Amp Sta­ti­on: 1955 Fen­der Tweed Su­per Amp

Gitarre & Bass - - Inhalt -

Na­nu? Schon wie­der ein Fen­der Amp? Man könn­te sich wun­dern. Aber die­ser Amp kam un­längst in mei­ne Werk­statt hin­ein­ge­flat­tert und ist wirk­lich so ex­or­bi­tant sel­ten, dass ich da ein­fach nicht wi­der­ste­hen konn­te. Vor ei­nem gu­ten Jahr be­kam ich aus USA ein Mu­sik-ma­ga­zin, in dem die­ser Amp so­gar zum bes­ten je ge­bau­ten Gi­tar­ren­ver­stär­ker ge­wählt wur­de. Und das von et­li­chen Pro­fis, Gi­tar­ren­hel­den und be­kann­ten Ver­stär­kerTech­ni­kern. Die Fen­der-su­per-mo­del­le ste­hen ganz am An­fang der Er­folgs­ge­schich­te. Der Com­bo mit 2x10 Spea­ker-be­stü­ckung war der ers­te rich­ti­ge Tweed-amp aus Ka­li­for­ni­en. 1947 wur­den die ers­ten Amps aus­ge­lie­fert. Zu­nächst noch un­ter der Pro­dukt­be­zeich­nung „Du­al Pro­fes­sio­nal“mit an­ge­win­kelt an­ge­ord­ne­ter Laut­spre­cherFront und der be­rühm­ten Chrom-schie­ne auf der Vor­der­sei­te. Schon En­de 1947 wur­de die­ses De­sign wie­der fal­len­ge­las­sen. Die Schie­ne ver­schwand, das Front­pa­nel wur­de be­gra­digt und die bei­den Aus­gangs­über­tra­ger, die je auf ei­nen der Spea­ker mon­tiert wa­ren, wur­den durch ei­nen grö­ße­ren Tra­fo auf dem Chas­sis er­setzt. Die Ge­burts­stun­de des Tweed Su­per Amps! Der Na­me ist fast schon dreist sim­pel. Wer woll­te kei­nen Ver­stär­ker spie­len, der sich „Su­per“nennt? Die ers­ten Amps wa­ren noch mit Ka­tho­den-bi­as-end­stu­fe und zwei 6L6-röh­ren aus­ge­stat­tet. Sie hat­ten ei­ne Leis­tung von et­wa 18 Watt. Schon An­fang der Fünf­zi­ger ent­wi­ckel­ten die Fen­der-tech­ni­ker den Ver­stär­ker wei­ter. Er be­kam ei­ne Klan­g­re­ge­lung, ei­ne Ka­tho­den­fol­ger­stu­fe und fi­xed Bi­as. Die Leis­tung stei­ger­te man da­mit auf et­wa 25 Watt. Der glei­che Amp wur­de mit drei ver­schie­de­nen Ge­häu­se-va­ria­tio­nen her­ge­stellt. Der Tweed Pro (sie­he letz­te Aus­ga­be) hat­te ei­nen 15-Zoll-spea­ker, der Tweed Su­per zwei Zehn­zöl­ler und der Tweed Band­mas­ter drei Zehn­zöl­ler. Bis auf die Laut­spre­cher­be­stü­ckung wa­ren die­se Amps ab et­wa 1955/56 iden­tisch. Der Tweed Su­per war je­doch der Vor­rei­ter die­ses De­signs. Im Jahr 1955 be­kam der Tweed Su­per das so­ge­nann­te „Nar­row Pa­nel“-ge­häu­se mit Fen­der Lo­go, auf dem der Fir­men­na­me durch die Mo­dell- Be­zeich­nung Su­per Amp er­gänzt wur­de. Nur die al­ler­ers­ten Com­bos wa­ren für sehr kur­ze Zeit mit zwei 6V6-röh­ren be­stückt. Und ge­nau so ei­nen Amp stel­len wir heu­te hier vor. Er ist da­her be­son­ders sel­ten. In der Ver­gan­gen­heit be­geg­ne­te ich so­gar ei­ni­gen Samm­lern, die be­zwei­fel- ten, dass die­se Mo­del­le über­haupt exis­tie­ren. War­um die Fen­der-ent­wick­ler da­mals für kur­ze Zeit auf 6L6-be­stü­ckung ver­zich­te­ten und statt­des­sen zwei 6V6 ver­wen­de­ten, ist nicht be­kannt. Tat­sa­che ist je­doch, dass die­se Röh­ren ei­nen sehr mar­kan­ten Over­dri­ve-sound er­zeu­gen und dem Tweed Su­per da­her ei­nen ein­ma­lig saf­ti­gen Ton be­scher­ten. Die Vor­stu­fe war so be­schal­tet, dass die Treb­le- und Bass-reg­ler prak­tisch wie Gain-stu­fen agier­ten. Dreht man bei­de Reg­ler weit auf, boos­tet man die ge­wähl­ten Fre­quenz­bän­der und er­hält aus die­ser Schal­tung ei­nen ein­ma­li­gen Over­dri­veSound, der die­se Com­bos be­son­ders be­rühmt mach­te. Un­ser Pro­band hat zwei 12AY7 für die bei­den ers­ten Stu­fen, was im Über­gang von der 5E4-schal­tung zum Nach­fol­ger 5F4 ge­än­dert wur­de. Hier ver­wen­de­ten die Ent­wick­ler in der zwei­ten Stu­fe ei­ne 12AX7, die auch in der Trei­ber­stu­fe ein­ge­setzt wur­de. Da­mit er­hielt der Amp na­tür­lich noch mehr Gain und Over­dri­ve. Mit ei­ner Hum­bu­cker-gi­tar­re ist es da­her fast un-

