Schulz spielt die Eu­ro­pa Kar­te

Die 20-Pro­zent-SPD muss in die Gro­Ko ge­hen, um die EU zu ret­ten – mit die­ser Bot­schaft ver­sucht der Chef, sei­ne Par­tei auf die Re­gie­rungs­bank zu be­kom­men. Doch die So­zi­al­de­mo­kra­ten wir­ken ver­un­si­chert und plan­los

Guenzburger Zeitung - - Politik - VON BERN­HARD JUNGINGER

Ber­lin Die ge­wal­ti­ge dun­kel­blaue Li­mou­si­ne zieht die Bli­cke auf sich – vor al­lem das Preis­schild ver­blüfft. „Da müss­te ich nur un­ge­fähr bis zur Ren­te mein gan­zes Ge­halt über­wei­sen“, sagt die jun­ge De­le­gier­te mit dem Kurz­haar­schnitt. Tro­cken ant­wor­tet ihr Be­glei­ter: „Oder Mi­nis­te­rin wer­den, dann kriegst du den als Di­enst­wa­gen.“Ex­akt 143689 Eu­ro und sechs Cent kos­tet der Au­di – so wie er da­steht, mit­ten im Foy­er der Ber­li­ner Mes­se­hal­le, die pas­sen­der­wei­se den Spott­na­men „schöns­te Ga­ra­ge Ber­lins“trägt. Wo ge­ra­de die SPD beim rich­tungs­wei­sen­den Par­tei­tag mit sich ringt. Zwei Roll­trep­pen hö­her geht es um die Fra­ge, ob die Zu­kunft der So­zi­al­de­mo­kra­tie in der Op­po­si­ti­on liegt – oder aber in der Re­gie­rung, in ei­ner Neu­auf­la­ge der Gro­ßen Ko­ali­ti­on. Der In­gol­städ­ter Au­to­bau­er, der sich wie an­de­re Un­ter­neh­men und Ver­bän­de im Foy­er prä­sen­tiert, scheint auf Letz­te­res zu set­zen. Und stellt mit dem Mo­dell A8 in Lang­ver­si­on gleich ein ty­pi­sches Re­gie­rungs­fahr­zeug aus.

Doch die Stra­ße, die zu ei­ner neu­en Gro­Ko führt, das zeigt sich beim Par­tei­tag im­mer wie­der, ist lang und holp­rig. Denn dass die SPD ei­ner Fort­set­zung des ge­mein­sa­men Re­gie­rungs­bünd­nis­ses mit CDU und CSU zu­stimmt, hat­te Par­tei­chef Mar­tin Schulz ka­te­go­risch aus­ge­schlos­sen, als am 24. Sep­tem­ber ge­ra­de die ers­ten Hoch­rech­nun­gen über die Bild­schir­me im Ber­li­ner Wil­ly-Brandt-Haus ge­flim­mert wa­ren. Am En­de des Wahl­abends stand fest: Mit 20,5 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men hat­te die So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands ihr schlech­tes­tes Er­geb­nis in der ge­sam­ten Nach­kriegs­zeit ein­ge­fah­ren. Ein Schock, der längst noch nicht ver­daut ist, wie sich beim Par­tei­tag im­mer wie­der zeigt. Zur Er­neue­rung in der Op­po­si­ti­on schien es nach der Schlap­pe kei­ne Al­ter­na­ti­ve zu ge­ben, auch weil schnell al­les auf ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on deu­te­te. Die Uni­on son­dier­te mit FDP und Grü­nen. Doch als nach wo­chen­lan­gen Ge­sprä­chen FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner das Ja­mai­ka-Pro­jekt plat­zen ließ, än­der­te sich für die SPD plötz­lich al­les. Der­art „kalt er­wischt“, wie es Frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les be­schreibt, muss­te sich die SPD aus­ge­rech­net von ei­nem aus ei­ge­nen Rei­hen, von Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er, an ih­re staats­po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung er­in­nern las­sen. In­ner­halb we­ni­ger Ta­ge rück­ten Par­tei­chef Mar­tin Schulz und das SPD-Prä­si­di­um von ih­rem kla­ren Nein zum Mit­re­gie­ren ab. Beim Par­tei­tag nun muss sich die SPD ent­schei­den. Ge­sprä­che mit der Uni­on oder wei­ter auf Kurs Op­po­si­ti­on, wie es vor al­lem die Ju­sos for­dern. Ke­vin Küh­nert, der Vor­sit­zen­de des SPD-Nach­wuch­ses, sieht nicht we­ni­ger als die Exis­tenz der Par­tei ge­fähr­det. „Wir ha­ben ein In­ter­es­se dar­an, dass hier noch was üb­rig bleibt von die­sem La­den, ver­dammt noch mal“, warnt er auf dem Par­tei­tag.

