Fuß­ball auf der Gro­ßen Trep­pe

Haller Tagblatt - - FREILICHTSPIELE - Von Gott­fried Mah­ling

Ka­tho­li­scher Pries­ter ge­gen kom­mu­nis­ti­schen Ar­bei­ter­füh­rer, Je­sus als Streit­schlich­ter: „Don Ca­mil­lo und Pep­po­ne“fei­er­te am Freitag Pre­mie­re. Vor dem le­gen­dä­ren Film-Ori­gi­nal muss sich Chris­ti­an Dolls Ins­ze­nie­rung nicht ver­ste­cken. Dies ist die Blu­me des Par­ti­sa­nen, o bel­la, ciao! bel­la, ciao! bel­la, ciao, ciao, ciao! Dies ist die Blu­me des Par­ti­sa­nen, der für die Frei­heit starb.

Ein Fuß­ball­spiel auf der Gro­ßen Trep­pe konn­te sich bis Frei­tag­abend ver­mut­lich nie­mand vor­stel­len. Wür­de nicht der Ball per­ma­nent die Stu­fen hin­ab­hüp­fen oder ein ver­irr­ter Schuss wo­mög­lich ei­nen Frei­licht­spiel-Be­su­cher hart am Kopf tref­fen? Ein ziem­lich ein­fa­cher Trick ge­nügt, um ei­ne der zen­tra­len Sze­nen aus der fran­zö­sisch-ita­lie­ni­schen Film­ko­mö­die von 1952 auf die Frei­licht­spiel-Büh­ne zu brin­gen. Das run­de Spiel­ob­jekt ist an lan­gen Fä­den be­fes­tigt. Schieds­rich­ter Ben­ja­min Leib­brand hält sie wie ein Pup­pen­spie­ler in sei­nen Hän­den und lässt den Ball ra­sant über die Trep­pe flie­gen. Das Spiel wird zum lau­ten Spek­ta­kel. Don Ca­mil­los Mess­die­ner und Pep­po­nes Ro­te Bri­ga­de has­ten hin­ter­her, ju­beln über ih­re To­re mit her­un­ter­ge­las­se­nen Ho­sen, si­mu­lie­ren Ver­let­zun­gen mit schmerz­ver­zerr­ten Ge­sich­tern, be­lei­di­gen ih­re Geg­ner.

Kein leich­tes Un­ter­fan­gen, den 3:2-Sieg­tref­fer der Kom­mu­nis­ten aus 20 Me­tern To­rent­fer­nung zu in­sze­nie­ren: Beim ers­ten Frei­stoß lenkt Ben­ja­min Leib­brand den Ball ver­mut­lich aus Ver­se­hen knapp über das Tor. Der zwei­te Schuss trifft ins Schwar­ze. Don Ca­mil­lo hat ver­lo­ren und muss sein Ver­spre­chen ein­lö­sen, ein hal­bes Jahr bei sei­nen Pre­dig­ten auf Kom­mu­nis­ten-Schel­ten zu ver­zich­ten.

Wer den Schwarz-Weiß-Klas­si­ker „Don Ca­mil­lo und Pep­po­ne“kennt, fin­det sich im Frei­licht­spiel-Stück schnell zu­recht. Denn In­ten­dant Chris­ti­an Doll hat sich in vie­ler­lei Hin­sicht recht eng an das Dreh­buch von Re­gis­seur Ju­li­en Du­vi­vier ge­hal­ten. Die Ge­schich­te spielt ein Jahr nach En­de des Zwei­ten Welt­kriegs im klei­nen ita­lie­ni­schen Ort Bre­scel­lo. Die Kom­mu­nis­ten ha­ben die Kom­mu­nal­wahl ge­won­nen, be­fin­den sich im Sie­ges­tau­mel, pla­nen den Bau ei­nes Bür­ger­hau­ses und träu­men von der Volks­herr­schaft. Dorf­pfar­rer Don Ca­mil­lo in­des bangt um das See­len­heil sei­ner Her­de. Er ver­sucht al­les, um sei­nen Ge­gen­spie­ler Pep­po­ne aus­zu­trick­sen und lä­cher­lich zu ma­chen. Der lo­ka­le Kom­mu­nis­ten-An­füh­rer und frisch­ge­ba­cke­ne Bür­ger­meis­ter trach­tet sei­ner­seits da­nach, die Plä­ne des ka­tho­li­schen Geist­li­chen zu durch­kreu­zen.

