Har­ley Ben­ton JA60 OW, E-gi­tar­re

Har­ley Ben­ton JA60 OW Spricht man von Off­set, meint man in der Re­gel Fen­der Jazz­mas­ter. Die eben­so off­seti­ge „ klei­ne“Fen­der Ja­gu­ar wird da­ge­gen ger­ne mal links lie­gen ge­las­sen. Spricht man von Har­ley, meint man in der Re­gel zwei Zy­lin­der, 1370 cm3 und ei

Gitarre & Bass - - Inhalt - TEXT Heinz Re­bel­li­us

Wo­mit wir dann auch end­lich beim The­ma wä­ren ... In der Har­ley Ben­ton VT Se­ries ver­spricht Tho­mann laut Kopf­plat­ten­auf­druck „True Qua­li­ty Sound“. Die Gi­tar­re, die die­sen Sound lie­fern soll, trägt al­ler­dings ein Preis­schild, bei dem sich je­der un­will­kür­lich die Fra­ge stellt: True Qua­li­ty, wie soll das für € 129 ge­hen???

Ja­ja­ja­gu­ar

Die Ja­gu­ar war einst (1962) Fen­ders To­pof-the-li­ne-gi­tar­re, wur­de je­doch vor al­lem auf­grund ih­rer kur­zen Men­sur (ca. 610 mm) von ernst­haf­ten Mu­si­kern und Mu­si­ke­rin­nen nicht so rich­tig für voll ge­nom­men. Hier und da als Rhyth­mus­ho­bel in Surf-com­bos, das war‘s aber auch schon. Bis dann Kurt Co­bain in den 1990er-jah­ren zeig­te, wo Bart­hel den Most auch mit ei­ner Ja­gu­ar her ho­len kann. Seit­dem wird der Ja­gu­ar – und das mit Fug und Recht – deut­lich mehr Re­spekt ge­zollt. Und so darf sie beim fei­nen Off­set- Re­vi­val, das wir zur­zeit er­le­ben, na­tür­lich auch nicht feh­len. So geht In­klu­si­on! Wenn ein Gi­tar­ren­mo­dell oder ei­ne gan­ze Rich­tung wie eben die­se schrä­gen Off­set-klamp­fen auf die Er­folgs­spur ein­bie­gen, sprin­gen für Ge­wöhn­lich vie­le an­de­re aufs Tritt­brett und bau­en Ko­pi­en, um auch et­was vom Ku­chen ab­zu­be­kom­men. So auch die Har­ley-ben­ton-ma­cher, die sich mit der JA60 an den Mo­dernPlay­er-se­ri­en von Fen­der und Squier ori­en­tie­ren und ihr Heil da­bei we­ni­ger im Kon­struk­ti­ons- als im Preis­un­ter­schied su­chen. Flucht nach vor­ne! Das heißt nichts an­de­res als die Ab­kehr von Vin­ta­ge und hin zu neu­en Ein­satz­be­rei­chen, in de­nen es kei­ne Wob­bel-vi­bra­to­sys­te­me und auch kei­ne Rhythm-schal­tung ge­ben muss; ge­ra­de­aus nach vor­ne ge­dacht – und so kommt die Ja­gu­ar-va­ri­an­te von Har­ley Ben­ton dann auch kom­pro­miss­los mit zwei P90-pick­ups von Ros­well und ei­ner Tu­ne-o-ma­tic/stop­tailKon­struk­ti­on deut­lich mehr auf den Punkt als die ver­spiel­te Vin­ta­ge-vor­la­ge. Die ver­wen­de­ten Ma­te­ria­li­en sind Lin­de für den Kor­pus, ka­na­di­scher Ahorn mit lie­gen­den Jah­res­rin­gen für den Hals, ein Griff­brett aus Pa­li­san­der mit auf­fäl­li­gen Block­ein­la­gen aus Perl­mutt-imi­tat und die be­reits er­wähn­ten Ros­well P90-pick­ups, die mit Mas­ter-vo­lu­me und -To­ne ge­re­gelt wer­den. Nur in ei­nem wich­ti­gen Fea­tu­re macht Har­ley Ben­ton es an­ders als Fen­der und Squier: Die Men­sur ist eben nicht kurz, son­dern mit 642 mm fast so lang wie bei den „gro­ßen“Fen­derMo­del­len. Die Far­be der JA- 60 nennt sich of­fi­zi­ell OW (Olym­pic Whi­te) – aber oh weh, sie ist nicht ganz so ge­trof­fen, wie der Auf­trag-

ge­ber es sich viel­leicht vor­ge­stellt hat. Statt OW gibt‘s Crè­me Bru­lée – was aber auch gut aus­sieht und per­fekt zu den eben­falls creme­far­be­nen Kap­pen der Ros­well-pick­ups passt. Klar, dass man bei die­sem Preis­schild et­was ge­nau­er hin­schaut. Aber – auch das ge­üb­te Au­ge kann hier kei­ne Ma­cken oder Man­kos der Pro­duk­ti­on fest­stel­len. Der Hals sitzt per­fekt pas­send in der Kor­pus­ta­sche, die Me­di­um-bün­de sind ein­wand­frei ab­ge­rich­tet, selbst der Sat­tel ist op­ti­mal ge­kerbt, die Mecha­ni­ken (Klu­son-ty­pen) re­geln wäh­rend der Test­dau­er ziel­ge­nau und oh­ne Ein­brü­che, ge­nau wie die Po­tis auch.

