Vin­ta­ge! Gib­son Me­lo­dy Ma­ker

Gib­sons Er­folgs­mo­dell Me­lo­dy Ma­ker Mal ehr­lich, wel­cher Mar­ke­ting­ex­per­te hat sich die­sen Na­men für ei­ne E- Gi­tar­re aus­ge­dacht? Me­lo­dy Ma­ker – Me­lo­di­en Ma­cher. Un­spek­ta­ku­lä­rer, bie­de­rer geht es wohl kaum.

Gitarre & Bass - - Inhalt - STO­RY: CAR­LO MAY FO­TOS: DIE­TER STORK

Okay, heu­te, gut 60 Jah­re nach Markt­ein­füh­rung der Mo­dell­rei­he, mag das be­son­ders spie­ßig wir­ken, ver­bin­den wir mit E-gi­tar­ren doch ge­mein­hin spe­zi­el­le Mu­sik, die in den al­ler­meis­ten Fäl­len we­nig hand­zahm klingt. Aber er­in­nern wir uns, selbst En­de der 1950er-jah­re be­gann mu­si­ka­lisch wie so­zio­kul­tu­rell ei­ne neue Epo­che. El­vis Pres­ley hat­te un­zäh­li­ge jun­ge Leu­te in die Ek­s­ta­se und de­ren El­tern in den Wahn­sinn ge­trie­ben, Chuck Ber­ry hat­te ein­drucks­voll ge­zeigt, welch un­bän­di­ge Ener­gie mit ei­ner E-gi­tar­re ent­fes­selt wer­den kann. Link Wray, Dick Da­le oder Lon­nie Mack be­rei­te­ten die Rock­mu­sik vor. Von den Blues­leu­ten aus Chi­ca­go gar nicht zu re­den. Und dann kam die be­rühm­te Fir­ma Gib­son 1959 mit ei­ner Gi­tar­re auf den Markt, die Me­lo­dy Ma­ker hieß. Viel­leicht dach­ten sich die Fir­men­chefs, das sei ei­ne ge­schick­te Wahl. Wenn der Nach­wuchs sich von Pa­pa ei­ne E-gi­tar­re wünsch­te und die trug die­sen Na­men, dann wür­de Ju­ni­or da­mit viel­leicht schö­ne und nicht so schreck­li­che Mu­sik ma­chen. Spe­ku­la­ti­on, ge­schenkt. Gib­son war bei der Na­mens­fin­dung von In­stru­men­ten nie son­der­lich ein­falls­reich. Fast al­le Mo­del­le hat­ten Be­zeich­nun­gen aus Buch­sta­ben und Zif­fern, wie L-1, L-5, J-45, J-200, ES-175 etc. Zwei­mal lieh man sich vor dem Krieg die Na­men be­rühm­ter Mu­si­ker, um ein Mo­dell zu tau­fen – Nick Lu­cas und Roy Smeck. Bei der ers­ten So­lid­bo­dy war es 1952 be­kann­ter­ma­ßen Les Paul, der mit sei­nem Na­men für den Ver­kaufs­er­folg sor­gen soll­te. Er war der be- rühm­tes­te ame­ri­ka­ni­sche Gi­tar­rist der frü­hen Nach­kriegs­jah­re und ein per­fek­ter Wer­be­part­ner. Zwi­schen 1952 und 1961 gab es vier Gr­und­ver­sio­nen der Les Paul: Cust­om, Stan­dard, Spe­cial und Ju­ni­or, je­weils in ver­schie­de­nen Va­ri­an­ten. Die Les Paul Ju­ni­or war als Ein­stei­ger­mo­dell kon­zi­piert wor­den und für den Nach­wuchs auf Wunsch so­gar mit ei­ner kür­ze­ren Men­sur zu be­kom­men.

