In Me­mo­ri­am: John Aber­crom­bie

CONTEMPORARYJAZZGUITAR

Gitarre & Bass - - Inhalt -

John Aber­crom­bie wur­de am 16. De­zem­ber 1944 in Port­ches­ter, New York ge­bo­ren. Er wuchs in Gre­en­wich, Con­nec­ti­cut auf. Nie­mand in sei­ner Fa­mi­lie spiel­te ein In­stru­ment, und so weck­ten Ju­ke-bo­xes in Bars Johns In­ter­es­se an der Mu­sik. „Als ich zum ers­ten Mal ei­ne elek­tri­sche Gi­tar­re hör­te, zog mich ihr Sound an wie ein Ma­gnet.“Und ihm ge­fiel, was En­de der 50er-jah­re bei der Ju­gend hip war: Chuck Ber­ry, Bo Didd­ley, und Scot­ty Moo­re, der in sei­nen So­li zu El­vis Pres­leys Songs oft Be­bop-vo­ka­bu­lar ver­wen­de­te. Ein Nach­bar steck­te in an mit dem Ba­zil­lus: „Er saß auf sei­ner Veran­da und spiel­te E-gi­tar­re mit über­kreuz­ten Bei­nen und rauch­te da­bei ei­ne Zi­ga­ret­te. Er spiel­te kein hip­pes Zeug, nur Ak­kor­de, aber die Ver­stär­kung mach­te ei­ne ge­wal­ti­gen Ein­druck auf mich, und so be­gann ich, ganz be­wusst auf die E-gi­tar­re zu hö­ren.“Zu­nächst imi­tier­te er Chuck-ber­ry-licks, aber das blue­si­ge Spiel von Bar­ney Kes­sel weck­te bald sein In­ter­es­se am Jazz. „Ich be­merk­te, dass die­se Mu­sik viel in­ter­es­san­ter war als al­les, was ich bis­her ge­hört hat­te. Ich konn­te die Mu­sik aber da­mals noch nicht mit dem Ge­hör er­fas­sen. Al­so ent­schied ich mich, zur Schu­le zu ge­hen.“John schrieb sich am Ber­klee Col­le­ge of Mu­sic in Bos­ton ein und ab­sol­vier­te ein mehr­jäh­ri­ges Stu­di­um. Dort ging es An­fang der 60er-jah­re noch recht lo­cker zu, über­all wur­de auch wäh­rend des Un­ter­richts ge­raucht, fes­te Lehr­plä­ne gab es noch nicht. Die Ak­kord-ska­len-theo­rie war da­mals neu, und auch wenn John be­ton­te, dass die­se hilf­reich sein kann, war für ihn noch wich­ti­ger, von der ge­spiel­ten Mu­sik selbst über Tran­skrip­ti­on die Spra­che des Jazz zu ler­nen. Ne­ben Bar­ney Kes­sel ge­fie­len ihm John Ken­ny Bur­rell, Wes Mont­go­me­ry und dann vor al­lem Jim Hall. Nach sei­nem Ab­schluss in Ber­klee zog er nach New York. En­de der 60er-jah­re war plötz­lich Fu­si­on an­ge­sagt, und es gab dort nur we­ni­ge Gi­tar­ris­ten, die fle­xi­bel ge­nug wa­ren. Johns Te­le­fon klin­gel­te stän­dig, und er spiel­te un­zäh­li­ge Re­cor­ding-ses­si­ons mit Gil Evans, Ga­to Bar­bie­ri, Bar­ry Mi­les, Chi­co Ha­mil­ton und vie­len an­de­ren Jazz-mu­si­kern. Grö­ße­re Be­kannt­heit al­ler­dings er­lang­te er durch sei­ne Zeit in der Band des Drum­mers Bil­ly Cob­ham. Der hat­te John Mclaugh­lins stil­prä­gen­des Ma­ha­vish­nu Orches­tra ver­las­sen und mit ‚Spec­trum‘ 1973 ein spek­ta­ku­lä­res