pra­xis

Tja – um es vor­weg zu neh­men: Ich bin über­rascht, wenn nicht so­gar be­geis­tert! Da ste­he ich hier vor mei­nem Pe­dal­board und Amp und steue­re die­ses Sys­tem mit ei­ner Gi­tar­re an, de­ren Ver­kaufs­preis ge­ra­de mal 4,3% des­sen aus­macht, was die­se Ef­fek­te und der Amp in et­wa kos­ten. Und – es passt! Der Hals- Pick­up kommt er­staun­lich stra­tig rü­ber – ei­ne Idee fet­ter und voll­mun­di­ger als bei der gro­ßen Schwes­ter, was be­son­ders bei clea­nen Sounds sehr gut ge­fällt. Schal­tet man um auf den Steg-pick­up, fällt auf, dass we­der ein Vo­lu­me-sprung noch ei­ne gro­ße Ve­rän­de­rung im grund­sätz­li­chen Klang­cha­rak­ter statt­fin­det. Die Pick­ups er­gän­zen sich per­fekt und wir­ken als Er- wei­te­rung des Spek­trums des je­weils an­de­ren. Am Steg liegt der Fo­cus na­tür­lich eher auf dem Mit­ten­be­reich – nicht hoch ge­nug, um ei­ne Mit­ten­na­se zu bil­den, son­dern et­was tie­fer, um or­dent­lich Rock-druck zu er­zeu­gen, aber auch cle­an al­les zwi­schen Twang und Ro­cka­bil­ly ab­ru­fen zu kön­nen – nie schrill, son­dern im­mer tas­ty, ir­gend­wo zwi­schen Te­le und LP Jr. In der Mit­tel­stel­lung, die brumm­frei ist, er­scheint der Sound et­was auf­ge­räum­ter und brei­ter – sehr schön für ty­pi­sche BluesLe­ad-, aber auch Rhyth­musSounds. Mit die­sen Ba­sis-sounds lässt sich prak­tisch in al­len Gen­res au­ßer viel­leicht Hard­core/Gr­ind/thrash/de­ath-etc.-me­tal bes­tens ar­bei­ten, und das sehr ge­lun­gen ge­form­te Hals­pro­fil trägt zu ei­ner tol­len Spiel­bar­keit bei. Wie ge­sagt – auch wenn man sich an­strengt, lässt sich hier kein An­satz fin­den, der JA-60 ir­gend­wo ans Zeug zu fli­cken. Da passt al­les, stimmt al­les und hier nur von gu­tem Ein­stei­gerNi­veau zu spre­chen, wä­re ver­dammt un­ter­trie­ben.

re­sü­mee

Da steckt man als Tes­ter im selbst er­wähl­ten Di­lem­ma – den ei­nen Tag schreibt man über ein 10.000-Eu­ro-mas­ter­pie­ce, den an­de­ren über ei­ne 129-Eu­ro-gi­tar­re. Und bei­de sind auf ih­re Art ein­fach gut, mit ei­ner sinn­vol­len Da­seins­be­rech­ti­gung auf dem Markt und auf je­den Fall so be­schaf­fen, dass auf ih­nen oh­ne Ein­schrän­kung Mu­sik ge­spielt wer­den kann. Und da­zu wer­den Gi­tar­ren ja in ers­ter Li­nie ge­baut. Die Har­ley Ben­ton JA-60 über­rascht auf al­len Ebe­nen mit ei­ner blitz­sau­be­ren Qua­li­tät, die sich nicht in dem ge­rin­gen Preis wi­der­spie­gelt. Die Ver­ar­bei­tung, die Kom­po­nen­ten und die Sounds sind rich­tig gut, und das Kon­zept stimmt ja so­wie­so, denn es wur­de be­reits in den 1960er Jah­ren von Fen­der eta­bliert, wenn auch es hier in ei­ner neu­zeit­li­chen Form mit Tu­ne-oma­tic/stop-tail­pie­ce und P90-pick­ups um­ge­setzt wird. Rock on! Fa­zit: Wer ei­ne tol­le Off­set-gi­tar­re sucht und nur we­nig Bucks aus­ge­ben will, der macht mit der JA-60 ga­ran­tiert kei­nen Feh­ler! Denn hier gibt es je­de Men­ge ‚Bang for the Buck‘, wie ei­ne be­kann­te Coun­try-rock-band es ein­mal for­mu­lier­te.

FO­TOS Die­ter Stork

True Qua­li­ty Sound für €129?!?

Zwei Ros­well P90-ag­gre­ga­te sor­gen für ei­nen vol­len Sound zwi­schen Fen­der- und Gib­son-wel­ten.

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