Par­al­lel spitzt sich ei­ne Ro­meo- und Ju­lia-Ge­schich­te zu. Ma­rio­li­no Bru­ci­ata, Sohn ei­nes ver­arm­ten Bau­ern, und Groß­grund­be­sit­zer-Toch­ter Gi­na Pa­sot­ti lie­ben sich, wäh­rend sich ih­re bei­den Fa­mi­li­en seit Jahr­zehn­ten has­sen. Sie wol­len un­be­dingt hei­ra­ten, doch we­der Don Ca­mil­lo noch Pep­po­ne ge­ben der Ehe ih­ren Se­gen. Aus lau­ter Ver­zweif­lung will sich das un­glück­li­che Paar im na­he­ge­le­ge­nen Po er­trän­ken, kommt aber in letz­ter Se­kun­de zur Ver­nunft.

Dass am En­de al­les gut wird, ist vor al­lem der grei­sen, eh­ma­li­gen Dorf­schul­leh­re­rin Si­gno­ra Chris­ti­na und Je­sus zu ver­dan­ken. Letz­te­rer re­det Don Ca­mil­lo per­ma­nent ins Ge­wis­sen, Ver­söh­nung statt Streit zu su­chen. Schließ­lich be­en­den Pep­po­nes Kom­mu­nis­ten ih­ren Ge­ne­ral­streik, er­hal­ten vom Groß­grund­be­sit­zer ei­ne Lohn­er­hö­hung und la­den Ca­mil­los Ka­tho­li­ken zur ge­mein­sa­men Fei­er ins neue Ge­mein­de­haus ein. Gi­na und Ma­rio­li­no dür­fen hei­ra­ten und Don Ca­mil­lo und Pep­po­ne stel­len fest, dass sie im Grun­de ge­nau das glei­che wol­len: ei­ne ge­rech­te­re Welt oh­ne Krieg und Kon­flik­te.

Wäh­rend sich die Hand­lungs­strän­ge von Film und Frei­licht­spiel-Ins­ze­nie­rung stark äh­neln, ha­ben die heu­ti­gen Hal­ler Haupt­dar­stel­ler mit de­nen von einst nicht viel ge­mein. Gun­ter Heun ist als Don Ca­mil­lo auf ei­ne ganz an­de­re Art wit­zig als der fran­zö­si­sche Schau­spie­ler Fer­nan­del vor 65 Jah­ren. Er spielt den ka­tho­li­schen Geist­li­chen noch im­pul­si­ver und ei­nen Tick bos­haft, von Fer­nan­dels Lie­bens­wür­dig­keit und Fröm­mig­keit kei­ne Spur. Als er Pep­po­nes Sohn auf den Na­men Li­be­ra Ca­mil­lo Le­nin tauft, kippt er sei­nem Wi­der­sa­cher ab­sicht­lich Was­ser über die Klei­der. Als sich ihm bei ei­ner Pro­zes­si­on Kom­mu­nis­ten in den Weg stel­len, schwingt er sein manns­ho­hes Kreuz wie ei­ne rie­si­ges Schwert, um sich den Weg frei­zu­bah­nen. Er droht sei­nen Geg­nern mit schreck­li­chen Pla­gen, wie sie im al­ten Tes­ta­ment den Ägyp­tern wi­der­fuh­ren. Und ge­ra­de­zu dia­bo­lisch lacht er ge­mein­sam mit Groß­grund­be­sit­zer Pa­sot­ti, als sie ei­ne vor Recht­schreib­feh­lern nur so strot­zen­de Be­kannt­ma­chung Pep­po­nes in den Hän­den hal­ten.

Dirk Schä­fer wirkt als Kom­mu­nis­ten­füh­rer in­des sym­pa­thi­scher, deut­lich zah­mer und we­ni­ger furcht­ein­flö­ßend als Film-Ori­gi­nal Gi­no Cer­vi, der schon rein äu­ßer­lich Sta­lin äh­nel­te. Wäh­rend Cer­vi mit tod­erns­ter Mi­ne grum­mel­te und pol­ter­te, hat man mit dem von Schä­fer ge­spiel­ten Pep­po­ne manch­mal fast Mit­leid. Wäh­rend er nach sei­ner Beich­te zehn Va­ter­un­ser be­ten muss, be­schmiert Ca­mil­lo sein gi­gan­ti­sches Wahl­pla­kat mit „Pep­po­ne ist ein Esel“. Er rauft sich die Haa­re, als sich sei­ne be­griffs­stut­zi­gen Ge­nos­sen bei den Ge­ne­ral­streik-Pa­ro­len ver­has­peln. Und mit sei­ner selbst­be­wuss­ten Frau Aria­na (Sil­ke Buch­holz) hat er es auch nicht ge­ra­de leicht.

