Dan­elec­tro The ‘84 & The ‘66, E-gi­tar­ren

Dan­elec­tro The ‘84 & The ‘66

Gitarre & Bass - - Inhalt - TEXT Chris­to­pher Kell­ner y FO­TOS Die­ter Stork

Der schwe­re Kar­ton von Dan­elec­tro öff­net sich, ich zie­he zwei Gi­tar­ren raus. Die ers­te über­rascht zu­nächst nicht. Doch was ist das? Die zwei­te ist ein Stra­tMo­dell, das Er­in­ne­run­gen an ei­nen der be­rühm­tes­ten Gi­tar­ris­ten al­ler Zei­ten her­vor­ruft! Zwei ganz schön un­glei­che Schwes­tern sind mir da ins Haus ge­flat­tert. Dan­elec­tro er­lebt ja seit ei­ni­gen Jah­ren ei­ne neue Blü­te, und das bei be­stän­dig stei­gen­der Qua­li­tät und Mo­dell­viel­falt. Doch wäh­rend die The ‘66 auf für Dan­elec­tro be­reits ver­trau­tem De­sign-ter­rain wan­delt, wagt sich die Us-fir­ma mit der The ‘84 tief in die Ter­ri­to­ri­en an­de­rer Her­stel­ler und legt, auf den ers­ten Blick be­trach­tet, ei­ne Strat-ko­pie vor. Der baye­ri­sche Grant­ler in mir fragt mit Polt-stim­me: „Braucht’s des?“„Oh ja“muss die Ant­wort lau­ten, doch da­zu spä­ter mehr. So­viel sei be­reits ver­ra­ten: Beim Au­s­pa­cken der bei­den Schön­hei­ten er­klär­te ich die so er­wart­ba­re The ‘66 zu­nächst re­flex­ar­tig zu mei­ner Fa­vo­ri­tin – doch es soll­te an­ders kom­men!

kon­struk­ti­on

Die The ‘66 folgt im De­sign stark der vor ei­nem Jahr vor­ge­stell­ten The ‘64 (sie­he Aus­ga­be 07/2016), und da­mit na­tür­lich dem be­rühm­ten „Ven­tures“-mo­dell der Us-kult­mar­ke Mos­ri­te. Bei der neu­en Gi­tar­re han­delt es sich al­ler­dings um ei­ne Thin­li­ne-kon­struk­ti­on, das heißt, der Kor­pus aus Er­le mit ei­ner De­cke aus Aga­this (ein nur in Süd­ost­asi­en be­hei­ma­te­ter Kau­ri-baum) ist bis auf ei­nen Center­block kom­plett hohl, und auch leicht an­ders ge­formt als der der The ‘64, die sich et­was ge­streck­ter prä­sen­tier­te. Er weist ei­nen so­ge­nann­ten „Ger­man Car­ve“am Rand auf, so be­nannt, weil er an­geb­lich vom le­gen­dä­ren deut­schen Gi­tar­ren­de­si­gner Ro­ger Ross­meisl in den USA be­kannt ge­macht wur­de. Die Pick­up-be­stü­ckung – ein split­ba­rer Dop­pel-lip­stick-hum­bu­cker am Steg und ein P90-ar­ti­ger Sing­le­coil am Hals – ist die glei­che wie bei der Vor­gän­ge­rin. Der im glei­chen Farb­ton wie der Kor­pus la­ckier­te Ahorn­hals mit Pa­li­san­der­griff­brett ist mit 22 Bün­den ( in­klu­si­ve Null­bund) aus­ge­rüs­tet und hat ei­nen 12-Zol­lG­riff­brett­ra­di­us, was ei­ner ex­trem nied­ri­gen Sai­ten­la­ge zu­gu­te­kommt (ab Werk aber selbst mir, dem al­ten Flutsch­fin­ger, zu nied­rig ein­ge­stellt). Vin­ta­ge-ar­ti­ge Tu­ner hal­ten an der Kopf­plat­te zu­ver­läs­sig die Stim­mung der Sai­ten, die über Null­bund und Me­tall­sat­tel von der Wra­pa­round-brü­cke an­kom­men, an der sich sin­ni­ger­wei­se die Ok­tav­r­ein­heit je­der ein­zel­nen Sai­te gut ein­stel­len lässt.

