Das Tele­cas­ter-pop-in­ter­mez­zo

Ei­gent­lich steht Ste­ven Wil­son für PRS- Gi­tar­ren, epi­schen Prog- Rock so­wie für ei­ne künst­le­ri­sche Nä­he zu Pink Floyd und King Crim­son. Pa­ra­me­ter, die er für sein fünf­tes So­lo­Al­bum , To The Bo­ne‘ ein­fach über Bord wirft: Hier lieb­äu­gelt der ( fast) 50- Jä

Gitarre & Bass - - News -

Ei­ne Stadt, ca. 40 Au­to­mi­nu­ten nörd­lich von He­a­throw, die der bri­ti­sche Guar­di­an ganz non­cha­lant als „häss­lichs­te Ci­ty Groß­bri­tan­ni­ens“be­zeich­net. Zu Recht: Es han­delt sich um ei­ne Be­ton­wüs­te mit viel Ver­kehr, mas­si­vem Leer­stand und schlech­ter In­fra­struk­tur. Ei­ne so­ge­nann­te „New Town“, die nach dem zwei­ten Welt­krieg aus dem Bo­den ge­stampft wur­de, um die

ner ver­spiel­ten Hun­de­da­me. Auf den ers­ten Blick fin­den sich hier we­der In­stru­men­te, noch Ton­trä­ger, De­vo­tio­na­li­en aus sei­ner mitt­ler­wei­le 34 Jah­re wäh­ren­den Kar­rie­re oder sons­ti­ge Hin­wei­se auf die Pro­fes­si­on des Haus­herrn. Statt­des­sen: Bü­cher, Yo­ga­mat­ten, ge­rahm­te Bil­der, ei­ne gro­ße Kü­che und ei­ne fast sur­rea­le Nor­ma­li­tät. Ste­ven selbst ist wie im­mer bar­fuß, bit­tet sei­nen Be­such, die Schu­he aus­zu­zie­hen, und ser­viert ve­ga­ne Kek­se und Tee mit So­ja-milch. Sein Heim­stu­dio, das aus ei­nem ein­zi­gen, ex­trem auf­ge­räum­ten Raum mit Schreib­tisch, Com­pu­terBild­schir­men, ein paar Gi­tar­ren, Key­boards und Ver­stär­kern be­steht, prä­sen­tiert er erst ge­gen En­de der Vi­si­te – weil es, so sagt er, „da nicht viel zu se­hen gibt“Stimmt!

interview

Ste­ven, das mu­tet hier sehr mi­ni­ma­lis­tisch und über­sicht­lich an. Aber vor al­lem: Sehr or­dent­lich. Ja, und das Lus­ti­ge ist: Wenn mich Leu­te nach ei­nem Foto von mei­nem Stu­dio fra­gen, fal­len die Re­ak­ti­on meist ziem­lich ent­täuscht aus. (lacht) Was ein­fach dar­an liegt, dass al­le ein rie­si­ges SSL Misch­pult mit 60 Ka­nä­len er­war­ten. Nur: Für mich und vie­le an­de­re Mu­si­ker spielt sich heut­zu­ta­ge al­les am Com­pu­ter ab. Ich bin ge­wohnt und da­mit groß ge­wor­den, Plat­ten am PC zu ma­chen – so ar­bei­tet mei­ne Ge­ne­ra­ti­on. Ich bin nicht in den 70ern ver­wur­zelt, als die Leu­te noch in teu­re Stu­di­os ge­gan­gen sind. Ich ha­be ge­lernt, mei­ne Plat­ten zu Hau­se im stil­len Käm­mer­lein auf­zu­neh­men. Und ich war jah­re­lang In­die-künst­ler oh­ne hoch­do­tier­ten Plat­ten­ver­trag, ge­schwei­ge denn La­bel, das für teu­re Stu­di­os ge­zahlt hät­te. Von da­her ha­be ich mit mi­ni­ma­lem Auf­wand ge­ar­bei­tet – eben mit Com­pu­tern. Und die sind mitt­ler­wei­le so fort­ge­schrit­ten, dass man da­mit wun­der­bar klin­gen­de Al­ben pro­du­zie­ren kann. Das ist es, was ich tue – und dar­in bin ich gut. Wür­dest du mich aber in ein Stu­dio mit ei­nem gro­ßen Misch­pult stel­len, hät­te ich kei­ne Ah­nung, wo ich an­fan­gen soll! Im Ernst? Und ob! Wenn du dir die Fotos von dem Stu­dio an­schaust, in dem ich auf­ge­nom­men ha­be, dann war das eben­falls ein ganz klei­ner Raum – wenn auch mit ei­nem rie­si­gen Misch­pult. Ich ha­be mit Paul St­acey ge­ar­bei­tet, der noch Teil der Ge­ne­ra­ti­on ist, die Plat­ten mit ana­lo­gem Misch­pult ge­macht ha­ben. Er kennt sich da aus – ich aber nicht. Wenn ich in so ein Stu­dio ge­he, brau­che ich je­man­den, der weiß,