Der an­ge­schla­ge­ne Par­tei­chef Mar­tin Schulz wirbt fast ver­zwei­felt für den Leit­an­trag der SPD-Spit­ze, in er­geb­nis­of­fe­ne Ge­sprä­che mit der Uni­on ein­zu­tre­ten: „Wir müs­sen nicht um je­den Preis re­gie­ren. Aber wir dür­fen auch nicht um je­den Preis nicht re­gie­ren wol­len.“Ent­schei­dend sei, wel­che so­zi­al­de­mo- kra­ti­schen In­hal­te durch­ge­setzt wer­den könn­ten – in wel­cher Re­gie­rungs­form dies auch sein mö­ge.

Für Schulz geht es in Ber­lin auch um die ei­ge­ne Zu­kunft. Er stellt sich zur Wie­der­wahl als Par­tei­vor­sit­zen­der. 81,9 Pro­zent der De­le­gier­ten ge­ben ihm schließ­lich ih­re Stim­me. Im März war er noch mit sa­gen­haf­ten 100 Pro­zent der De­le­gier­ten­stim­men ge­wählt wor­den, doch der zeit­wei­se über­bor­den­den Be­geis­te­rung um sei­ne Kanz­ler­kan­di­da­tur folg­te das ver­hee­ren­de Er­geb­nis bei der Bun­des­tags­wahl.

Für sei­nen An­teil „an die­ser bit­te­ren Nie­der­la­ge“ent­schul­digt sich Schulz bei den rund 600 De­le­gier­ten: „Ich kann die Uhr nicht zu­rück­dre­hen, aber ich möch­te als Par­tei­vor­sit­zen­der mei­nen Bei­trag da­zu leis­ten, dass wir es bes­ser ma­chen.“Die Par­tei ha­be „nicht nur die­se Bun­des­tags­wahl“ver­lo­ren, son­dern die letzten vier – und seit 1998 zehn Mil­lio­nen Wäh­ler, „fast die Hälf­te un­se­rer Wäh­ler­schaft“. Laut Schulz hat es die SPD nicht ge­den schafft, die Fra­ge aus­rei­chend zu be­ant­wor­ten: „Wo­für steht die So­zi­al­de­mo­kra­tie im 21. Jahr­hun­dert?“Schulz will das än­dern. Vor al­lem, so Schulz, müs­se die SPD für ei­ne Stär­kung Eu­ro­pas ste­hen. Der SPDVor­sit­zen­de will die Eu­ro­päi­sche Uni­on bis ins Jahr 2025 zu „Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa mit ei­nem ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­ver­trag“um­wan­deln. Mit­glied­staa­ten, die dem Ver­fas­sungs­ver­trag nicht zu­stim­men, „ver­las­sen dann au­to­ma­tisch die EU“, so Schulz. „Leu­te, Eu­ro­pa ist un­se­re Le­bens­ver­si­che­rung“, ruft Schulz in sei­nem rhei­ni­schen Sing­sang in die Hal­le. Das flam­men­de Plä­doy­er des frü­he­ren EU-Par­la­ments­prä­si­den­ten für Eu­ro­pa wird kräf­tig be­klatscht. Doch bei der an­schlie­ßen­den Aus­spra­che wird deut­lich, dass man­che Ge­nos­sen da­hin­ter vor al­lem den Ver­such se­hen, die SPD mit dem Ap­pell an die eu­ro­pa­po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung in ei­ne neue Gro­ße Ko­ali­ti­on zu füh­ren.