Noch mehr Nach­wuchs­för­de­rung

Aus heu­ti­ger Sicht schwer ver­ständ­lich, aber die Ver­kaufs­zah­len al­ler Les Paul Va­ri­an­ten er­füll­ten da­mals nicht die Er­war­tun­gen der Fir­men­chefs. Bei­nah jähr­li­che Mo­di­fi­ka­tio­nen an den Mo­del­len hal­fen

auch nicht, den Ab­satz zu be­flü­geln. 1959 wur­de des­halb ein zu­sätz­li­ches Mo­dell prä­sen­tiert, wel­ches das un­ters­te Preis­seg­ment an­vi­sier­te. Zum Preis von $ 99,50 gab es nun ei­ne So­lid­bo­dy mit ei­nem Ton­ab­neh­mer, Ton- und Laut­stär­ke­reg­ler. Oh­ne Fra­ge ei­ne voll­wer­ti­ge Gib­son-gi­tar­re, die Ju­gend­li­che und Ein­stei­ger er­mun­tern soll­te, ein In­stru­ment ge­nau die­ser Fir­ma zu kau­fen. Ei­gent­lich soll­te das Mo­dell „ Les Paul’s Me­lo­dy Ma­ker“hei­ßen. Aber wer glaubt denn bit­te, dass Les Paul mit so ei­nem sim­plen In­stru­ment sei­ne Hits kom­po­nie­ren wür­de? Un­ab­hän­gig da­von war den Gib­son- Chefs wohl selbst klar, dass die­ser Na­me we­nig Sinn ma­chen wür­de. Les Pauls Kar­rie­re be­fand sich in je­nen Jah­ren be­reits im stei­len Sink­flug und gleich­zei­tig hät­te der Na­men Geld ge­kos­tet. Von je­dem ver­kauf­ten Ex­em­plar hät­te er Tan­tie­men be­kom­men. So sah es sein En­dor­se­ment Ver­trag von 1952 vor. Al­so ver­schwieg man „Les Paul“und die Me­lo­dy Ma­ker war ge­bo­ren.

Ein­deu­ti­ge Ver­wandt­schaft

Von wem die neue Gi­tar­re ih­re Ge­ne hat­te, ist pro­blem­los zu er­ken­nen. Sing­le Cu­ta­way, Sun­burst, ein Ton­ab­neh­mer, so sah ab 1954 die Les Paul Ju­ni­or aus. Als die Me­lo­dy Ma­ker al­ler­dings ein­ge­führt wur­de, hat­te Gib­son die Ju­ni­or be­reits mo­di­fi­ziert. Seit 1959 hat­te sie zwei Cu­ta­ways und war nur noch in Rot oder Gelb, nicht aber in Sun­burst er­hält­lich. Und beim zwei­ten Hin­se­hen zei­gen sich dann auch die Un­ter­schie­de. Bei der Kon­zep­ti­on der Me­lo­dy Ma­ker war al­les der Vor­ga­be un­ter­ge­ord­net, mög­lichst preis­wert zu pro­du­zie­ren. Wäh­rend die Ju­ni­or noch ei­ne Kor­pus­stär­ke von 4,5 cm hat­te, maß der Kor­pus der MM le­dig­lich 3,4 cm. Ei­ne Hol­zer­spar­nis von fast 25 %. Dass man mit so „dün­nem“Kor­pus her­vor­ra­gen­de Gi­tar­ren bau­en kann, zeig­te sich spä­tes­tens ab 1961, als nach und nach die neu­en SGMo­del­le auf den Markt ka­men. Ihr Kor­pus ist ex­akt so dick wie der ei­ner Me­lo­dy Ma­ker. Aber nicht nur bei der Holz­men­ge wur­de ge­spart. Ein klei­ner Ein­zel­spu­len­ton­ab­neh­mer kam zum Ein­satz, deut­lich klei­ner als der gän­gi­ge All­zweck- PU P-90. Un­ter dem fir­men­in­ter­nen Code PU 380 war er seit 1956 auf der Laps­teel, Mo­dell „Sky­lark“im Ein­satz. Sim­pel in der Kon­struk­ti­on, mit 8500 Wick­lun­gen un­ter ei­ner ge- schlos­se­nen Plas­tik­kap­pe. Die­se Ton­ab­neh­mer ha­ben ei­nen Wi­der­stands­wert zwi­schen 6,5 und 8 kω, ein P-90 hin­ge­gen liegt zwi­schen 8,5 und 9 kω. Zu­sam­men mit den bei­den Po­tis und der Aus­gangs­buch­se wur­de der PU aufs Schlag­brett mon­tiert und als All-In­clu­si­ve- Pa­ket auf den Kor­pus ge­schraubt. Da­zu braucht es nur ei­ne ein­zi­ge, groß­flä­chi­ge Frä­sung im Kor­pus. Die Steg/sai­ten­hal­ter­kom­bi­na­ti­on hat­te sich schon bei Les Paul Ju­ni­or und Les Paul Spe­cial be­währt, hier konn­te man nichts mehr spa­ren, bei der Kopf­plat­te al­ler­dings doch. Die­se wirkt so un­ge­wöhn­lich schlank, weil hier auf wei­te­re Pro­duk­ti­ons­schrit­te ver­zich­tet wur­de. Nor­ma­ler­wei­se be­kommt je­der Gib­son-kopf zwei ge­schwun­ge­ne „Oh­ren“links und recht an­ge­leimt – hier nicht. Und dass die Mecha­ni­ken von der ein­fachs­ten Sor­te wa­ren, ver­steht sich ei­gent­lich von selbst. Aber ei­ne al­te Gib­son blieb den­noch ei­ne al­te Gib­son, die Gi­tar­ren­bau­er leg­ten auch bei ein­fa­chen Mo­del­len gro­ßen Wert auf erst­klas­si­ge Ver­ar­bei­tung. Holz und Hard­ware wa­ren trotz al­ler Spar­zwän­ge von ei­ner Qua­li­tät, die man heu­te oft gern hät­te. Al­lein der ein­tei­li­ge Kor­pus und der ein­tei­li­ge Hals, bei­des aus Hon­du­ras Ma­ha­go­ni, un­ter­schei­den die Me­lo­dy Ma­ker von heu­ti­ger Mas­sen­wa­re.

