Ein Mann oh­ne Stim­me, aber mit fes­tem Ziel

Vom Krebs ge­zeich­net ist ein Meit­in­ger von zu Hau­se aus in Etap­pen nach San­tia­go de Com­pos­te­la ge­pil­gert

Guenzburger Zeitung - - Bayern - VON CORDULA HOMANN

Meit­in­gen Kaum je­mand ver­steht ein Wort, wenn Wer­ner Leicht­le spricht. Es­sen kann er seit vie­len Jah­ren nicht mehr durch den Mund auf­neh­men. Wer­ner Leicht­le hat Zun­gen­krebs. Er war 39 Jah­re alt, als die Ärz­te ihm sag­ten, er ha­be mit ei­ner zehn­pro­zen­ti­gen Chan­ce noch 24 Mo­na­te zu le­ben.

Das ist jetzt über 30 Jah­re her. In­zwi­schen ist der frü­he­re Haus­arzt aus dem Land­kreis Augs­burg in Etap­pen 2600 Ki­lo­me­ter bis nach San­tia­go de Com­pos­te­la ge­wan­dert. Doch „Ein­fach mal weg“wie bei Ha­pe Ker­ke­ling war das nicht – im Ge­gen­teil. Nicht sel­ten warf die schwe­re Er­kran­kung den heu­te 71-Jäh­ri­gen zu­rück. Im­mer wie­der muss­te er sei­ne Plä­ne ab­bre­chen oder än­dern. Aber auf­ge­ben, das kam nie­mals für ihn in­fra­ge. Jetzt hat er ein Buch dar­über ge­schrie­ben, was er von 2004 bis 2011 auf dem Weg er­leb­te.

Da­bei woll­te der ehe­ma­li­ge Haus­arzt, nach­dem er die stra­pa­ziö­sen Ope­ra­tio­nen über­stan­den hat­te, wie­der in sei­ner Meit­in­ger Pra­xis ar­bei­ten. Doch es ging nicht. Die Pa­ti­en­ten ver­stan­den ihn nicht.

Frü­her, da war der 1,87 Me­ter gro­ße, schlan­ke sport­li­che Mann Gast auf vie­len Ver­an­stal­tun­gen, spiel­te Ten­nis, ge­noss das Le­ben. Seit der Er­kran­kung kann er nur noch Flüs­si­gnah­rung zu sich neh­men und ma­ger­te ab. „Dass ich auf nor­ma­lem Weg nicht es­sen und trin­ken kann, das kann ich hin­neh­men und ver­su­che, das Bes­te dar­aus zu ma­chen. Aber, dass ich mich nicht ver­stän­di­gen kann, weil sich die Stim­me nach den Ope­ra­tio­nen so stark ver­än­dert hat­te, ist nur sehr schwer zu ver­kraf­ten.“Oh­ne die Arzt­pra­xis wur­de dem Fa­mi­li­en­va­ter schnell lang­wei­lig. We­der ma­len noch an­geln hal­fen – da stieß er ei­nes Ta­ges auf ein Schild zum Ja­kobs­weg. Der Weg wur­de zum Ziel. Doch zu­erst in klei­nen Etap­pen, Leicht­les Kör­per war stark ge­schwächt. Mit An­fang 50 be­gann er zu trai­nie­ren. Dann plan­te er je­de Etap­pe bis ins De­tail. Buch­te Zü­ge, Flü­ge und Un­ter­künf­te und schick­te sei­ne Flüs­si­gnah­rung stets vor­aus. Be­rech­ne­te pe­ni­bel die not­wen­di­gen Ka­lo­rien­ein­hei­ten je nach Stre­cken­ver­lauf. Hat­te im­mer Me­di­ka­men­te da­bei, um sich zur Not selbst zu ku­rie­ren, ir­gend­wo zwi­schen Deutsch­land und Spa­ni­en. Ein­mal, ge­ra­de in Tou­lou­se an­ge­kom­men, stürz­te er über ei­ne Bord­stein­kan­te, er­krank­te an ei­ner fieb­ri­gen Bron­chi­tis, lag schweiß­ge­ba­det im Ho­tel­bett. Die Tour auf­ge­ben? Nie­mals. Höchs­tens ver­schie­ben.

We­der die

Sor­ge der Ehe­frau und der drei Töch­ter, noch die ei­ge­ne Er­kran­kung konn­ten Wer­ner Leicht­le auf­hal­ten. Zu schön, zu be­son­ders war das, was er meist völ­lig al­lein auf sei­nen Etap­pen er­leb­te. Et­wa, als er sich kom­plett oh­ne Wor­te, oh­ne den sonst üb­li­chen Ver­such, sich ir­gend­wie zu ver­stän­di­gen, mit ei­nem Schä­fer hoch oben im fran­zö­si­schen Zen­tral­mas­siv un­ter­hielt. Die zwei Män­ner lie­fen ein­fach schwei­gend ne­ben­ein­an­der­her. Für den Arzt ent­stand da­bei ein Ge­spräch. Kann das sein, frag­te er sich selbst im­mer wie­der ent­lang des Pil­ger­wegs. Trotz Hit­ze, Käl­te, berg­ab, berg­auf, teils völ­lig auf sich al­lei­ne ge­stellt und mit schwe­rem Ge­päck auf den Schul­tern ein Ziel zu er­rei­chen, das löst et­was aus – auch bei ge­sun­den Pil­gern. 2011 er­reich­te Leicht­le end­lich San­tia­go di Com­pos­te­la. „Ich weiß nicht, was ich dort er­war­tet ha­be“, er­in­nert er sich. „Aber ich war ent­täuscht.“Erst ein wei­te­res Ziel, 80 Ki­lo­me­ter wei­ter in Fi­nis­terre an der Küs­te, ver­schaff­te ihm, der mitt­ler­wei­le auch acht En­kel hat, die er­sehn­te in­ne­re Zuf­rie­den­heit. Da war er an­ge­kom­men.

Doch wie soll er da­von er­zäh­len, wenn ihn kaum je­mand ver­steht? Des­we­gen muss­ten die vie­len Er­leb­nis­se in das Buch. Die Men­schen sol­len er­fah­ren, was trotz Krank­heit mög­lich ist. Und dass Schwei­gen zur Ma­gie wer­den kann.

O„Stär­ker als du denkst. Wenn Schwei­gen zur Ma­gie wird.“, heißt das Buch von Wer­ner Leicht­le. Es kos­tet 12,90 Eu­ro.

Fo­to: Leicht­le

Wer­ner Leicht­le un­ter wegs.

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