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Gitarre & Bass - - Die Twang- Helfer - CHRIS­TO­PHER KELL­NER

Mit­te der 1980er-jah­re war es um al­le tra­di­ti­ons­rei­chen Us-gi­tar­ren­her­stel­ler sehr still ge­wor­den. Ei­ne Dis­kus­si­on der Grün­de wür­de den Rah­men un­se­rer Ko­lum­ne spren­gen, des­halb di­rekt zum The­ma: Gretsch hat­te es von al­len am schlimms­ten er­wischt. Nach dem En­de der Beat-ära ver­stand es die Fir­ma nicht, ins neue Rock­zeit­al­ter durch­zu­star­ten – in den 1970ern ver­lor Gretsch zu­neh­mend an Re­le­vanz und da­mit Markt­an­teil. Nach ei­nem Brand in der al­ten Fer­ti­gungs­stät­te stell­te die Mut­ter­ge­sell­schaft, Bald­win, die Pro­duk­ti­on 1981 kom­plett ein. In der Fol­ge­zeit düm­pel­te Gretsch an­ämisch vor sich hin, ob­wohl neue Stars wie Da­ve Ste­wart von den Eu­ryth­mics, Bri­an Set­zer oder auch The Cults Bil­ly Duf­fy ver­schie­de­ne Gretsch-mo­del­le via MTV wie­der ins Ram­pen­licht rück­ten. Die stei­gen­de Prä­senz nah­men wohl auch Fred W. Gretsch, Nef­fe des letz­ten (bis 1967) Gretsch-fir­men­in­ha­bers Fred jr., und sei­ne Frau Di­nah zum An­lass, die Mar­ke 1985 wie­der zu­rück­zu­kau­fen. Al­lein, es fehl­te an Ka­pi­tal, um ei­ne neue Gi­tar­ren­pro­duk­ti­on zu star­ten. 1987 er­schien Ge­or­ge Har­ri­sons ge­fei­er­tes Al­bum ‚Cloud Ni­ne‘ – auf dem Co­ver rock­te er sei­ne Gretsch Duo Jet aus den 1950ern. Di­nah Gretsch schrieb dar­auf­hin ei­nen freund­li­chen Brief an Har­ri­son – nach ei­ge­ner Aus­sa­ge rech­ne­ten die Gretschs aber nicht mit ei­ner Ant­wort. Um­so über­rasch­ter wa­ren sie, als ei­ni­ge Zeit spä­ter das Te­le­fon in ih­rem Bü­ro klin­gel­te – am Ap­pa­rat war Har­ri­son selbst. Nach dem Aus­tausch von Net­tig­kei­ten er­öff­ne­te er Fred und Di­nah, dass er mit ih­nen be­züg­lich ei­ner Se­rie von Pro­mo­ti­ongi­tar­ren ins Ge­schäft kom­men wol­le, und zwar zur Ver­mark­tung sei­nes neu­en Pro­jekts – der Tra­ve­ling Wil­bu­rys. Die­se Su­per­group, be­ste­hend aus Har­ri­son, Tom Pet­ty, Jeff Lyn­ne, Roy Or­b­i­son, Jim Kelt­ner und Bob Dy­lan, pro­du­zier­te in den spä­ten 1980er-jah­ren ei­ni­ge Hits auf zwei viel­be­ach­te­ten Al­ben. Die Gretschs sag­ten zu, konn­ten sie doch die zu er­war­ten­den Ein­nah­men gut brau­chen, und so ent­stand die Tra­ve­ling-wil­bu­rys-gi­tar­re – in ei­ner Zeit, zu der Gretsch selbst noch gar kei­ne ei­ge­ne Pro­duk­ti­on wie­der auf die Bei­ne ge­stellt hat­te. Die vor­lie­gen­de TW 300 ist ei­ne die­ser Pro­mo­ti­ongi­tar­ren. Er­kenn­bar ist die Ver­wandt­schaft mit der Dan­elec­tro U2 – wir dür­fen an­neh­men, dass sie im glei­chen ko­rea­ni­schen Werk ge­baut wur­de. Der Kor­pus ist aus Press­pap­pe; mit ei­ner 610-mm-men­sur und Ge­samt­län­ge von nur 940 mm er­scheint die Gi­tar­re recht klein. Bei den „Au­to­gram­men“auf dem Bo­dy han­delt es sich um auf­ge­druck­te Fa­ke-un­ter­schrif­ten der Wil­bu­ry-al­ter Egos von Har­ri­son, Pet­ty, Lyn­ne, Or­b­i­son und Dy­lan. Den Hals ziert ein schwarz be­mal­tes Griff­brett, er en­det in der Dan­elec­tro- ty­pi­schen „ Colaf­la­schen“-kopf­plat­te. An­ders als bei Dan­elec­tros wur­de die Gretsch TW al­ler­dings nicht mit Lip­sticks, son­dern mit Hum­bu­ckern oder nor­ma­len Sing­le­coils aus­ge­rüs­tet; zu­dem ha­ben ei­ni­ge Mo­del­le, so wie un­se­res, ein Strat- ar­ti­ges Vi­bra­to. Ein Blick in die Ein­ge­wei­de zeigt uns, dass man nicht eben Wert auf ei­nen hoch­wer­ti­gen Tre­mo­lo­block leg­te – es han­delt sich nur um ein ge­bo­ge­nes Stück Stahl. Ein klei­ner Kipp­schal­ter split­tet den Pick­up, was ei­nen dras­ti­schen Laut­stär­ke-ver­lust zur Fol­ge hat. Ne­ben der TW 300 gab es noch wei­te­re Ex­em­pla­re mit an­de­ren Ton­ab­neh­mer­be­stü­ckun­gen und oh­ne Vi­bra­to. Die TW 300 spielt sich flo­ckig und leicht, kon­struk­ti­ons­be­dingt darf man aber kein Mör­der-sustain er­war­ten – und eben schon gar nicht ei­ne „ech­te“Gretsch. Auch Dan­elec­tro-fans wer­den ent-

täuscht sein, denn der Hum­bu­cker klingt wirk­lich nicht nach Lip­stickTwang. Den­noch ist die TW 300 kei­ne rei­ne Deko-gi­tar­re – man kann mit ihr ro­cken und rol­len, so­fern man sich mit der Op­tik an­zu­freun­den weiß, die in der Äs­t­he­tik der aus­klin­gen­den 1980er ver­wur­zelt ist, da­bei aber fast schon de­zent bleibt – es gibt üb­ri­gens vie­le ver­schie­de­ne Mo­ti­ve. TWS wa­ren schon da­mals als Samm­ler­ob­jek­te ge­dacht, und das sind sie auch heu­te – mit ei­nem Markt­wert von € 300-500 er­zie­len sie mehr, als man qua­li­ta­tiv er­war­ten könn­te. Wich­tig da­bei: Die Gi­tar­re muss mit dem ori­gi­na­len Kar­ton kom­men. Die Tra­ve­ling Wil­bu­rys zeig­ten sich ger­ne mit ih­ren ei­ge­nen Vin­ta­geG­retschs und tru­gen da­mit er­heb­lich zur Wie­der­be­le­bung der Mar­ke bei. Die TW aber be­nutz­te Ge­or­ge Har­ri­son an­schei­nend nur ein ein­zi­ges Mal – im Vi­deo zu „Hand­le with Ca­re“…

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