Ka­zuo Is­hi­gu­ro: Al­les, was wir ge­ben muss­ten (24)

Guenzburger Zeitung - - Wetter | Roman -

Ich stand auf und ging mit ihr bis zum Rand des nörd­li­chen Sport­plat­zes, dann auf den Hü­gel hin­ter dem Haus, und als wir oben vor dem Holz­zaun stan­den, blick­ten wir hin­ab auf die wei­te Flä­che Grün, die mit klei­nen Grüpp­chen von Kol­le­gia­ten ge­spren­kelt war. Auf dem Hü­gel weh­te ein star­ker Wind, und ich weiß noch, wie mich das über­rasch­te, denn un­ten im Gras hat­te ich von ei­nem Wind nichts be­merkt. Ei­ne Wei­le stan­den wir da und blick­ten über das Ge­län­de, dann reich­te sie mir ei­ne klei­ne Tü­te. Als ich sie ent­ge­gen­nahm, spür­te ich so­fort, dass ei­ne Kas­set­te da­rin war, und mein Herz mach­te ei­nen Satz, aber Ruth sag­te:

„Ka­thy, es ist nicht dei­ne. Nicht die ver­lo­re­ne. Ich ha­be ver­sucht, sie für dich zu fin­den, aber sie ist wirk­lich ver­schwun­den.“

„Ja“, sag­te ich. „Längst in Nor­folk.“

Wir lach­ten bei­de. Dann zog ich ent­täuscht die Kas­set­te aus der Tü­te, aber ich glau­be nicht, dass mir

die Ent­täu­schung noch im Ge­sicht stand, als ich sie ge­nau­er be­trach­te­te. Ich hielt ei­ne Kas­set­te mit der Auf­schrift Zwan­zig klas­si­sche Tanz­mu­si­ken in der Hand. Spä­ter hör­te ich sie, und es war Orches­ter­mu­sik für Ge­sell­schafts­tän­ze. Da­mals konn­te ich na­tür­lich noch nicht wis­sen, was für ei­ne Art Mu­sik das war, aber dass sie kei­ner­lei Ähn­lich­keit mit Ju­dy Bridge­wa­ter hat­te, war mir schon klar. Doch fast im sel­ben Mo­ment be­griff ich, dass Ruth das ja gar nicht wis­sen konn­te – dass für Ruth, die von Mu­sik nicht die lei­ses­te Ah­nung hat­te, die­se Kas­set­te oh­ne wei­te­res ein Er­satz für die ver­lo­re­ne sein konn­te. Und ich spür­te, wie die Ent­täu­schung jäh ei­ner ju­beln­den Freu­de Platz mach­te. Umar­mun­gen oder so was ka­men in Hails­ham ei­gent­lich kaum vor. Aber ich nahm ih­re Hand, drück­te sie ganz fest und dank­te Ruth. Sie sag­te: „Die ha­be ich auf dem letzten Ba­sar ge­fun­den. Ich dach­te nur, das müss­te un­ge­fähr das sein, was dir ge­fällt.“Und ich sag­te, ja, genau das. Die Kas­set­te ha­be ich im­mer noch. Ich hö­re sie nicht oft, denn es geht ja gar nicht um die Mu­sik. Die­se Kas­set­te ist ein Ge­gen­stand wie ei­ne Brosche oder ein Ring, und vor al­lem jetzt, seit­dem Ruth nicht mehr da ist, ist sie ei­nes mei­ner wert­volls­ten Be­sitz­tü­mer ge­wor­den.

Ka­pi­tel 7

Ich möch­te jetzt zu un­se­ren letzten Jah­ren in Hails­ham kom­men. Da­mit meine ich die Zeit von un­se­rem drei­zehn­ten bis zu un­se­rem sech­zehn­ten Le­bens­jahr, kurz be­vor wir fort­gin­gen. In mei­ner Er­in­ne­rung zer­fällt Hails­ham in zwei deut­lich von­ein­an­der ge­trenn­te Blö­cke: die­se letz­te Ära und al­les, was vor­her statt­ge­fun­den hat­te. Die frü­hen Jah­re, von de­nen ich Ih­nen bis jetzt er­zählt ha­be, schei­nen in­ein­an­der zu ver­schwim­men zu ei­ner Art gol­de­nem Zeit­al­ter, und wenn ich über­haupt an sie den­ke, auch an die Er­leb­nis­se, die nicht so schön wa­ren, emp­fin­de ich im­mer so et­was wie ein Leuch­ten. Aber die letzten Jah­re sind mir an­ders im Ge­dächt­nis ge­blie­ben.

Sie wa­ren nicht ei­gent­lich un­glück­lich – sehr vie­le Er­in­ne­run­gen an die­se Zeit sind mir lieb und teu­er –, wohl aber erns­ter und in man­cher Hin­sicht düs­te­rer. Viel­leicht ha­be ich sie schlim­mer in Er­in­ne­rung, als sie tat­säch­lich ver­lau­fen sind, aber mir ist der Ein­druck ge­blie­ben, dass sich in die­ser Zeit al­les sehr schnell ver­än­dert hat, so wie der Tag in die Nacht über­geht.

Die­ses Ge­spräch mit Tom­my am Teich: Im Rück­blick kommt es mir vor wie ein Grenz­stein zwi­schen der ers­ten und der zwei­ten Ära. Nicht, dass gleich da­nach et­was Ein­schnei­den­des ein­ge­tre­ten wä­re; aber für mich we­nigs­tens war das Ge­spräch ein Wen­de­punkt. Von da an be­gann ich al­les mit an­de­ren Au­gen zu se­hen, so viel steht fest. Wäh­rend ich frü­her pein­li­che oder un­an­ge­neh­me The­men um je­den Preis ver­mie­den hat­te, be­gann ich jetzt im­mer öf­ter Fra­gen zu stel­len, wenn nicht laut, so zu­min­dest für mich.

