Es gab vie­le War­nun­gen

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Hen­ning Kraud­zun

Die Mes­ser­at­ta­cke von Ham­burg weist Par­al­le­len zu frü­he­ren An­schlä­gen auf. Wie­der wur­de zwar ei­ne Ra­di­ka­li­sie­rung er­kannt, aber Vor­sichts­maß­nah­men blie­ben aus. Vie­le hier hat­ten Angst vor Ah­mad.

Als die Po­li­zei am Sams­tag zur Raz­zia im Flücht­lings­heim ein­trifft, im Schlepp­tau vie­le Re­por­ter, er­gibt sich schnell ein Bild von dem mut­maß­li­chen Ham­bur­ger At­ten­tä­ter. Man­che der knapp 600 Be­woh­ner be­rich­ten frei­mü­tig, wie Ah­mad A., der am Freitag in ei­nem Su­per­markt ei­nen 50-jäh­ri­gen Mann ge­tö­tet und sie­ben wei­te­re Per­so­nen ver­letzt hat­te, in is­la­mis­ti­sche Krei­se ab­drif­te­te. „Vie­le hier hat­ten Angst vor Ah­mad“, sagt ei­ner, der in den schmuck­lo­sen Con­tai­nern in Ham­burg-Lan­gen­horn lebt. Der 26-jäh­ri­ge Pa­läs­ti­nen­ser wur­de zu­letzt ge­mie­den, nach­dem er im­mer wie­der „Al­la­hu Ak­bar“und an­de­re is­la­mis­ti­sche Pa­ro­len gröl­te, viel Al­ko­hol trank, aber auch Ha­schisch rauch­te und Ko­ka­in kon­su­mier­te.

Frü­her spiel­te er oft Fuß­ball mit an­de­ren Be­woh­nern, doch in letz­ter Zeit ha­be er viel ge­be­tet und sein Zim­mer kaum noch ver­las­sen, er­zählt sein sy­ri­scher Nach­bar wei­ter. Es mach­te auch die Run­de, dass er ein Fit­ness­stu­dio in der Nä­he der sala­fis­ti­schen Al Nour-Mo­schee be­such­te und da­für quer durch die Han­se­stadt fuhr. Da­bei be­fin­det sich ein Stu­dio des glei­chen Be­trei­bers un­weit des Flücht­lings­heims.

Was die Si­cher­heits­be­hör­den ge­nau über die Ra­di­ka­li­sie­rung von A. wuss­ten, ist noch un­klar. Sie spre­chen von ei­ner schwie­ri­gen Ge­men­ge­la­ge. Zwar ge­be es Hin­wei­se auf is­la­mis­ti­sche Mo­ti­ve, aber auch auf ei­ne „psy­chi­sche La­bi­li­tät“, hieß es. Ham­burgs Ver­fas­sungs­schutz­chef Tors­ten Voß be­schreibt Ah­mad A. als „de­sta­bi­li­sier­te“Per­sön­lich­keit.

Ein Freund des mut­maß­li­chen At­ten­tä­ters soll die­se Auf­fäl­lig­kei­ten der Po­li­zei ge­mel­det ha­ben. An­schlie­ßend wur­de A. von Ver­fas­sungs­schüt­zern be­fragt. Sie hol­ten Er­kun­di­gun­gen ein und spei­cher­ten ihn als Ver­dachts­fall un­ter 800 an­de­ren Is­la­mis­ten der Stadt. Als ge­fähr­lich wur­de er nicht ein­ge­stuft. Bis­lang ge­be es kei­nen Hin­weis, dass der Mann in die Is­la­mis­ten­sze­ne ein­ge­bun­den sei, so Voß.

Be­kannt ist, dass A. in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten ge­bo­ren wur­de und im März 2015 nach Deutsch­land kam. Vor­her soll er in Nor­we­gen, Spa­ni­en und Schwe­den ge­we­sen sein. Bei sei­ner An­kunft hat­te er kei­ne Aus­weis­pa­pie­re bei sich, nur die Ge­burts­ur­kun­de. Ers­te Sta­ti­on war Dort­mund. Dann wur­de er nach Ham­burg ge­schickt, stell­te dort im Mai 2015 ei­nen Asyl­an­trag, der En­de 2016 ab­ge­lehnt wur­de. Rechts­mit­tel leg­te A. dem­nach nicht ein. Seit­dem hät­te er ei­gent­lich aus­rei­sen müs­sen. Doch die Pa­pie­re fehl­ten. Die pa­läs­ti­nen­si­sche Be­hör­de hat­te schon zu­ge­sagt, ihn auf­zu­neh­men.

