Sach & Krach-ge­schich­ten: Sleep & Dopes­mo­ker

Ein ein­zi­ger Song. Ein ein­zi­ges Riff. Über ei­ne St­un­de Mu­sik. Kei­ne Tem­po- oder Ton­art­wech­sel. Schlag­zeug, Gi­tar­re, Bass und Ge­sang. Vier Jah­ren krea­ti­ver Ar­beit und ei­nem schier un­end­li­chen Streit mit der Plat­ten­fir­ma ge­folgt. Was an sich fast schon wie

Gitarre & Bass - - Inhalt - TEXT: CHRIS­TI­AN BRAUNSCHMIDT FO­TOS: TEE PEE RE­COR­DS

Mit der Ver­öf­fent­li­chung von , Sleep’s Ho­ly Moun­tain’ im Jah­re 1992 konn­te das Trio aus San Jo­se, Ka­li­for­ni­en, ei­nen ex­trem be­acht­li­chen Er­folg in der Me­ta­lund Rock-sze­ne ver­zeich­nen. An­geb­lich soll so­gar Black-sab­bath-riff-gott To­ny Iom­mi selbst das Al­bum in den höchs­ten Tö­nen ge­lobt ha­ben. Es ver­wun­dert al­so nicht, dass die Jungs um Gi­tar­rist Matt Pi­ke un­ter ziem­li­chem Druck stan­den, ei­nen wür­di­gen und zu­gleich in­no­va­ti­ven Nach­fol­ger zu schaf­fen. Da­her wur­de schon wäh­rend der Tour zu ,Sleep’s Ho­ly Moun­tain‘ flei­ßig an den Ide­en für ,Dopes­mo­ker‘ ge­feilt – meist im Ho­tel­zim­mer. Noch konn­te zu die­sem Zeit­punkt nie­mand ah­nen, mit was für Stra­pa­zen und Pro­ble­men die­ses Al­bum be­haf­tet sei­en wür­de.

Dopes­mo­ker Je­ru­sa­lem

Nach ei­ni­gen kom­pli­zier­ten Strei­te­rei­en mit dem La­bel Ea­ra­che, be­gan­nen im Jah­re 1996 end­lich die Auf­nah­men zu die­sem zä­hen Bro­cken, aus dem erst viel spä­ter ,Dopes­mo­ker‘ ent­ste­hen soll­te. Das Re­sul­tat ist ein ein­zi­ges Stück mit ei­ner Spiel­zeit von sa­ge und schrei­be 63 Mi­nu­ten. Wer hier nun ei­ne krea­ti­ve Ach­ter­bahn­fahrt und cle­ve­res Song­wri­ting er­war­tet, wird mög­li­cher­wei­se ent­täuscht wer­den. Der ge­sam­te Song ,Dopes­mo­ker’ be­steht im Grun­de aus ei­nem ein­zi­gen, lan­gen Riff, wel­ches sich wie ein Re­gen­wurm win­det, dreht, kriecht, stoppt und wie­der von vor­ne be­ginnt. Al­les be­ginnt mit ei­nem mäch­ti­gen In­tro von Matt Pi­ke, dass nach und nach an In­ten­si­tät und Klang­fül­le zu­nimmt, bis nach knapp drei Mi­nu­ten die rest­li­che Band in das Riff mit ein­stimmt und das Gan­ze wie ein Vul­kan aus­bricht. Wie flüs­si­ge La­va er­gießt sich der Song aus der Ste­reo-an­la­ge und übt ei­nen hyp­no­ti­schen Sog aus, der sich über das ge­sam­te Stück hin­weg zie­hen soll – be­son­ders das Zu­sam­men­spiel von Bas­sist Al Cis­ne­ros und Schlag­zeu­ger Chris Ha­ki­us sorgt da­für, dass dem ge­sam­ten Riff ein trei­ben­der und ir­gend­wie pul­sie­rend wir­ken­der Groo­ve zu­grun­de liegt. Da­bei zerrt, zieht, schiebt und drückt das Trio die Ge­schwin­dig­keit im­mer wie­der leicht um die 100-bpm-mar­ke und macht kei­ne An­stal­ten, die­ses zäh- flie­ßen­de Tem­po zu ver­las­sen. Nach ei­ner gu­ten Vier­tel­stun­de holt Matt Pi­ke dann zum Erst­schlag aus und zeigt, dass er mü­he­los in der ers­ten Rei­he der Gi­tar­ris­ten sei­ner Zeit mit­spie­len kann – ab­so­lut fan­tas­tisch! Nach ei­nem fu­rio­sen und von Blues durch­tränk­ten So­lo tritt die Band nach gut 20 Mi­nu­ten ein we­nig auf die Brem­se und bie­tet erst­mals Luft zum ver­schnau­fen. Die Gi­tar­re setzt wie­der al­lei­ne an und wei­ter geht die Rei­se durch das „Riff Fil­led Land“. In­ter­es­san­ter­wei­se gibt es nach et­wa 40 Mi­nu­ten ei­ne ähn­li­che Pau­se, was da­mit zu­sam­men­hängt, dass der Band im Stu­dio aus­schließ­lich Ton­bän­der mit ma­xi­mal 22 Mi­nu­ten Spiel­zeit zur Ver­fü­gung stan­den. Da­her wa­ren zwei Un­ter-