Weg mit der The ‘66, her mit der The ‘84. War­um ich im ers­ten Mo­ment ein lan­ges Ge­sicht zog, als ich sie aus­pack­te? Weil ich die x- te Strat- Ko­pie ehr­lich ge­sagt nicht mehr se­hen kann. Er­le­kor­pus, fet­ter Ahorn­hals, Pa­li­san­der­griff­brett ( das Ci­tes-zer­ti­fi­kat prangt auf dem Gi­tar­ren­kar­ton) – so­weit al­les nicht über­ra­schend. Bei den De­tails al­ler­dings wird es span­nend. Zu­nächst hat Dan­elec­tro der The ‘84 ei­nen Gra­phit­sat­tel und ein 12Zoll-griff­brett ver­passt, was schon deut­lich Ben­ding-freund­li­cher ist als beim Ori­gi­nal. Zu­dem lau­fen die Sai­ten durch den Kor­pus in ei­ne mo­der­ne Wil­kin­son-brü­cke mit prak­ti­scher­wei­se steck­ba­rem, nicht schla­ckern­dem Vi­bra­to-he­bel. Nur zwei Po­tis (Mas­ter­vo­lu­me und - to­ne) kann man als Spar­maß­nah­me se­hen – oder auch ein­fach nur als „mehr braucht’s nicht“. Kom­men wir zu des Pu­dels Kern: Die Pick­ups sind kei­ne klas­si­schen Strat-style Sing­le­coils, son­dern drei haus­ei­ge­ne Lip­sticks! Hier schließt sich der Kreis zu Dan­elec­tro, der Mut­ter al­ler Lip­sticks, hier er­gibt das al­les ei­nen Sinn! So man­cher wird den Bra­ten schon ge­ro­chen ha­ben, den Dan­elec­tro hier im Ofen hat: Na­tür­lich, und dar­auf weist auch die Na­mens­ge­bung hin, ist die The ‘84 ei­ne Hom­mage an Stevie Ray Vaug­han, der für den Song ‚Li­fe Wi­thout You‘ üb­li­cher­wei­se zu „Char­ley“griff, ei­ner ganz spe­zi­el­len Strat( ko­pie) mit Lip­sticks. Jetzt aber ran.

pra­xis

Die The ‘66 hängt gut am Gurt und ist mit 3,12 kg auch sehr leicht, was si­cher­lich dem hoh­len Kor­pus ge­schul­det ist. Der tro­cke­ne Klang ist laut, drah­tig, sin­gend – so kennt man das von ähn­li­chen Thin­li­ne-kon­struk­tio­nen. Mit sei­ner 622-mm-men­sur so­wie dem schön po­lier­ten, fla­chen Griff­brett und ta­del­lo­sen Bün­den spielt sich der schlan­ke Hals der The ‘66 wie But­ter. Am Ver­stär­ker zeigt sich, dass die Gi­tar­re durch­aus in den Mu­sik­sti­len der Zeit bril­liert, in der ih­re Urah­nin ent­stand – im frü­hen Rock und Beat der 1960er-jah­re. Doch ver­schließt sie sich mit ih­ren mo­der­nen Fea­tu­res eben auch neue­ren und ganz an­de­ren Mu­sik­sti­len nicht. Der split­ba­re Dop­pelLip­stick-hum­bu­cker kann or­dent­lich Dampf ge­ben, le­dig­lich die Hohl­kon­struk­ti­on des Kor­pus setzt hier bei hö­he­ren Laut­stär­ken mit viel Gain Gren­zen (da die­se dann zu Rück­kopp­lun­gen neigt). Ge­split­tet er­tönt aus dem ul­ki­gen Dop­pel­spu­ler ein sehr brauch­ba­rer Sing­le­coilSound, der rich­tig zu­ste­chen kann. Der P90-ar­ti­ge Hals­ton­ab­neh­mer matscht nichts zu, er lie­fert wun­der­bar trans­pa­ren­te Rhyth­mus-sounds und kann auch schön sin­gen, wo­bei ihm für ei­nen Ga­ryMoo­re-fan na­tür­lich ein Quänt­chen Sustain-un­ter­stüt­zung fehlt. Kurz­um – mit der The ‘66 kann man wirk­lich ei­ne gan­ze Men­ge ma­chen, und das bei wun­der­bar ein­fa­cher Be­spiel­bar­keit. Le­gen wir die The ‘ 66 mal weg und schnap­pen uns ih­re un­glei­che Schwes­ter, die The ‘84. Oh ja, das greift sich gleich ganz an­ders: Der ge­öl­te Hals ist fett, mein ab­ge­wetz­tes Hirn be­müht mal wie­der den ur­al­ten „Base­ball­schlä­ger“-ka­lau­er, aber das ist schon wirk­lich ein ziem­li­cher Prü­gel. Das Händ­chen ge­wöhnt sich je­doch rasch dar­an, und dann zeigt sich, war­um das al­les Sinn er­gibt: Das Sustain ist be­acht­lich, die Gi­tar­re folgt je­der Nuan­ce des Spiels und re­agiert wun­der­voll. Wie mit But­ter ge­schmiert flie­gen die Fin­ger über das fla­che, ge­ra­de­zu po­lier­te Griff­brett. Ich will mir gar nicht aus­ma­len, wie die­ses Teil nach Mo­na­ten, ja Jah­ren des re­gel­mä­ßi­gen Spiels noch auf­blü­hen wird. Das ist, kurz­um, ei­ne rich­tig gu­te S-style mit al­lem, was da­zu ge­hört; nur wer auf di­cke Häl­se wirk­lich gar nicht steht, wird hier die Hand­mus­keln ein biss­chen über­stra­pa­zie­ren müs­sen. Am Amp er­tö­nen dann recht un­ge­wohn­te Tö­ne, denn die Lip­sticks klin­gen doch deut­lich an­ders als „nor­ma­le“SS­tyle Sing­le­coils. Es twangt und glit­zert fröh­lich aus dem Spea­ker, aber mit­ti­ger als ge­wohnt – über­ra­schen­der­wei­se funk­tio­niert Ac/dc-ar­ti­ges ganz präch­tig! Durchs Fuzz ge­jagt, bril­liert die The ‘84 dann eben nicht so wie ei­ne Stra­to­cas­ter mit klas­si­scher Be­stü­ckung. Zu­rück in den Cle­an-chan­nel, wo sich die Lip­sticks we­gen ih­res Brumm­ver­hal­tens auch deut­lich woh­ler füh­len. Mir zwängt sich im­mer der Ver­gleich mit ei­nem Glo­cken­spiel auf; da ist so ein silb­ri­ger Schim­mer im Ton, ei­ne leicht me­tal­li­sche No­te, die ih­ren ganz ei­ge­nen Charme ent­fal­tet – und da­mit ist die Fra­ge nach dem „braucht’s des“deut­lich mit „Ja­wohl!“zu be­ant­wor­ten.

