Frei­tags­in­ter­view

Nor­bert Schrö­der

Haller Tagblatt - - VORDERSEITE - Von To­bi­as Würth

36 Jah­re Tier­ver­eins­vor­sit­zen­der. Nach­fol­ge­rin ge­fun­den.

Wie sind Sie Tier­freund ge­wor­den?

Nor­bert Schrö­der: Durch mei­ne Frau. In mei­ner Kind­heit hat­te ich nur Klein­tie­re wie zum Bei­spiel Hams­ter. Ih­re Frau hat ei­ne gro­ße Lie­be zu Kat­zen? Stimmt. Aber sie hat­te schon ei­nen Hund in der Kind­heit bei ih­ren El­tern. Ha­ben Sie heu­te ein Tier?

Wir ha­ben un­se­re Mot­te. Das ist ei­ne Misch­lings­hün­din aus dem Tier­heim. Wo­bei wir beim The­ma wä­ren: Wie lan­ge wa­ren Sie Vor­sit­zen­der des Ver­eins? Ab 1981 ha­be ich be­reits als zwei­ter Vor­sit­zen­der die Ge­schäf­te ge­lei­tet und dann ab 1984 als ers­ter Vor­sit­zen­der. Was ha­ben Sie da­mals vor­ge­fun­den? Es wa­ren knapp 100 Mit­glie­der. Es gab kein Tier­heim. Die Tier­pen­si­on Bie­der­mann war dort, wo un­ser Tier­heim heu­te ist: Ne­ben der Ro­ten Stei­ge bei Mi­chel­feld am Land­turm. Sie wur­de von uns stark be­legt. War­um denn?

Mei­ne Frau hat bei den Ame­ri­ka­nern in den Do­lan Bar­racks ge­ar­bei­tet. Dort blie­ben häu­fig Hun­de al­lein zu­rück, da die Sol­da­ten wie­der in die USA ab­reis­ten. Mei­ne Frau konn­te es als Tier­freun­din nicht mit an­se­hen, dass die Hun­de nicht ver­sorgt wur­den. Wir ha­ben dann Geld ge­sam­melt, um sie in der Tier­pen­si­on un­ter­zu­brin­gen. Ih­re Frau Jo­han­na hat ein sehr gro­ßes Herz für Tie­re? Ja, sie ist die trei­ben­de Kraft im Tier­schutz­ver­ein. Wie ging es wei­ter?

Ich ha­be ab 1981 an­ge­fan­gen, Wer­bung zu ma­chen. Wir muss­ten ja für die Hun­de in der Pen­si­on be­zah­len. Durch die Tier­schutz­rund­schau, die jähr­lich zwei­mal er­schien, ka­men wir vor­an. Das ist ein Mords­ge­schäft: von der Wer­bung, den Tex­ten über Fo­tos bis zum Lay­out. Und dann ging es berg­auf.

Bis auf über 1000 Mit­glie­der wuch­sen wir an. Jetzt sind wir noch bei 900. Der Ver­ein hat die pri­va­te Tier­pen­si­on bei Mi­chel­feld am Land­turm dann über­nom­men? Ja, wir ha­ben es vom Ho­s­pi­tal zum Hei­li­gen Geist auf Erb­pacht ge­mie­tet und muss­ten für die Ge­bäu­de ei­ne Ab­lö­se­sum­me be­zah­len. Wir ha­ben viel Geld rein­ge­steckt. Wir ha­ben ein neu­es Kat­zen­haus, ein neu­es Hun­de­haus ge­baut und auch in das Wohn­haus Geld in­ves­tiert. Wo­her kam das?