bre­chun­gen des Songs von Nö­ten, um bei ei­nem neu­en Ton­band ei­nen sau­be­ren Ein­stieg zu ha­ben. Nach der letz­ten Pau­se bahnt sich das La­va-riff un­er­bitt­lich sei­nen Weg Rich­tung En­de um sich dann lang­sam ab­zu­küh­len und nach gu­ten 63 Mi­nu­ten end­gül­tig zum Still­stand zu kom­men. Bis heu­te ha­ben Sleep ei­ne aus­ge­präg­te Vor­lie­be für Ver­stär­ker der Mar­ken Oran­ge und Ma­tamp. An­geb­lich wur­de das ge­sam­te ,Dopes­mo­ker’ Al­bum mit kom­plett auf­ge­ris­se­nen Amps die­ser Her­stel­ler ein­ge­spielt. Nicht nur mu­si­ka­lisch wird auf ,Dopes­mo­ker‘ ei­nem Tran­ce-ähn­li­chen Zu­stand ge­frönt – „Drop Out Of Li­fe With Bong In Hand / Fol­low The Smo­ke Tor­wards The Riff Fil­led Land“– schon die­se ers­ten Text­zei­len zei­gen klar, wo­rum es hier geht. Ih­ren mas­si­ven Can­na­bis-kon­sum hat die Band oh­ne­hin nie ver­heim­licht; schon das , Sleep’s Ho­ly Moun­tain‘- Art­work zier­te ei­ne Col­la­ge aus Hanf­blät­tern. War­um nicht al­so ein­fach ein gan­zes Al­bum über die­sen Qu­ell der ei­ge­nen In­spi­ra­ti­on ma­chen? Was für die Band schein­bar recht na­he­lie­gend war (an­geb­lich wur­de ein er­heb­li­cher Teil des Vor­schus­ses in di­ver­se Can­na­bis-er­zeug­nis­se um­ge­setzt), stieß beim La­bel „Lon­don Re­cor­ds“auf we­nig Be­geis­te­rung. Die Plat­ten­fir­ma konn­te sich we­der mit dem Ti­tel noch mit der Län­ge des Songs an­freun- den, was zu end­lo­sen Dis­kus­sio­nen führ­te und in ei­ner Kür­zung des Ma­te­ri­als, der Um­be­nen­nung des ge­sam­ten Al­bums und lei­der auch der Auf­lö­sung von Sleep en­de­te. Nach di­ver­sen un­ter­schied­li­chen Ver­sio­nen des Al­bums konn­te das Us-la­bel Sou­thern Lord 2012 schließ­lich für ei­ne voll­stän­di­ge und zu­frie­den­stel­len­de Ver­öf­fent­li­chung von ,Dopes­mo­ker‘ sor­gen. Da­bei wur­de das ge­sam­te Al­bum von En­gi­neer Brad Broad­right neu ge­mas­tert und Gra­phi­ker-le­gen­de Arik Roper wur­de für ein voll­kom­men neu­es Art­work ver­pflich­tet. Das Er­geb­nis kann sich se­hen wie hö­ren las­sen und stellt de­fi­ni­tiv al­le bis da­to er­schie­ne­nen Ver­sio­nen des Al­bums in je­der Hin­sicht in den Schat­ten. Seit 2009 ist die Band üb­ri­gens wie­der ak­tiv und hat 2016 mit ,The Cla­ri­ty’ ei­ne viel­ver­spre­chen­de und im­mer­hin zehn Mi­nu­ten lan­ge Sing­le raus­ge­bracht. n

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