Mei­len­stein 1994: Se­lig ,Hier:’

Gitarre & Bass - - Inhalt -

,Kashmir Karma‘ heißt das ak­tu­el­le Al­bum der Ham­bur­ger Rock­Band Se­lig. Star­ke Songs und der ty­pi­sche Sound re­flek­tie­ren die ei­ge­ne Ge­schich­te, vom Er­folg zur lan­gen Pau­se und wie­der zu­rück nach oben. Die Kar­rie­re von Jan Plew­ka (voc), Mal­te Ne­u­mann (kb), Chris­ti­an Ne­an­der (g), Leo Schmidthals (b) und Ste­phan „Stop­pel“Eg­gert (dr) ver­lief im Schleu­der­gang. 1993 ge­grün­det, gab‘s für Se­lig noch im sel­ben Jahr ei­nen Plat­ten­ver­trag mit dem Ma­jor­la­bel Epic/so­ny. Im März 1994 er­schien das De­büt ,Se­lig‘, das mit Songs wie ,Sie hat ge­schrien‘ und ,Wenn ich woll­te‘ die deut­sche Rock-welt schlag­ar­tig be­ein­druck­te. Frisch klang da­mals die Ver­bin­dung von har­ten Gi­tar­ren- Riffs mit 70erJah­re-ein­schlag, ei­ner dy­na­mi­schen Rhyth­mus­ab­tei­lung und tra­gen­den Key­board- Sounds. Vom Start weg ei­gen­wil­lig und das Mar­ken­zei­chen der Band schlecht­hin wa­ren die as­so­zia­ti­ons­rei­chen bis ein­deu­tig zwei­deu­ti­gen Tex­te, mit de­nen Plew­ka ei­nen ei­ge­nen Weg ging zwi­schen Udo Lin­den­berg und Rio Rei­ser. Die Mu­si­ker be­zeich­ne­ten ih­ren Stil­mix als „Hip­pie Me­tal“. Wenn­gleich si­cher iro­nisch ge­meint, spie­gel­te sich dar­in die Rück­be­sin­nung auf al­te Rock-wur­zeln, die mit mo­der­ne- ren Ein­flüs­sen ge­mixt wur­den, was letzt­lich das Jahr­zehnt von Grun­ge, Cross­over und Brit­pop cha­rak­te­ri­sier­te. An die­sen Stil knüpf­te auch das zwei­te Al­bum ,Hier:‘ an, das im Mai 1995 er­schien, bis auf Platz 15 der deut­schen Al­bum- Charts klet­ter­te und Se­lig durch die De­cke ge­hen ließ. Die Sing­le- Aus­kopp­lun­gen ,Lass mich rein‘ und ,Ist es wich­tig?‘ mit ih­ren fun­ky Groo­ves und viel Pop-ap­peal blie­ben mal wie­der im Ohr hän­gen. Ganz an­ders der Auf­takt des Al­bums: Das Ti­tel­stück pen­delt zwi­schen ru­hi­gen psy­che­de­li­schen Parts mit kaum ver­ständ­li­chem weil kom­plett ver­hall­tem Ge­sang, und hyp­no­ti­schen har­ten Gi­tar­ren-riffs, die sich ge­gen En­de in ein kra­chi­ges So­lo mit vie­len Feed­backs und lan­gen Ben­dings stei­gern. Hier, wie an an­de­ren Stel­len des Al­bums ist nicht zu über­hö­ren, dass Ne­an­der gro­ßer Hen­d­rix- Fan ist. Im 60s- in­spi­rier­ten schwer­mü­ti­gen , Klei­ne Schwes­ter‘ tref­fen ei­ne The-door­sSchwei­ne-or­gel auf kna­cki­ge Beats und Bäs­se, der flie­ßen­de Groo­ve wird durch hef­ti­ge The-who-power­chor­ds durch­bro­chen. Die Kon­tras­te sind groß auf die­sem Al­bum. Alb­traum­ar­tig singt Plew­ka in ,Hal­ber Freund‘ über mo­no­to­ne und beat­le­ses­ke Strei­cher, die mit elek­tro­ni­schen Sounds und Key­boards de­zent wie wir­kungs­voll ge­füllt wer­den. Die zu­neh­men­de Ato­na­li­tät ist an­stren­gend zu kon­su­mie­ren. Da­ge­gen steht der groß an­ge­leg­te Sta­di­on­rock in ,Du kennst mich Nicht‘ oder dem bal­la­des­ken ,Nach Hau­se‘. Letz­te­res at­met den Re­tro-geist ei­nes Len­ny Kra­vitz. Das Al­bum mit dem gro­ßen Sound ent­stand in der Brüs­se­ler ICP Stu­di­os, ver­ant­wort­lich war da­für er­neut Star-pro­du­zent Franz Pla­sa. In nur fünf Wo­chen wur­den hier 14 Songs ein­ge­spielt. „ Ei­ne ty­pi­sche TourPlat­te“, kom­men­tier­te Ne­an­der ein­mal rück­bli­ckend. „Wir steck­ten vol­ler Ener­gie, Elek­tri­zi­tät und Ad­re­na­lin.“Und das hört man auch den ex­klu­si­ven und klas­si­schen Gi­tar­ren­Sounds an. Im We­sent­li­chen setz­te Ne­an­der das sel­be Equip­ment ein wie schon beim De­büt. Bei den Gi­tar­ren wech­sel­te er zwi­schen ei­ner Fen­der Broad­cas­ter mit ori­gi­na­lem Bo­dy und