Wäh­rend sich nicht nur Don Ca­mil­lo und Pep­po­ne, son­dern auch die Bru­ci­atas und Pe­sot­tis in ei­nem fort strei­ten, schla­gen und be­lei­di­gen, tut der ein­zi­ge Ru­he­pol der Ins­ze­nie­rung rich­tig gut: Je­sus, der Herr, ge­spielt von Dirk Wei­ler. „Dein mi­li­tan­ter An­ti­kom­mu­nis­mus ver­dirbt dei­nen Cha­rak­ter“, re­det er Ca­mil­lo ins Ge­wis­sen. Auf des­sen vie­le miss­mu­ti­ge „Glaubst du denn wirk­lich, Herr“-Fra­gen heißt es ir­gend­wann: „Ich glau­be nicht, ich weiß!“

An­ders als im Film han­delt es sich bei Je­sus nicht um ei­ne spre­chen­de Hoch­al­tar-Fi­gur, son­dern um ei­ne meist her­um­wan­deln­de, wür­de­voll-selbst­iro­ni­sche Per­son. Im­mer wenn er vom Kreuz her­ab­steigt, hin­ter­lässt Je­sus dort den Spruch „Bin gleich wie­der da“. Als kurz vor En­de des Stücks al­les aus dem Ru­der zu lau­fen scheint, be­kommt Je­sus von der gran­ti­gen Si­gno­ra Chris­ti­na (Chris­ti­ne Dor­ner) ei­nen gran­dio­sen An­schiss: „Erst hast du zwei Welt­krie­ge zu­ge­las­sen und jetzt legst die Hän­de in den Schoß und macht nichts!“Der ver­dutz­te Hei­land kommt gar nicht zu Wort. Vom Pu­bli­kum gibt es da­für Sze­nen­ap­plaus.

High­lights des Ins­ze­nie­rung sind de­fi­ni­tiv auch die mu­si­ka­li­schen Ein­la­gen. Ei­ner­seits das be­kann­te Weih­nachts­lied „Ve­ni­te Fe­de­li“, des­sen Re­frain das Pu­bli­kum dank der am Ein­lass ver­teil­ten Zet­tel mit­sin­gen kann. Viel­mehr al­ler­dings noch zwei welt­be­rühm­te Klas­si­ker der Ar­bei­ter­be­we­gung. Aria­na singt mit viel Pa­thos „Bel­la Ciao“(Die Blu­me des Par­ti­sa­nen). Und die jun­gen An­hän­ger ih­res Man­nes Pep­po­ne schmet­tern „Ban­die­ra Ros­sa“(Die Ro­te Fah­ne), an des­sen En­de Ful­mi­ne (Na­t­anaël Li­en­hardt) „Es le­be Sta­lin!“über den Hal­ler Markt­platz brüllt.

Auch dank der Viel­zahl an Ro­ten Fah­nen kommt tat­säch­lich ein we­nig Klas­sen­kampf-Nost­al­gie auf. Die größ­te wird schließ­lich von Ma­rio­li­no auf dem Turm von Sankt Micha­el ent­rollt. Es ist nur ei­ne von vie­len Sze­nen, die da­für sor­gen, dass die et­wa 135 Mi­nu­ten von „Don Ca­mil­lo und Pep­po­ne“ziem­lich schnell ver­ge­hen. Die Frei­licht­spiel-Ins­ze­nie­rung ist lau­ter, ra­san­ter, fre­cher und mit noch mehr Gags ge­spickt als das char­mant-lieb­rei­zen­de Fil­mo­ri­gi­nal. Dass sich für die längst ver­blass­ten Kon­flik­te Kom­mu­nis­mus ge­gen Kir­che und Ost ge­gen West in der ak­tu­el­len, viel kom­ple­xer schei­nen­den Zeit nur schwer An­knüp­fungs­punk­te fin­den las­sen, ist nicht wei­ter tra­gisch. Die Ge­schich­te von Don Ca­mil­lo und Pep­po­ne bie­tet auch 2017 auf der Gro­ßen Trep­pe Kurz­weil, Hu­mor und star­ke Cha­rak­te­re.

Fo­tos: Frei­licht­spie­le Hall/Jür­gen Wel­ler

Don Ca­mil­lo (Gun­ter Heun, links) strei­tet sich mit sei­nem Wi­der­sa­cher Pep­po­ne (Dirk Schä­fer). So­gar Kinn­ha­ken und Stock­schlä­ge wer­den aus­ge­tauscht.

Tur­bu­len­te Sze­nen: Don Ca­mil­lo im Dia­log mit Je­sus, bei der Tau­fe von Pep­po­nes Sohn und als Rat­ge­ber des Lie­bes­paars Ma­rio­li­no Bru­ci­ata und Gi­na Pa­sot­ti. Oben das Fuß­ball­spiel zwi­schen Mess­die­nern und Kom­mu­nis­ten.

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