Vor al­lem brach­te mich un­ser Ge­spräch da­zu, Miss Lu­cy in ei­nem an­de­ren Licht zu se­hen. Ich be­ob­ach­te­te sie auf­merk­sam, wann im­mer es ging, nicht nur aus Neu­gier, son­dern weil ich glaub­te, dass ihr Ver­hal­ten am ehes­ten Auf­schluss über Hails­ham bie­ten könn­te. Und so war es; wäh­rend der nächs­ten ein, zwei Jah­re fie­len mir ver­schie­de­ne merk­wür­di­ge klei­ne Be­mer­kun­gen oder Ver­hal­tens­wei­sen an ihr auf, die mei­nen Freun­din­nen voll­stän­dig ent­gin­gen.

Ein­mal zum Bei­spiel, viel­leicht ein paar Wo­chen nach dem Ge­spräch am Teich, un­ter­rich­te­te Miss Lu­cy uns in Eng­lisch. Wir hat­ten Ge­dich­te durch­ge­nom­men, wa­ren aber ir­gend­wie auf die Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger im Zwei­ten Welt­krieg zu spre­chen ge­kom­men. Ei­ner der Jun­gen frag­te, ob die Zäu­ne rings um die La­ger un­ter Strom ge­stan­den hät­ten, und ein an­de­rer sag­te, wie son­der­bar das ge­we­sen sein müs­se, an ei­nem Ort zu le­ben, wo man je­der­zeit Selbst­mord be­ge­hen konn­te, ein­fach in­dem man ei­nen Zaun an­fass­te. Die Be­mer­kung war ver­mut­lich ganz ernst ge­meint, aber der Rest der Klas­se fand sie un­heim­lich ko­misch.

Auf ein­mal lach­ten und re­de­ten al­le durch­ein­an­der, und Lau­ra – ty­pisch für sie – stell­te sich auf ih­ren Stuhl und führ­te in ei­ner hys­te­ri­schen Pan­to­mi­me vor, wie je­mand die Hand aus­streckt und am elek­tri­schen Schlag stirbt. Für ei­nen kur­zen Mo­ment herrsch­te Cha­os, al­le schrien und mim­ten den Tod am elek­tri­schen Zaun.

Da ich die gan­ze Zeit Miss Lu­cy nicht aus den Au­gen ließ, sah ich, nur se­kun­den­lang, ei­nen geis­ter­haf­ten Aus­druck über ihr Ge­sicht hu­schen, wäh­rend sie das Trei­ben der Schü­ler ver­folg­te. Dann riss sie sich zu­sam­men, lä­chel­te und sag­te: „Zum Glück sind die Zäu­ne in Hails­ham nicht un­ter Strom. Manch­mal er­lebt man schreck­li­che Un­fäl­le.“Sie sag­te das ziem­lich lei­se, und weil die an­de­ren im­mer noch kra­keel­ten, ging ih­re Be­mer­kung weit­ge­hend un­ter. Aber ich hat­te sie deut­lich ge­nug ver­nom­men.

Manch­mal er­lebt man schreck­li­che Un­fäl­le. Was für Un­fäl­le? Wo? Aber nie­mand ging dar­auf ein, und wir kehr­ten wie­der zur Ge­dicht­in­ter­pre­ta­ti­on zu­rück.

Wei­te­re klei­ne Zwi­schen­fäl­le die­ser Art folg­ten, und ich hat­te bald das Ge­fühl, dass Miss Lu­cy an­ders war als die üb­ri­gen Auf­se­her. Es ist so­gar mög­lich, dass ich schon da­mals zu er­ken­nen be­gann, wel­cher Art ih­re Ängs­te und Frus­tra­tio­nen wa­ren. Aber das geht viel­leicht zu weit; wahr­schein­lich ist, dass mir das al­les zwar auf­fiel, ich aber nicht die lei­ses­te Ah­nung hat­te, was ich da­mit an­fan­gen soll­te. Und wenn mir die­se Zwi­schen­fäl­le im Nach­hin­ein äu­ßerst viel sa­gend schei­nen, je­der ein klei­ner Teil ei­nes gro­ßen Gan­zen, so liegt das si­cher dar­an, dass ich sie im Licht der spä­te­ren Er­eig­nis­se be­trach­te – und vor al­lem im Licht je­nes Nach­mit­tags auf der Veran­da des Pa­vil­lons, wo wir uns ein­mal vor ei­nem Wol­ken­bruch un­ter­stell­ten. In­zwi­schen wa­ren wir fünf­zehn, und un­ser letz­tes Jahr in Hails­ham war an­ge­bro­chen. Wir wa­ren im Pa­vil­lon und be­rei­te­ten uns auf ein Roun­ders-Match vor.

Nur schein­bar gut be­treut, wach­sen Ruth, Tom­my und Ka­thy in ei­nem eng­li­schen In­ter­nat auf. Ih­re ei­gent­li­che Le­bens­be­stim­mung ist: Or­ga­ne zu spen­den.

© 2016 Wil­helm Heyne Ver­lag, München, in der Ver­lags­grup­pe Ran­dom Hou­se Gm­bH. Über­set­zung: Bar­ba­ra Scha­den

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