Das Al­tern be­kämp­fen?

Haller Tagblatt - - SCHWÄBISCH HALL -

Beim me­di­zi­nisch-ethi­schen Ge­sprächs­kreis zum The­ma „Al­ter oder Krank­heit – zwi­schen Re­si­gna­ti­on und Op­ti­mie­rung“wird kon­tro­vers dis­ku­tiert.

Rund 70 Be­su­cher ka­men kürz­lich zum Me­di­zi­nisch-Ethi­schen Ge­sprächs­kreis mit dem The­ma „Al­ter oder Krank­heit“. Pri­vat­do­zent Dr. phil. Mark Schwe­da zeig­te im Di­ak Schwä­bisch Hall Ent­wick­lun­gen im Um­gang mit dem Al­tern und des­sen ethi­scher Be­deu­tung.

„Einst stell­te das ho­he Al­ter ei­ne äu­ßers­te Gren­ze der ärzt­li­chen Kunst dar. In­zwi­schen rückt es je­doch zu­neh­mend in den Fo­kus der mo­der­nen Me­di­zin.“– so Schwe­da. Die Fol­gen des Al­terns sei­en heu­te wis­sen­schaft­lich auf­zu­schlüs­seln und me­di­zi­nisch zu be­han­deln. Die Ver­tre­ter der so ge­nann­ten An­ti-Aging-Me­di­zin schei­nen dar­aus den Schluss zu zie­hen, mit der Aus­schal­tung sämt­li­cher ge­sund­heit­li­cher Be­ein­träch­ti­gun­gen des hö­he­ren Le­bens­al­ters müss­te am En­de auch das Al­tern selbst ver­schwin­den.

An­fän­ge vor 27 Jah­ren

Dr. Schwe­da, der wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am In­sti­tut für Ethik und Ge­schich­te der Me­di­zin der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen ist, be­schäf­tigt sich mit der An­ti-Aging-Kul­tur. Der Aus­druck „An­ti-Aging“wer­de seit 1990 von der Ame­ri­can Aca­de­my for An­ti-Aging Me­di­ci­ne ver­brei­tet, mit dem Ziel, die Er­for­schung und Ent­wick­lung me­di­zi­ni­scher Stra­te­gi­en zur Be­kämp­fung des Al­terns vor­an­zu­trei­ben. Hier wer­de das Al­tern als Krank­heit de­fi­niert. Mit An­wen­dun­gen aus der Sport­me­di­zin und der Bo­dy-Buil­ding-Sze­ne ver­su­che man, zu­nächst das Al­tern zu um­ge­hen.

Die un­ter­schied­li­chen An­sät­ze hin­ter dem La­bel „An­ti-Aging“lie­ßen sich in drei Be­rei­che un­ter­schei­den: Zum ei­nen die me­di­zi­ni­schen Maß­nah­men, die wahr­nehm­ba­re An­zei­chen der Al­te­rung be­sei­ti­gen und At­trak­ti­vi­tät und Fit­ness stei­gern sol­len. Zum an­de­ren han­de­le es sich um Ver­su­che, phy­sio­lo­gi­sche Pro­zes­se in­ner­halb des Or­ga­nis­mus zu be­ein­flus­sen, um al­ters­be­ding­te Krank­hei­ten, Be­schwer­den und Ein­schrän­kun­gen vor­zu­beu­gen oder sie zu lin­dern. Schließ­lich ge­he es auch um Be­stre­bun­gen, mit Hil­fe bio­tech­no­lo­gi­scher Ver­fah­ren di­rekt und ge­zielt in die grund­le­gen­den Mecha­nis­men des Al­te­rungs­pro­zes­ses selbst ein­zu­grei­fen, um ihn zu ver­lang­sa­men, zum Still­stand zu brin­gen oder gar zu­rück­zu­dre­hen.

Et­hisch frag­wür­dig

In sei­ner ethi­schen Be­wer­tung führ­te Schwe­da aus, dass es bei der An­ti-Aging-Me­di­zin nicht nur um die ge­sund­heit­li­chen Chan­cen und Ri­si­ken ge­he. Auf ei­ner ethi­schen Ebe­ne wer­de auch dar­über dis­ku­tiert, in­wie­weit die Be­kämp­fung über­haupt zu den Auf­ga­ben der Me­di­zin ge­hö­re oder über das tra­di­tio­nel­le Selbst­ver­ständ­nis der Me­di­zin und das pro­fes­sio­nel­le Ethos des ärzt­li­chen Be­rufs­stan­des hin­aus­ge­he. Im An­schluss wur­de leb­haft über die Fra­ge dis­ku­tiert, in­wie­weit ei­ne Über­win­dung des Al­terns mit Blick auf das Le­ben des Ein­zel­nen über­haupt sinn­voll bzw. wün­schens­wert er­schei­ne. Auch ge­sell­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen des An­ti-Aging sei­en wich­tig, zum Bei­spiel öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche Fol­ge­kos­ten ei­ner Ge­sell­schaft mit ex­tre­mer Lang­le­big­keit.

Von mo­der­ner Me­di­zin ge­prägt

Die ethi­sche Dis­kus­si­on ma­che deut­lich, wie das Ver­ständ­nis des Al­terns sei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ver­lie­re und zum Ge­gen­stand kon­tro­ver­ser Aus­ein­an­der­set­zun­gen füh­re. Tat­säch­lich kön­ne es heu­te kaum noch über­zeu­gen, sich auf die tra­di­tio­nel­le Vor­stel­lung ei­nes na­tür­li­chen Al­terns zu­rück­zu­zie­hen. Längst prä­ge die mo­der­ne Me­di­zin, wie wir alt wer­den und im hö­he­ren Al­ter le­ben.

Aus ethi­scher Sicht kom­me es da­her letz­ten En­des dar­auf an, sich aus­drück­lich über in­di­vi­du­el­le und ge­sell­schaft­li­che Leit­bil­der und Ziel­vor­stel­lun­gen des Al­terns zu ver­stän­di­gen: „Wie wol­len wir ei­gent­lich alt wer­den und wel­che Rol­le soll die mo­der­ne Me­di­zin da­bei spie­len?“– Mit die­sem Denk­an­stoß an die Be­su­cher run­de­te Dr. Mark Schwe­da den Abend ab.

Pri­vat­fo­to

Der Göt­tin­ger Wis­sen­schaft­ler Dr. Mark Schwe­da.

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