mög­lich, dem Amp clea­ne Sounds zu ent­lo­cken. Ein Um­stand, der den jun­gen Bil­ly Gibbons an die in den USA noch schwer er­hält­li­chen Mar­shal­lAmps er­in­ner­te. Ein auf­ge­dreh­ter Su­per Amp klingt tat­säch­lich mit ei­ner Les Paul zum Ver­wech­seln ähn­lich nach Eric Clap­tons be­rühm­tem Bea­no-sound. Da­her be­eil­te sich der „Re­ver­end Gibbons“, mög­lichst vie­le von die­sen Com­bos zu da­mals ver­mut­lich lä­cher­lich ge­rin­gen Ge- braucht­prei­sen auf­zu­kau­fen. Ne­ben sei­nen 68er Mar­shalls, die er von ei­nem Jef­fBeck-roa­die be­kam, wur­den die 2x10 Su­per-com­bos sei­ne Lieb­lin­ge vor al­lem bei Stu­dio-auf­nah­men. Seit je­her äu­ßert sich Gibbons zwar sehr zu­rück­hal­tend be­züg­lich der bei be­stimm­ten Auf­nah­men ver­wen­de­ten Amps, aber ei­ni­ge Fans sind sich si­cher, dass er bei Songs wie ‚ La Gran­ge‘ oder ‚Tush‘ Su­per Amps ein­ge­setzt hat. Wenn ich mit mei­ner Les Paul über den klei­nen Com­bo die ent­spre­chen­den Riffs an­stim­me, spricht ei­ni­ges da­für, dass die Ver­mu­tung stimmt. Noch nie klang das so au­then­tisch, wie mit dem mit 6V6 be­stück­ten Tweed-su­per. Wie 1955 üb­lich, kommt die­ser Amp mit zwei sehr schwa­chen Al­ni­co-zehn­zöl­lern von Jen­sen. Je­der hat­te ei­ne Leis­tung von et­wa 10 Watt. Die Pap­pen sind hauch­dünn, was den Spea­k­ern ei­ne enor­me Le­ben­dig­keit und Schnel­lig­keit be­scher­te. Im Ver­gleich zu mo­der­nen Spea­k­ern ist der Wir­kungs­grad aber ge­ring und der He­adroom recht dürf­tig. Schon bei mo­de­ra­ten Laut­stär­ken er­hält man ei­ne star­ke Kom­pres­si­on und schließ­lich auch Spea­ker-dis­tor­ti­on. Aber ge­nau die­se Sät­ti­gung wuss­te Bil­ly Gibbons per­fekt für sich zu nut­zen. Die Laut­spre­cher in un­se­rem Pro­ban­den sind noch ta­del­los in Schuss, wes­halb ich dem Be­sit­zer riet, die Laut­spre­cher aus­zu­tau­schen und für ei­nen even­tu­el­len Wie­der­ver­kauf tro­cken zu la­gern. Man kann es dre­hen und wen­den wie man will, die Le­bens­zeit die­ser Laut­spre­cher ist nun mal end­lich und es wä­re nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis sie ih­ren Geist auf­ge­ben. Und das wä­re scha­de bei so ei­nem Schmuck­stück. Der Ver­stär­ker ist näm­lich nicht nur ex­trem sel­ten, son­dern in al­len Bau­teil­grup­pen noch kom­plett. Ich muss­te le­dig­lich die Netz­teil- El­kos tau­schen, zwei Buch­sen und na­tür­lich die Röh­ren. Der Sound die­ser Com­bos ist in je­der Dis­zi­plin au­ßer­ge­wöhn­lich. Mit ei­ner Tele­cas­ter oder Stra­to­cas­ter ist der Ton crisp, schnei­dend und durch­set­zungs­stark. Und den­noch ist da die­se Wär­me im Sound, wel­che die Tweed-com­bos von den spä­te­ren Black­face- und Sil­ver­face-amps so mar­kant un­ter­schei­det. Auf­grund der mitt­ler­wei­le ex­trem tro­cke­nen So­lid-pi­ne- Der Sound die­ses Amps macht wahr­lich süch­tig. Man er­war­tet da kei­ne Op­tio­nen oder weit­rei­chen­de Fle­xi­bi­li­tät. Man nimmt ihn als das, was er ist und ge­nießt die­se Fä­hig­kei­ten dann aber wie bei kaum ei­nem an­de­ren Amp. Man spielt Blues und Rock’n‘roll und will da­mit gar nicht mehr auf­hö­ren. Und es ist auch wie­der ein­mal sehr in­ter­es­sant zu er­fah­ren, das kein Over­dri­ve-pe­dal auf der Welt die­sen schmat­zen­den und sin­gen­den Ton in vol­ler Au­s­prä­gung wie­der­ge­ben kann. Das er­reicht man hier nur durch die merk­wür­di­ge klang­li­che Ba­lan­ce des ge­sam­ten Com­bos. In der Tat viel­leicht zu­min­dest ei­ner der bes­ten Amps al­ler Zei­ten ... Bis zum nächs­ten Mal! n

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