Gui­tar Gu­ru: O’ha­gan Twen­tyt­wo

Hast du Fra­gen zum The­ma „al­te und/oder merk­wür­di­ge Gi­tar­ren“? Wir be­ant­wor­ten sie auf die­ser Sei­te. Mo­nat für Mo­nat. Dies­mal geht es um ei­ne sehr sel­te­ne O´ha­gan Twen­tyt­wo aus dem Jahr 1983.

Gitarre & Bass - - Inhalt -

? Hal­lo Gu­ru! Das ist die ers­te ver­nünf­ti­ge Gi­tar­re, die ich ge­kauft ha­be. Das dürf­te so um 1985 ge­we­sen sein und sie kos­te­te et­wa 2500 DM. Der Her­stel­ler ist wahr­schein­lich den meis­ten un­be­kannt. Mir hat die ro­he Holz­aus­füh­rung halt gut ge­fal­len, was da­mals na­tür­lich die Hard­ro­cker eher ab­ge­schreckt hat. Der Hals ist noch im­mer pfeil­ge­ra­de und su­per be­spiel­bar, und der Sound ist auch toll. Ich hat­te da­mals meh­re­re Mo­del­le in der Hand, z. B. die Night­watch oder Shark, und al­le hat­ten ei­ne sehr gu­te Qua­li­tät. Die Mar­ke heißt O´ha­gan, und hin­ten steht auf der Kopf­plat­te: MA­DE IN U.S.A./A PRODUCT OF JEMAR CORP. Die Se­ri­en­num­mer ist A36009. Wie­so gibt es die­se Mar­ke nicht mehr? Aus wel­chen Höl­zern ist die Gi­tar­re ge­baut? Und was weißt du über­haupt dar­über? Rue­di Ams­ler

! Das sind in­ter­es­san­te Fra­gen, auch für den Gu­ru. O´ha­gan war tat­säch­lich ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Fir­ma aus Min­ne­so­ta, dem Land der 10.000 Se­en, und exis­tier­te zwi­schen 1979 bis 1983. Die meis-

ten Mo­del­le ori­en­tier­ten sich an Gib­son-de­signs – so wie dei­ne V, die bei O´ha­gan Twen­tyt­wo hieß. Jer­ry O´ha­gan star­te­te sei­ne be­ruf­li­che Kar­rie­re in den 1970erJah­ren als Mu­sik­leh­rer mit dem Spe­zi­al­ge­biet Kla­ri­net­te, ar­bei­te­te dann aber schon bald als Au­ßen­dienst­ler für die Mu­sik­in­stru­men­ten-in­dus­trie. 1975 mach­te er sich selbst­stän­dig und im­por­tier­te die hoch­wer­ti­gen Akus­tik-gi­tar­ren von Gran­de Gui­tars aus Ja­pan in die USA. Doch sei­ne Ri­si­ko­be­reit­schaft wur­de nicht be­lohnt, die Zei­ten än­der­ten sich, der Akus­tik-gi­tar­ren-boom der 1960er-jah­re war En­de der 1970er Jah­re end­gül­tig vor­bei. Jer­ry sat­tel­te um – auf E-gi­tar­ren, Ma­de in USA, in St. Lou­is Park, ei­ner Vor­stadt Min­nea­po­lis ´ . Die­se Gi­tar­ren soll­ten zu er­schwing­li­chen Prei­sen zu ha­ben sein, um auch der ja­pa­ni­schen In­va­si­on Ein­halt ge­bie­ten zu kön­nen. Das ers­te Mo­dell von O´ha­gan, die Shark, ver­ließ 1979 die Werk­bank. De­sign-ein­flüs­se der Gib­son Ex­plo­rer sind un­ver­kenn­bar, die Shark war al­ler­dings im Sit­zen deut- lich kom­for­ta­bler zu spie­len und klang­lich min­des­tens eben­bür­tig. Da­mals mach­te das Up­graden von Gib­son-ty­pi­schen Mo­del­len die Run­de; nur ein paar hun­dert Mei­len wei­ter süd­lich in Chi­ca­go ver­such­ten sich De­an Ze­lins­ky (De­an Gui­tars) und Jol Dant­zig (Ha­mer Gui­tars) am glei­chen Ge­schäfts­prin­zip und wur­den da­mit letzt­lich sehr er­folg­reich. Die O´ha­gan-gi­tar­ren stell­ten da­mals tat­säch­lich ei­nen gu­ten Kom­pro­miss zwi­schen den er­schwing­li­chen Ja­pan- und den un­er­schwing­li­chen ame­ri­ka­ni­schen Hig­hend-gi­tar­ren dar, denn sie bo­ten ei­ne gu­te Qua­li­tät, wa­ren Ma­de in USA und kos­te­ten den­noch nur um die $ 500. Die Gi­tar­ren hat­ten ei­nen durch­ge­hen­den Hals, wa­ren mit Go­toh- oder Schal­lerHard­ware und an­fangs mit Migh­ty­Mi­te-, ab 1981 mit Di­m­ar­zio-und ab 1982 mit Schal­ler- Pick­ups aus­ge­rüs­tet, die O´ha­gan auf­grund ih­rer Ver­ar­bei­tung und ih­res Sounds am bes­ten ge­fie­len. Ein wei­te­res Re­likt der 1980er-jah­re war der