Was zu­dem Fra­gen auf­wirft, ist die Si­tua­ti­on in dem Heim. Be­hör­den­ver­tre­ter lie­ßen sich zu­letzt nur sel­ten in der Un­ter­kunft bli­cken, wie die Be­woh­ner be­rich­ten. In­te­gra­ti­ons­kur­se hät­ten kaum noch statt­ge­fun­den. Der Si­cher­heits­dienst sei vor rund ei­nem Jahr ab­ge­zo­gen wor­den. Die An­woh­ner in dem be­schau­li­chen Stadt­teil Lan­gen­horn sind längst be­sorgt. Die Po­li­zei re­gis­trier­te zu­letzt ei­ne deut­li­che Zu­nah­me der Fäl­le von Kör­per­ver­let­zung und Ge­walt­kri­mi­na­li­tät.

Vor­stra­fen hat Ah­mad A. nicht. Nur ein­mal fiel er mit ei­nem La­den­dieb­stahl auf. Das Ver­fah­ren wur­de ein­ge­stellt. Den­noch stel­len sich­die glei­chen Fra­gen, die nach den Ge­scheh­nis­sen des ver­gan­ge­nen Jah­res auf­ka­men. Auch die At­ten­tä­ter von Würz­burg, Ans­bach und vom Ber­li­ner Breit­scheid­platz ka­men als Flücht­lin­ge nach Deutsch­land und rich­te­ten ih­ren Hass ge­gen „An­ders­gläu­bi­ge“. Der At­ten­tä­ter von Ber­lin, Anis Am­ri, war den Be­hör- Ein Be­woh­ner der Asyl­un­ter­kunft, in der auch Ah­mad A. leb­te.

den als Is­la­mist be­kannt, sei­ne Fest­nah­me schei­ter­te je­doch auf­grund von Er­mitt­lungs­pan­nen und Feh­l­ein­schät­zun­gen, die LKA-Mit­ar­bei­ter ver­tu­schen woll­ten. Ein rie­si­ger Skan­dal.

Nach den drei An­schlä­gen wur­den Ge­set­ze ver­schärft, Ab­schie­bun­gen er­leich­tert, die Über­wa­chung von Is­la­mis­ten ver­stärkt. Al­ler­dings hat der Fall Ah­mad A. sei­ne Ei­gen­hei­ten. Bis­lang ist nicht klar, ob ideo­lo­gisch ge­fes­tig­te Mo­ti­ve im Vor­der­grund stan­den oder doch eher per­sön­li­che und psy­chi­sche Pro­ble­me. Am­ri da­ge­gen war ver­strickt in die Is­la­mis­ten­sze­ne.

Von Feh­lern wol­len die Ham­bur­ger Be­hör­den vor­erst nichts wis­sen. A. ha­be mit­ge­wirkt, sich so­gar am Tag der Atta­cke bei der Aus­län­der­be­hör­de er­kun­digt, ob sei­ne Aus­rei­se­pa­pie­re an­ge­kom­men sei­en, sagt Ham­burgs Po­li­zei­prä­si­dent Ralf Mey­er. In­nen­se­na­tor An­dy Gro­te (SPD) meint, An­schlä­gen die­ser Art woh­ne im­mer „ein ho­hes Maß an Un­be­re­chen­bar­keit“in­ne.

Fo­to: dpa

Po­li­zei­be­am­te der Spu­ren­si­che­rung ste­hen in Schutz­an­zü­gen vor dem Su­per­markt in Ham­burg, in dem ein Pa­läs­ti­nen­ser am Freitag die Mes­ser­at­ta­cke ver­übt hat­te.

Fo­to: dpa

Ham­burgs Ers­ter Bür­ger­meis­ter Olaf Scholz (SPD) legt am Tat­ort Blu­men nie­der. Ein Mann wur­de bei der Atta­cke ge­tö­tet.

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