Mo­di­fi­ka­tio­nen

Zö­ger­li­ches Han­deln war nie Gib­sons Art. Mit der Me­lo­dy Ma­ker ging die Fir­ma von An­fang an in die Vol­len. Gleich­zei­tig mit der Me­lo­dy Ma­ker wur­de ein Mo­dell mit kur­zer Men­sur, 3/4 Sca­le vor­ge­stellt. Von bei­den Ty­pen wur- den 1959, im De­büt­jahr, 3073 Ex­em­pla­re ge­baut. Zum Ver­gleich, von der Les Paul Ju­ni­or und Ju­ni­or 3/4 gab es im glei­chen Jahr 4563 Stück. Was die Me­lo­dy Ma­ker, Full Sca­le und 3/4 Sca­le an­geht, war der Markt al­ler­dings erst ein­mal ge­sät­tigt. 1960 wur­den nur noch 285 Ex­em­pla­re ge­baut. Al­ler­dings hat­te es Fa­mi­li­en­zu­wachs ge­ge­ben. 1960 wur­de die Me­lo­dy Ma­ker Dou­ble ein­ge­führt. Der Na­me lässt es ah­nen, zwei Ton­ab­neh­mer, da­zu zwei wei­te­re Po­tis und der üb­li­che Drei­weg­schal­ter. Of­fen­bar griff die Kund­schaft be­geis­tert zu, denn 1960 wur­den 1196 Stück ge­baut. Vie­le die­ser In­stru­men­te sind heu­te noch im Ge­brauch oder hän­gen in den Vin­ta­ge Lä­den, und es sind In­stru­men­te von der her­aus­ra­gen­den Klas­se, für die Gib­sons der spä­ten 50er-jah­re be­rühmt und be­gehrt sind. Sie sind auch nach fast 60 Jah­ren im­mer noch aus­ge­zeich­net spiel­bar, gu­te Be­hand­lung über die Jah­re vor­aus­ge­setzt. Sie ver­fü­gen über end­lo­ses Sustain und ei­nen vol­len, gleich­zei­tig bril­lan­ten Klang. Es ist ei­ne ab­so­lut ge­lun­ge­ne Kon­struk­ti­on. Gib­son hat sich nie auf ver­meint­li­chen Er­fol­gen aus­ge­ruht. Schon 1961 wur­den die drei MM (Sing­le, Dou­ble, 3/4) mo­di­fi­ziert. Der Bo­dy be­kam ein zwei­tes Cu­ta­way. Gleich­zei­tig ver­schwan­den die ver­blie­be­nen Sing­le Cu­ta­way Les Pauls (Stan­dard