Mes­sing-sat­tel, dem da­mals ein bes­se­res Sustain-ver­hal­ten an­ge­dich­tet wur­de. An­fangs woll­te die Fir­ma noch mit ei­ner exo­ti­schen Holz­aus­wahl punk­ten; so be­stan­den al­le Gi­tar­re aus Ahorn und Wal­nuß-kom­bi­na­tio­nen, manch­mal wur­de auch Esche in den Mix mit ein­be­zo­gen. Doch der Sinn der meis­ten Gi­tar­ris­ten stand nach Far­be, und so bot die Fir­ma schon bald auch schwarz la­ckier­te Se­ri­en-ver­sio­nen an. Da O´ha­gan aber auch ei­ne Art Cust­om Shop war, wur­den na­tür­lich auch bun­te­re La­ckie­run­gen auf An­fra­ge aus­ge­führt, und wenn der Wunsch nach ei­nem Vi­bra­to­sys­tem auf­kam, dann wur­de ein Kah­ler ver­baut. Nor­ma­ler­wei­se ka­men die Gi­tar­ren mit zwei Hum­bu­ckern, zwei Vo­lu­me- und ei­nem Mas­ter-ton­reg­ler. Die Vo­lu­me-po­tis wa­ren Push/pull-ty­pen und konn­ten die Hum­bu­cker in den Sing­le­coil-mo­dus schal­ten. Der O`ha­gan-ka­ta­log war über­sicht­lich: Nach der Shark er­schie­nen noch im glei­chen Jahr Dou­ble- und Sing­le­cut-ver­sio­nen der Night­watch, ei­ne Art Les-paul- oder, wenn man so will, Ha­merSpe­cial-ko­pie. 1980 en­ter­te die Twen­tyt­wo, ein aus Walnuss und Ahorn ge­bau­tes Fly­ing-v-de­ri­vat, den Markt. 1981 er­schien die La­ser, ei­ne bi­zar­re Stra­to­cas­ter-va­ri­an­te, die ent­we­der mit drei Sing­le­coils oder ei­nem Bridge-hum­bu­cker kam. Night­watch, Shark und Twen­ty Two wur­den auch in Bass-ver­sio­nen ge­baut. Sam­my Ha­gar spiel­te ei­ne Zeit­lang ei­ne ro­te Twen­tyt­wo, und be­reits An­fang der 1980er-jah­re hat­te O´ha­gan ei­nen Rück­stand von nicht we­ni­ger als 1200 bis 1500 Be­stel­lun­gen! Auf­grund des­sen wur­den 1981 neun Mit­ar­bei­ter ein­ge­stellt und ei­ne ei­ge­ne Ver­triebs­fir­ma, die Jemar Cor­po­ra­ti­on, ge­grün­det. Die O´ha­ganGi­tar­ren wur­den nun über ein Netz­werk von et­wa 600 Händ­lern haupt­säch­lich im Nor­den der USA an­ge­bo­ten, und per Ex­port gin­gen In­stru­men­te nach Ka­na­da, En­g­land, Frank­reich, Schweiz und Schwe­den. Wie dei­ne Gi­tar­re nach Deutsch­land kam, wä­re in­ter­es­sant zu wis­sen! Doch ab 1983 än­der­te sich al­les. Die Re­zes­si­on, die An­fang der 80er-jah­re be­gann, war nun in vol­ler