Ein Ju­so-Mann wirft ihm vor: „Mar­tin, du bist im­mer wie­der ein­ge­bro­chen. Wer soll das hier jetzt noch glau­ben?“Die Red­ner­lis­te ist lang, und er­bit­ter­te Gro­Ko-Geg­ner wech­seln sich ab mit je­nen, die sich Ge­sprä­chen mit der Uni­on nicht ver­schlie­ßen wol­len. Dar­un­ter vie­le So­zi­al­de­mo­kra­ten aus der ers­ten Rei­he.

Olaf Scholz et­wa, Ham­burgs Ers­ter Bür­ger­meis­ter, sagt mit Blick auf die ge­schei­ter­te Ja­mai­ka-Run­de: „Wenn die das nicht hin­krie­gen, kön­nen wir uns nicht ver­wei­gern.“Auch Ste­phan Weil, der wie­der­ge­wähl­te Mi­nis­ter­prä­si­dent von Nie­der­sach­sen, hat kei­ne Angst vor ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on, ge­ra­de hat er in Han­no­ver selbst ei­ne ge­schlos­sen. „Ei­ne Par­tei, die um Ver­ant­wor­tung kämpft und die auch be­reit ist, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, braucht sich vor nichts zu fürch­ten.“Andrea Nah­les rich­tet sich an die Ju­sos mit der Fra­ge: „Was soll am Um­set­zen un­se­res Wahl­pro­gramms in Re­al­po­li­tik un­ehr­lich sein?“

Auch ab­seits der De­bat­te im gro­ßen Saal zeigt sich, wie ge­spal­ten die Mei­nun­gen sind. Bei 36 St­un­den lang im Was­ser­bad ge­gar­tem Rind­fleisch auf Kar­tof­fel­stampf, die Por­ti­on

Zer­platzt: Die Hoff­nung auf ei­nen Neu­an­fang Olaf Scholz: Kön­nen uns nicht ver­wei­gern

zu neun Eu­ro, be­rich­ten SPDDe­le­gier­te von auf­ge­heiz­ten Dis­kus­sio­nen in ih­ren Orts- und Kreis­ver­bän­den. Von alt­ge­dien­ten Ge­nos­sen, die mit Aus­tritt dro­hen, soll­te die SPD un­ter Schulz wie­der ei­ne Mer­kel-Re­gie­rung er­mög­li­chen, ist eben­so die Re­de wie von glü­hen­den Be­für­wor­tern ei­ner neu­en Gro­Ko. Auch die Mög­lich­kei­ten da­zwi­schen, et­wa die To­le­rie­rung ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung oder die „Ke­nia-Va­ri­an­te“, ei­ne Re­gie­rung von SPD, Uni­on und Grü­nen, hät­ten durch­aus ih­re An­hän­ger.

Der Par­tei­tag geht in den Abend. Mit ih­rem An­trag, ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on von vorn­her­ein aus­zu­schlie­ßen, schei­tern die Ju­sos schließ­lich. Die SPD kann in er­geb­nis­of­fe­ne Ge­sprä­che mit der Uni­on ge­hen. Über ei­ne Auf­nah­me von Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen aber muss im kom­men­den Jahr ein Son­der­par­tei­tag ent­schei­den. Wei­te­re Dis­kus­sio­nen sind al­so ga­ran­tiert vor ei­ner mög­li­chen Gro­Ko.

Am Au­di-Stand ist es sehr ruhig ge­wor­den – viel­leicht will sich nie­mand nach­sa­gen las­sen, er träu­me schon von ei­ner Re­gie­rungs­li­mou­si­ne.

Fo­to: afp

Gu­te Rat­schlä­ge sind ge­fragt: Ge­si­ne Schwan im Ge­spräch mit dem SPD Chef Mar­tin Schulz.

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