und Cust­om) aus den Ka­ta­lo­gen und wur­den durch die neue SG Mo­dell­rei­he er­setzt. Fort­an, bis zum En­de des Jahr­zehnts, gab es nur noch Dou­ble Cu­ta­way So­lid­bo­dies. 1963 schließ­lich gab es noch ein­mal ei­ne Än­de­rung, denn von nun an wa­ren die Me­lo­dy Ma­ker kom­plett rot la­ckiert. Si­cher­lich wie­der ei­ne Spar­maß­nah­me, denn die­ses Fi­nish ist ein­fa­cher zu la­ckie­ren als Sun­burst. Auch dies­mal war die Kund­schaft of­fen­bar be­geis­tert, denn 1965 wur­den 11.804 Stück ge­baut. Die Ex­pe­ri­men­tier­freu­de der Kon­struk­teu­re bei Gib­son er­lahm­te den­noch nicht. 1965 be­kam die Me­lo­dy Ma­ker den Kor­pus der SG, auf Wunsch auch drei Ton­ab­neh­mer oder ei­nen zwölf­sai­ti­gen Hals. 1970 war dann al­ler­dings Schluss. Al­le Va­ri­an­ten wur­den für vie­le Jah­re aus dem Pro­gramm ge­nom­men, da wa­ren ins­ge­samt fast 49.000 Stück ge­baut wor­den. Für zahl­lo­se Mu­si­ker war die Me­lo­dy Ma­ker, dank des er­schwing­li­chen Prei­ses, der Ein­stieg in die Welt der E- Gi­tar­re. Vie­le ha­ben sie spä­ter ge­braucht er­wor­ben, als sie be­reits aus den Ka­ta­lo­gen ver­schwun­den war. Slash ge­hört da­zu, Ga­ry Moo­re, Pat Tra­vers, Carl Ba­rat oder Bil­lie Joe Arm­strong von Gre­en Day. Ja­ne Wied­lin von den Go-gos ge­nau wie Jo­an Jett, der Gib­son spä­ter so­gar ein Si­gna­tu­re- Mo­dell spen­dier­te. Und 1962 be­kam der 13-jäh­ri­ge Bil­ly Gib­bons sei­nen ers­ten klei- nen Fen­der Ver­stär­ker samt ei­ner Me­lo­dy Ma­ker mit ei­nem Pick­up. Und da er sich an­geb­lich noch nie von ei­ner Gi­tar­re ge­trennt hat, liegt sie si­cher­lich im­mer noch in ei­nem Kof­fer, ir­gend­wo in Te­xas. Vor ein paar Jah­ren hat Gib­bons die­se Me­lo­dy Ma­ker vom Gi­tar­ren­bau­er sei­nes Ver­trau­ens – John Bo­lin aus Ida­ho – nach­bau­en las­sen. Ei­ne fast ex­ak­te Ko­pie, als Ton­ab­neh­mer kam je­doch ein Sey­mour Dun­can St­a­cked Hum­bu­cker zum Ein­satz. An der Stel­le am Hals­an­satz, wo nor­ma­ler­wei­se „Me­lo­dy Ma­ker“steht, liest man bei Gib­bons „ Mo­jo Ma­ker“. Das ist doch mal ein ver­nünf­ti­ger Na­me für ei­ne Gi­tar­re! n

Zwei Me­lo­dy Ma­ker und ihr gro­ßer Bru­der, ei­ne 1958er Les Paul Ju­ni­or

Sing­le Cu­ta­way von 1960 und Dou­ble Cu­ta­way von 1963

Die All In­clu­si­ve Lö­sung, al­les auf dem Schlag­brett

(Foto Ralf Heyne)

Ei­ne Me­lo­dy Ma­ker der drit­ten Ge­ne­ra­ti­on in Rot von 1965

Die Kopf­plat­te: schlan­ker geht’s nicht

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