Uns wur­de Geld ver­erbt. Al­lein aus Mit­glieds­bei­trä­gen sind sol­che In­ves­ti­tio­nen nicht zu ma­chen. Die Bei­trä­ge der Mit­glie­der de­cken nicht mal die lau­fen­den Kos­ten. Wie viel brin­gen die Erb­schaf­ten ma­xi­mal? Der höchs­te Be­trag war 90 000 Eu­ro. Aber es sind meist 10 000 Eu­ro. Das ist wich­tig für uns. Wir ha­ben zwei An­ge­stell­te, müs­sen den Tier­arzt und Fut­ter be­zah­len. Das Geld aus Erb­schaf­ten, die wie­der­um auch nicht so häu­fig sind, gleicht un­ser Mi­nus aus. Sie ha­ben ja auch Ver­trä­ge mit Ge­mein­den. Stimmt. Kom­mu­nen sind für Fund­sa­chen zu­stän­dig. Da­zu zäh­len auch Tie­re. Wir ha­ben mit fast al­len Ge­mein­den des Alt­krei­ses Ko­ope­ra­tio­nen. Das ist fi­nan­zi­ell schon wich­tig für uns. Im Ge­gen­zug müs­sen wir auch al­le Tie­re an­neh­men. Nach ei­ner ge­wis­sen Zeit sind die frei und kön­nen ver­ge­ben wer­den. Wer­den sie nicht ver­mit­telt, müs­sen wir wei­ter für die Kos­ten auf­kom­men. Was war das skur­rils­te Fund­tier?

Ei­ne Schlan­ge war schon mal da­bei. Wir ha­ben Kä­fi­ge auch für Klein­tie­re wie Ha­sen. Kom­men nur Fund­tie­re ins Heim?

Nein, wir neh­men in Ein­zel­fäl­len Tie­re auch so an. Wenn zum Bei­spiel mal ei­ne al­te Da­me stirbt, neh­men wir de­ren Hund oder de­ren Kat­ze auf. Was will man sonst ma­chen? Lebt noch ein Tier aus Ih­rer An­fangs­zeit im Heim? Nein. Aber der Hund Lord war über Jah­re im Tier­heim, ist aber ver­stor­ben. Manch­mal sind Tie­re schwie­rig in der Hal­tung und wer­den da­her nur schwer ver­mit­telt. Manch­mal trügt aber auch der ers­te An­schein wie bei dem Hund Lord. Der ist schnell ans Git­ter ge­gan­gen, wenn Be­su­cher ka­men und hat dar­an ge­kratzt. Doch ei­gent­lich ist er ein gu­tes Tier. Das größ­te Pro­blem sind aber die Kat­zen War­um?

Die Leu­te las­sen sie nicht kas­trie­ren und las­sen sie raus. Zum Teil ver­wil­dern Kat­zen. Was ma­chen Sie da?

Wir sor­gen da­für, dass sie kas­triert wer­den und ha­ben Fut­ter­stel­len ein­ge­rich­tet. Dort ge­hen wir lau­fend hin, um die auf­zu­fül­len. Und ein­fan­gen kön­nen sie die Tie­re nicht? Doch, aber nur um sie zu kas­trie­ren und zu imp­fen. Das ist aber auch nicht so ein­fach. Man muss da­bei­blei­ben, denn die Kat­zen kön­nen nicht acht St­un­den lang in der Fal­le ge­fan­gen blei­ben. Das macht mei­ne Frau. Im Tier­heim blei­ben die Tie­re dann nicht? Die ge­hen die Wän­de hoch. Ei­ne ver­wil­der­te Kat­ze wie­der an Men­schen zu ge­wöh­nen, das ist sehr schwie­rig. Was kann man ge­gen das Pro­blem der vie­len wil­den Kat­zen tun? Es gibt die For­de­rung, die Kastra­ti­ons­pflicht ein­zu­füh­ren, um die Wei­ter­ver­meh­rung zu stop­pen. Das ist ei­ne gu­te Idee, aber wer will das kon­trol­lie­ren? Wa­ren Kat­zen im­mer schon ein Pro­blem? In mei­ner An­fangs­zeit wa­ren es über­wie­gend Hun­de. Da­mals gab es et­wa Ket­ten­hun­de. Die Hal­tung ist heu­te aber bes­ser. Die Leu­te sind auf­ge­klärt. Heu­te hat kaum mehr ei­ner die Mög­lich­keit, ei­nen Hund drau­ßen zu hal­ten. Heu­te sind wie ge­sagt die Kat­zen das Pro­blem. Es gibt Bau­ern­hö­fe, auf de­nen vie­le Kat­zen nicht kas­triert sind. Mit ent­lau­fe­nen Hun­den gibt es noch Pro­ble­me. Das ist aber ganz sel­ten. Wer mel­det sich bei Ih­nen?