neu­em Hals, ei­ner wei­ßen 67er Fen­der Strat und ei­ner blau­en Fen­der Ja­gu­ar von Franz Pla­sa. Für den schar­fen Sound in ,Arsch ei­ner Göt­tin‘ kam ei­ne Gib­son Les Paul Gold­top aus den 50ern zum Ein­satz. In Live-mit­schnit­ten von da­mals sieht man ihn auch oft mit ei­ner grü­nen Stra­to­cas­ter-in­ter­pre­ta­ti­on des Ham­bur­ger La­bels Claim. Chris­ti­an kom­bi­nier­te den Sound ei­nes mo­di­fi­zier­ten Vox AC30 mit ver­schie­de­nen 50- und 100-Watt-mar­shal­lTops oder ei­nem Mar­shall TSL 100. Schließ­lich gab es noch ei­nen Fen­der Champ. Ge­färbt wur­de der Klang mit ana­lo­gem Boss-de­lay, Z.vex Boos­ter, Elec­troHar­mo­nix Big Muff, Full­to­ne Fuzz und ei­nem Voo­doo Vi­be. Das zwei­te Al­bum von Se­lig klingt im­mer noch pa­ckend. Die Songs wir­ken in der Re­tro­spek­ti­ve fett, viel­sei­tig, ir­gend­wie gleich­zei­tig alt­mo­disch und mo­dern und da­bei im­mer ei­gen­wil­lig – nicht zu­letzt we­gen Jan Plew­kas über­bor­den­der und lei­den­schaft­li­cher Stim­me, mit der er as­so­zia­ti­ons­reich über Freund­schaft, Lie­be und Sex singt. Und der war eben ge­nau das, was ei­nen da­mals zum Fan oder Zweif­ler mach­te. So be­fand die Zeit­schrift Mu­sik­ex­press/ Sounds ( 08/ 1995): „In klei­ne­ren Do­sen wir­ken die Tex­te aus dem Hand­buch von Sla­cker und Twen­ty­so­me­things ge­ra­de noch ver­träg­lich, doch spä­tes­tens wenn er vom ,Arsch ei­ner Göt­tin‘ de­li­riert, wünscht man sich nichts se­li­ger als eng­li­schen Ge­sang.“Und in der „Con­tra-kri­tik“des ge­schätz­ten Al­ter­na­ti­ve-ma­ga­zins Vi­si­ons (Nr. 39) hieß es ab­schlie­ßend: „ Last but not least legt sich auch Sän­ger Jan mäch­tig ins Zeug, um sei­ner Band ei­ne in­di­vi­du­el­le No­te zu ver­pas­sen. Aber ge­ra­de die­se Mi­schung aus Poe­sie und Emo­ti­on ist es, die mich über­for­dert und den Stol­per­stein auf dem Weg zum Gut­fin­den dar­stellt.“Ver­söhn­li­cher fällt die „ Pro- Kri­tik“in der­sel­ben Vi­si­ons-aus­ga­be aus: „Se­ligs Ta­lent, den üb­li­chen Deutsch­rock- Tran ge­schickt zu um­schif­fen, ist ih­nen er­hal­ten ge­blie­ben, wenn auch ihr größ­tes Ka­pi­tal – die Lei­den­schaft – ein we­nig in den Hin­ter­grund ge­tre­ten ist.“Nun, Al­bum­re­zen - sio­nen sind sub­jek­tiv und spon­ta­ne Re­ak­tio­nen, im Rück­blick se­hen die Au­to­ren dies heu­te vi­el­leicht an­ders. Ich ha­be kei­ne Ah­nung, was ich da­mals ge­schrie­ben hät­te, wä­re ich schon als Jour­na­list un­ter­wegs ge­we­sen. Aber ich weiß noch, dass der in­ter­na­tio­nal klin­gen­de Se­li­gRock mit sei­nen deut­schen Tex­ten für mich da­mals voll­kom­men neu war. Heu­te kann man ,Hier:‘ si­cher zu den Klas­si­kern des Deutsch-rock im wei­te­ren Sin­ne zäh­len. Bit­te selbst über­prü­fen, es lohnt sich! n

Bunt, krea­tiv und laut

Se­lig 1994: Links Jan Plew­ka und Chris­ti­an Ne­an­der

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