De­but-al­bum auf­ge­nom­men. Cob­hams zwei­tes Al­bum ‚Cross­winds‘ wur­de ein­ge­spielt von gran­dio­sen Mu­si­kern wie dem Key­boar­der Ge­or­ge Du­ke und dem Te­nor­sa­xo­phon-gi­gan­ten Micha­el Bre­cker und des­sen Bru­der Ran­dy Bre­cker an der Trom­pe­te. Es folg­ten mit ‚To­tal Eclip­se‘ und ‚Sha­bazz‘ zwei wei­te­re Al­ben, be­vor John Aber­crom­bie Bil­ly Cob­hams Band ver­ließ. Sein Nach­fol­ger wur­de kein ge­rin­ge­rer als John Scofield. Aber­crom­bie spiel­te in sei­ner Cob­ham-pha­se meist mit ver­zerr­tem Sound und setz­te häu­fig ein Wah­wah-pe­dal ein, schließ­lich war die Mu­sik fun­ky und laut! Sein Spiel war da­mals dem von John Mclaugh­lin nicht un­ähn­lich, schnell, ag­gres­siv und mit äu­ßerst ak­ti­ver rech­ter An­schlags­hand. Der wohl wich­tigs­te Wen­de­punkt in John Aber­crom­bies Le­ben war sei­ne Be­geg­nung mit Man­fred Ei­cher, dem Chef des deut- schen Jazz-la­bels ECM: „Ich lern­te Man­fred An­fang der 70erJah­re ken­nen, als ich fast nur Fu­si­on spiel­te. Die Mu­sik war so laut, dass man nach ei­nem Gig erst mal für ei­ne Wei­le un­frucht­bar war. Man­fred bot mir ei­nen Plat­ten­ver­trag für ECM an.“Nach zwei Si­de­man-ses­si­ons für Da­ve Lieb­man er­mun­ter­te Ei­cher John, doch ei­ne ei­ge­ne Plat­te auf­zu­neh­men. Aber der hat­te nicht die ge­rings­te Idee, was für Mu­sik er mit wem ein­spie­len soll­te, und kei­ner­lei ei­ge­ne Kom­po­si­tio­nen. Ei­cher aber in­sis­tier­te und schenk­te John ei­nen Kas­set­ten­re­cor­der, um Ide­en fest­zu­hal­ten. Und tat­säch­lich ent­stan­den so Johns ers­te Kom­po­si­tio­nen. Dann fand er mit dem Key­boar­der Jan Ham­mer, mit dem er seit Ber­klee-zei­ten be­freun­det war, und dem Drum­mer Jack Dejohnette die rich­ti­gen Mu­si­ker. John wuss­te, dass Jan Ham­mer auch ein phan­tas­ti­scher Or­ga­nist war, und ihm schweb­te ein Gi­tar­ren-or­gel-trio vor: „Aber was dann her­aus­kam, hat­te mit ei­nem klas­si­schen Trio, wie man es von Jim­my Smith oder Jack Mcduff kennt, nichts zu tun. Ich hat­te zwei kom­plett Wahn­sin­ni­ge en­ga­giert, und die Mu­sik ging durch die De­cke, ganz an­ders, als ich mir das vor­ge­stellt hat­te. Al­len ge­fiel die Plat­te, nur mir nicht. Für mich war die Mu­sik viel zu roh und kan­tig.“Trotz­dem mar­kier­te ‚Time­l­ess‘ (1975) für John Aber­crom­bie den Be­ginn sei­ner lan­gen So­lo­kar­rie­re, als Band­lea­der und Si­de­man spiel­te er für ECM über 50 Al­ben ein und schrieb Jazz-ge­schich­te. Am 22. Au­gust hör­te John Aber­crom­bies Herz auf zu schla­gen. Sa­ve tra­vels, Ma­e­s­tro! n

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