­tro­nen­säu­re oder Phos­pha­te könn­ten zu mas­si­ven ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men füh­ren. Auch von Ba­by­kost aus dem Glas hält er nichts. Die Glä­ser sei­en so lan­ge halt­bar, dass et­was drin sein müs­se. Nah­rung aus dem Glas sei viel „zu sau­ber“, da sei nichts drin, aus dem das Im­mun­sys­tem des Kin­des et­was ler­nen kön­ne, kei­ne Kei­me, Mi­kro­ben. Da­bei sei er­wie­sen, dass Kin­der, die auf dem Bau­ern­hof auf­wüch­sen, spä­ter die ge­sün­des­ten Men­schen sei­en. Durch ge­schick­tes Mar­ke­ting und Wer­bung hät­ten vie­le El­tern aber mehr Ver­trau­en in den Gläs­chen­brei als in die ei­ge­ne Koch­kunst, was grund­falsch sei.

Hans-Ul­rich Grimm plä­diert für Ge­las­sen­heit bei der Er­näh­rung von Kin­dern.

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