g

Was habt ihr dann ge­mein­sam zu dei­nen De­mos hin­zu­ge­fügt? Was hat da noch ge­fehlt? Im Grun­de ma­che ich gut aus­ge­ar­bei­te­te De­mos – ein­fach, weil ich das muss. Ich muss das ge­sam­te Bild hö­ren kön­nen. Ich bin nicht der Typ, der ein De­mo mit akus­ti­scher Gi­tar­re und im­pro­vi­sier­tem Ge­sang auf­neh­men kann. Das funk­tio­niert bei mir nicht. Des­halb ar­bei­te ich sie ge­nau aus, so­dass ich hö­re, wie und ob die Key­boards, der Bass und das Schlag­zeug funk­tio­nie­ren. Aber na­tür­lich ist da spä­ter im­mer noch ei­ne Men­ge Platz zum Ex­pe­ri­men­tie­ren. Und Paul hat im­mer kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge. In­so­fern wür­de ich sa­gen: Wir ha­ben ver­sucht, wirk­lich al­les neu auf­zu­neh­men, und manch­mal ha­ben wir ent­schie­den, dass das De­mo doch am bes­ten war. Was z. B. für ei­ni­ge Ge­s­angs­pas­sa­gen und für ei­ni­ge Gi­tar­ren­parts gilt, die ein­fach un­schlag­bar wa­ren. Sie be­sit­zen al­so durch­aus das Po­ten­ti­al, dass du am En­de des Tages sagst: Wir krie­gen das nicht bes­ser hin, als es war. Da­für braucht man ei­nen gu­ten, of­fe­nen Pro­du­zen­ten, der in der La­ge ist, das an­zu­er­ken­nen. Auch auf der Tour wer­de ich mehr Gi­tar­re spie­len als in den letz­ten Jah­ren. Ei­ne Men­ge So­li auf der neu­en Plat­te stam­men von mir und al­lein das ist an­ders als auf den vor­he­ri­gen zwei Al­ben, auf de­nen sie al­le von Gu­thrie Go­van ka­men. Dies­mal sind sie ge­nau wie der Ge­sang sehr per­sön­lich und dis­tink­tiv. Wirst du wie­der die al­te Band da­bei ha­ben oder völ­lig neue Leu­te? Es wird größ­ten­teils die al­te Band sein. Als da wä­ren Craig Blun­dell am Schlag­zeug, Nick Beggs am Bass und Adam Holz­man an den Key­boards. Die Gi­tar­ris­ten muss­te ich wech­seln, weil sie jetzt mit Hans Zim­mer und Ro­ger Wa­ters tou­ren. Al­so Gu­thrie mit Zim­mer und Da­ve Kilm­ins­ter mit Wa­ters. Ich bin ge­ra­de da­bei, mir je­mand Neu­es zu su­chen. Könn­test du dir vor­stel­len, auch mal mit ei­nem gro­ßen, be­kann­ten Pro­du­zen­ten zu ar­bei­ten? Oder steht das nicht zur De­bat­te? Oh, ich bin im­mer an Kol­la­bo­ra­tio­nen in­ter­es­siert. Ei­ne der bes­ten Sa­chen an mei­nem Job ist es ja, Leu­te aus ei­nem an-