Die Leu­te ver­wech­seln uns mit ei­ner Be­hör­de und ru­fen an: „Der Hund des Nach­barn darf nicht raus.“Aber da kön­nen wir doch auch nicht hel­fen. Wir ha­ben bis zu 20 An­ru­fe am Tag hier. Wir ha­ben un­se­re Pri­vat­num­mer bis­her als Tier­schutz­ver­ein-Kon­takt an­ge­ge­ben. Das ha­ben wir ge­än­dert. Das Tier­heim selbst an­ru­fen, bringt nichts. Die Pfle­ge­rin­nen kön­nen nicht ein­fach weg. Ei­ne Bü­ro­kraft im Tier­heim gibt es nicht. Doch manch­mal müs­sen Sie doch ein­grei­fen? No­te­in­sät­ze macht meis­tens mei­ne Frau. Die Pfle­ge­rin­nen kön­nen das aus zeit­li­chen Grün­den nicht. Bis zu fünf Ta­ge in der Wo­che hilft mei­ne Frau im­mer noch im Tier­heim. Sie möch­te auch auf­hö­ren. Aber es ist schwie­rig, für sie ei­nen Er­satz zu fin­den. Was war das Kras­ses­te, was Sie zu se­hen be­ka­men an schlech­ter Tier­hal­tung? Es wa­ren ge­nug Fäl­le da, bei de­nen man sagt: Es kann nicht wahr sein. Frü­her gab es Hun­de auf en­gem Raum in zu klei­nen Zwin­gern. Die Mas­sen-Kat­zen-Hal­tung war auch hef­tig. In Hall wur­den 41 Kat­zen ent­deckt. Das ist ei­ne Rie­sen­sa­che. Die müs­sen zum Tier­arzt und kas­triert wer­den. Das geht bei uns in die Fi­nan­zen. Ei­ne Kastra­ti­on ei­ner Kat­ze kommt auf 100 Eu­ro. Das sum­miert sich schnell. Wie vie­len Tie­ren ha­ben Sie in den 30 Jah­ren das Le­ben ge­ret­tet? Das sind Hun­der­te, Tau­sen­de viel­leicht. Es ka­men nicht al­le ins Tier­heim. Man hat manch­mal nur so ge­hol­fen und das Tier blieb bei den Men­schen. Ge­hen die Men­schen bes­ser mit Tie­ren um als vor 30 Jah­ren? Es ist ein bes­se­res Be­wusst­sein da. Aber im­mer noch gibt es Men­schen, die ge­nau das Ge­gen­teil des­sen ma­chen, was an­ge­bracht ist. Im We­sent­li­chen se­hen vie­le Men­schen die Tie­re als ach­tens­wer­te Le­bens­we­sen an. Geht es mit der Tier­lie­be nicht an man­chen Stel­len zu weit? Es gibt Ve­ge­ta­ri­er und Ve­ga­ner. Mei­ne Frau isst kein Fleisch. Ich ak­zep­tie­re das. Ich es­se aber Fleisch. Ein Tier­schüt­zer darf ein Tier es­sen?

Das darf er. Es ist ja nicht ver­bo­ten. Das muss je­der mit sich selbst aus­ma­chen. Aber ich ak­zep­tie­re es, dass man das aus ethi­schen Grün­den nicht tut. Was wün­schen Sie sich für die Zu­kunft des Tier­schutz­ver­eins? Ich wün­sche mir, dass die Über­ga­be gut läuft. Mei­ne Frau wird wie ich auch 69 Jah­re alt. Die braucht auch ei­ne Nach­fol­ge­rin. Mit Mar­ti­na Veut­ner ha­ben wir als Vor­sit­zen­de ei­ne gu­te Nach­fol­ge­rin ge­fun­den. Der Vor­teil: Sie wohnt ne­ben dem Tier­heim. Die Über­ga­be ist al­so noch in vol­lem Gan­ge. Ja, das ist ein Mords­ge­schäft. Es ist ein Le­ben ge­we­sen für den Tier­schutz. Es ist noch nicht vor­bei.

Im We­sent­li­chen se­hen vie­le Men­schen die Tie­re als ach­tens­wer­te Le­be­we­sen an.

Es ist ein Le­ben ge­we­sen für den Tier­schutz. Es ist noch nicht vor­bei.

Fo­to: tob

„Hun­der­te, Tau­sen­de viel­leicht“, ant­wor­tet Nor­bert Schrö­der auf die Fra­ge, wie vie­len Tie­ren er in drei Jahr­zehn­ten das Le­ben ge­ret­tet hat. Er wur­de durch sei­ne Frau zum Tier­freund.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.