Blü­te. Vie­le Be­stel­lun­gen wur­den stor­niert, ei­ni­ge Lä­den, die O´ha­gan noch Geld schul­de­ten, wa­ren bank­rott. Er­schwe­rend kam hin­zu, dass sich der Ge­schmack der Gi­tar­ris­ten zur glei­chen Zeit än­der­te – die Strat-und Su­per­s­trat-ma­nia be­gann. Eben­so wur­de der Ein­fluss von Gi­tar­ren aus Fer­n­ost wie z. B. von Iba­nez, den Jer­ry O´ha­gan ja zu un­ter­gra­ben ver­such­te, deut­lich grö­ßer und be­herrsch­te schon bald den Gi­tar­ren­markt. Als Fol­ge da­von schloss O´ha­gan sei­ne Werk­statt-to­re be­reits im Jahr 1983. Knapp 3000 O´ha­gans sol­len in den vier Jah­ren der Fir­men­ge­schich­te über den Tre­sen ge­gan­gen sein, da­von et­wa 200 Map­le/wal­nut Twen­tyt­wo, ca. 100 bis 150 Shark und et­wa 100 La­ser. Die Mehr­zahl der ver­kauf­ten O´ha­gan-in­stru­men­te wa­ren Night­watch-mo­del­le in ih­ren bei­den Va­ri­an­ten. Ca. 300 bis 400 In­stru­men­te gin­gen in den Ex­port, dar­un­ter war si­cher auch dei­ne Twen­tyt­wo. Die Se­ri­enum­mer dei­ner Gi­tar­re (A36009) be­sagt, dass die Gi­tar­re als neun­te Gi­tar­re im Ju­ni 1983 ge­baut wur­de. Es muss sich da­bei al­so um ei­ne der letz­ten han­deln, die die­se Werk­statt ver­lie­ßen. Und was macht Jer­ry O´ha­gan heu­te? Er war lan­ge wie­der als Mu­si­ker ak­tiv, u. a. mit sei­ner Big­band ‚Jer­ry O´ha­gan and his Orches­tra’ und da­mit al­so wie­der bei der Kla­ri­net­te ge­lan­det, mit der al­les an­fing. Wer mal schau­en will, kann dies im In­ter­net tun: www.jer­ryoh.com. Seit drei Jah­ren hat sich Jer­ry O`ha­gan aus Al­ters- und Ge­sund­heits­grün­den von der Live-mu­sik zu­rück­ge­zo­gen und ge­nießt den Ru­he­stand. Wer will, kann ihn auf Face­book be­su­chen und ihn schön vom Gui­tar Gu­ru grü­ßen! gg

O´ha­gan Twen­tyt­wo, Bj. 1983

Durch­ge­hen­der Hals und ei­ne viel­schich­ti­ge Ahor­nund Walnuss-an­ge­le­gen­heit kenn­zeich­ne­ten die meis­ten O´ha­gan-in­stru­men­te.

Ma­de in USA bei gleich­zei­tig mu­si­k­er­freund­li­cher Preis­ge­stal­tung war das Ge­schäfts­prin­zip von O´ha­gan.

O´ha­gan Night­witch Bass von 1981

Mit Schal­lerPick­ups und - Hard­ware

O´ha­gan Shark von 1981

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