ich nicht zu­fäl­lig an die­sem Tag zu dem In­stru­ment ge­grif­fen, wä­re der Song nie ent­stan­den – oder er wä­re ganz an­ders aus­ge­fal­len. Es ist ein wasch­ech­ter Tele­cas­ter-song. Auf den Stu­dio-fotos ist zu­dem ei­ne se­mi-akus­ti­sche Gi­tar­re zu se­hen, die ziem­lich alt wirkt ... Ich weiß nicht mehr ge­nau, was für ein Mo­dell das ist. Aber wir ha­ben sie auf dem Song ‚Blank Tapes‘ ver­wen­det. Ei­ne Hol­low­bo­dy. Im Ernst: Ich ha­be et­wa zehn ver­schie­de­ne Gi­tar­ren in­ner­halb ei­ner St­un­de aus­pro­biert. Denn Paul kam im­mer wie­der mit ei­ner neu­en an. Nach dem Mot­to: „Ver­such mal die­se, ver­such mal je­ne.“Und manch­mal war es so, dass ich hin­ter­her gar nicht mehr wuss­te, wel­che der vie­len Gi­tar­ren wir letzt­lich für ei­nen Track ver­wen­det ha­ben – ich ha­be kom­plett den Über­blick ver­lo­ren, weil da im­mer wie­der et­was an­de­res in mei­nen Hän­den war. Das ein­zi­ge, was ich noch weiß, ist, dass wir ‚Blank Tapes‘ mit die­ser Se­mi-akus­ti­schen auf­ge­nom­men ha­ben. Wie re­pro­du­zierst du das auf der Büh­ne, wenn du nicht mehr weißt, wel­che Gi­tar­re du für wel­ches Stück be­nutzt hast? Ich ha­be kei­ne Ah­nung! Ehr­lich! Aber zum Glück geht es beim live spie­len ja nicht so sehr dar­um, das zu re­pro­du­zie­ren, was man im Stu­dio ge­macht hat. Es ist ei­ne ganz an­de­re Dis­zi­plin. Und es wird de­fi­ni­tiv ein an­de­rer Sound sein – das muss er auch. Man kann schließ­lich nicht 50 ver­schie­de­ne Gi­tar­ren mit auf Tour neh­men. Da muss man sich auf zwei oder drei kon­zen­trie­ren, von de­nen man denkt, sie ha­ben die Viel­sei­tig­keit und Fle­xi­bi­li­tät, um die meis­ten der be­nö­tig­ten Sounds ab­zu­de­cken. Zu­min­dest ma­che ich das so. Es hat et­was von ei­nem Kom­pro­miss und ei­ner Sim­pli­fi­zie­rung – und sei es nur aus Be­quem­lich­keit. Ich mei­ne, wenn ich Neil Young wä­re, wür­de ich lo­cker 50 Gi­tar­ren mit auf Tour neh­men. (lacht) Aber ich bin Ste­ven Wil­son – ich muss es mög­lichst sim­pel hal­ten. Wirst du auf Tour denn trotz­dem PRSGi­tar­ren da­bei­ha­ben? De­fi­ni­tiv ein paar PRS, aber auch min­des­tens zwei oder drei Tele­cas­ters. An­sons­ten bin ich mir noch nicht ganz si­cher. Wir fan­gen erst in den nächs­ten Mo­na­ten mit den Pro­ben an. Da ist al­so noch ein biss­chen Zeit. Wie groß ist dei­ne Gi­tar­ren­samm­lung mitt­ler­wei­le? Über wie vie­le Mo­del­le re­den wir? Ich ha­be kei­nen blas­sen Schim­mer, wie vie­le es mitt­ler­wei­le sind. Die meis­ten sind ir­gend­wo ein­ge­la­gert. Und Ian Bond,

dis­ko­gra­fie

für ei­ne kom­plet­te mu­si­ka­li­sche Vi­si­on er­schei­nen. Wie Frank Zap­pa, Ro­ger Wa­ters oder auch Jo­ni Mit­chell. Von den tra­di­tio­nel­len Gi­tar­ren­hel­den war ich nie ein gro­ßer Fan. Ich mei­ne, ich lie­be Pink Floyd und ich ste­he to­tal auf das, was Da­vid Gil­mour ge­macht hat. Aber letzt­lich be­vor­zu­ge ich je­man­den wie Ro­ger Wa­ters, den Schreiber, den Kon­zep­tio­na­lis­ten, den Ar­chi­tek­ten die­ser Band. Das fand ich im­mer span­nen­der als rei­ne Gi­tar­ris­ten. Klar, Gil­mour ist toll. Ge­nau wie John Mclaughlin und Ro­bert Fripp. Aber ich ste­he auch auf Post-punk und Leu­te wie Ro­bert Smith von The Cu­re, Ber­nard Sum­ner von Joy Di­vi­si­on und John Mc­geoch von Ma­ga­zi­ne. Mit ei­nem sehr ei­gen­stän­di­gen, un­kon­ven­tio­nel­len Sound, der kaum zu ko­pie­ren ist? Ganz ge­nau – es sind ge­nia­le Di­let­tan­ten, die ei­nen un­ver­kenn­ba­ren Sound und An­satz ver­fol­gen. Je­man­den wie Ge­or­die Wal­ke von Kil­ling Jo­ke er­kennt man so­fort. Und ich ha­be mich schon im­mer mehr von den Sound-de­sign-ele­men­ten des Gi­tar­ren­spiels an­ge­zo­gen ge­fühlt, als von der Tech­nik an sich. Die­se Ed­die-vanHa­len-sa­che ist kom­plett an mir vor­bei­ge­gan­gen. Das sa­ge ich, weil ei­ne Men­ge der Gi­tar­ris­ten, die über die Jah­re in mei­ner Band ge­spielt ha­ben, da ganz an­ders den­ken. Für sie wa­ren Ed­die Van Ha­len und Ste­ve Vai re­gel­rech­te Göt­ter mit Sai­ten. Mich ha­ben sie da­ge­gen völ­lig kalt ge­las­sen. Ich emp­fin­de die­se gan­ze tech­ni­sche Sa­che als ir­re­le­vant. Da hö­re ich mir lie­ber je­man­den wie Da­vid Gil­mour an, der ge­ra­de­mal zwei No­ten spielt, aber da­mit mein Herz bricht, als den Ty­pen von Dream Theater, der ein­tau­send No­ten spielt, die mir über­haupt nichts be­deu­ten.

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