al­ter­na­ti­ven

Das le­gen­dä­re Mos­ri­te-de­sign der The ‘66 wur­de be­reits mehr­fach ko­piert, und ne­ben der haus­ei­ge­nen So­lid­bo­dy-va­ri­an­te gibt es von Mit­be­wer­bern ei­ni­ge Al­ter­na­ti­ven, na­ment­lich von Hall­mark, DiPin­to und East­wood. Al­le wei­sen je­doch mehr oder we­ni­ger an­de­re Fea­tu­res auf, und kei­ne bie­tet die Thin­li­ne-kon­struk­ti­on der The ‘66. Preis­lich ist die her­vor­ra­gend ver­ar­bei­te­te Gi­tar­re si­cher­lich im obe­ren Drit­tel des Pulks an­ge­sie­delt. Zur The ‘84 las­sen sich nur schwer Al­ter­na­ti­ven fin­den. Es gab mal ei­nen „Spe­cial Run“an Strats von Fen­der im Jahr 2013, der nur noch auf dem Ge­braucht­markt er­hält­lich sein dürf­te. An­sons­ten kann man mit ex­tra ver­füg­ba­ren Lip­sticks für Strats (z. B. von Sey­mour Dun­can oder GFS) auch selbst Hand an­le­gen; das war‘s dann aber auch schon. In Zei­ten von „ in­stant gra­ti­fi­ca­ti­on“führt der Kauf der The ‘84 deut­lich ein­fa­cher und schnel­ler zum er­sehn­ten Ziel.

re­sü­mee

Mit der The ‘66 frönt Dan­elec­tro wei­ter der sü­ßen Nost­al­gie, das al­ler­dings mit top mo­der­ner Be­spiel­bar­keit – ei­ne enorm viels­ei- ti­ge Ham­mer­gi­tar­re. Und mit der The ‘84 legt die Us-fir­ma ei­ne schnel­le und preis­wer­te Mög­lich­keit vor, auf Srv-pfa­den zu wan­deln oder ganz ein­fach mal die Oh­ren mit al­ter­na­ti­ven Sounds zu er­fri­schen. n

Leich­te Be­spiel­bar­keit bis in die höchs­ten La­gen bei der The ’66

In­di­vi­du­ell ein­stell­ba­re In­to­na­ti­on an der Wra­pa­round-bridge der The ‘66

The 84: mo­der­ne Wil­kin­sonB­ridge für sau­be­re In­to­na­ti­on und Ver­stim­mungs­frei­heit

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