Sät­ze statt Stak­ka­to

Haupt­sa­che span­nend: Die Buch­au­to­rin Re­na­te Hart­wig er­ar­bei­tet mit Siebt­kläss­lern des Pforz­hei­mer Hil­da-Gym­na­si­ums über ein Schul­jahr hin­weg ei­nen Ju­gend­ro­man.

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMSCHAU - Von Mar­tin Hof­mann

Kann man mit pu­ber­tie­ren­den Pen­nä­lern ei­nen Ro­man schrei­ben? In der Schu­le? Im ganz nor­ma­len Un­ter­richt? Ist die­se Ge­ne­ra­ti­on nicht auf 140 Zei­chen ge­bucht? Auf Whats­App-Ge­zwit­scher, Stak­ka­to-Sät­ze, wahl­wei­se oh­ne Sub­jekt oder Prä­di­kat? Man kann viel­leicht nicht. Re­na­te Hart­wig, Au­to­rin aus Ner­sin­gen bei Ulm, liebt sol­che Her­aus­for­de­run­gen. Ein Schul­jahr lang hat sie vie­le Mon­tag­nach­mit­ta­ge im Pforz­hei­mer Hil­da-Gym­na­si­um ver­bracht und 25 Siebt­kläss­ler auf ei­ne „Rei­se zwi­schen zwei Buch­de­ckeln“mit­ge­nom­men.

Wo­hin soll­te die­se ge­hen? Schlag­wor­te bil­de­ten den Auf­takt des Pro­jekts. „Lasst Eu­re Phan­ta­sie flie­gen“, riet Hart­wig den Schü­lern. Zu klä­ren war, was für ein Ro­man ent­ste­hen und wel­che The­men die fik­ti­ve Ge­schich­te um­fas­sen soll­te. Von A wie Aus­gren­zung über F=fal­sche Freun­de bis T wie Thril­ler reich­ten die Vor­schlä­ge. Klas­se und Au­to­rin ei­nig­ten sich auf 21 Schlüs­sel­be­grif­fe für die Sto­ry. Nun stand ein Ge­rüst, und Re­na­te Hart­wig be­gann es mit 28 Ka­pi­teln zu fül­len.

Je­den Schul­mon­tag brach­te sie ein Ka­pi­tel mit und las es vor. Ei­ne De­bat­te über Er­eig­nis­se und Per­so­nen, ih­re Cha­rak­te­re, ihr Ver­hal­ten schloss sich an. „Wie­so heißt der Olaf ?“Der Na­me des Ro­man-Prot­ago­nis­ten miss­fiel den Ju­gend­li­chen. Doch Re­na­te Hart­wig hat­te ihn mit Be­dacht ge­wählt. Un­ter den 1000 Schü­lern des Gym­na­si­ums gab es kei­nen Olaf. Und da er erst spät ein­sieht, wo­hin sei­ne Auf­wie­ge­lei im Ro­man führt, soll­ten un­pas­sen­de Iden­ti­tä­ten ver­mie­den wer­den.

Da­für de­bat­tier­ten die 12- und 13-Jäh­ri­gen in­ten­siv über Olafs Stra­te­gi­en, an­de­re für sich ein­zu­neh­men, ein­zu­span­nen und sich durch­zu­set­zen, ver­gli­chen Fi­gu­ren mit le­ben­den Per­so­nen, iden­ti­fi­zier­ten Par­al­le­len in den Rol­len, die sie im Klas­sen­ge­fü­ge ein­neh­men. Sie plä­dier­ten lan­ge für ei­nen of­fe­nen Schluss, konn­ten sich aber auch da ge­gen die Au­to­rin nicht durch­set­zen. Sie hal­fen ihr je­doch mit De­tail­wis­sen

über tech­ni­sche Vor­gän­ge, such­ten aus ei­nem knap­pen Dut­zend Vor­schlä­gen den Ti­tel des Bu­ches aus. Sie il­lus­trier­ten je­des Ka­pi­tel mit Druck­wer­ken.

„Ein­sturz­ge­fähr­det“ist halb Kri­mi­nal-, halb Ge­sell­schafts­ro­man. Er spielt in der fik­ti­ven Stadt Plo­chen, könn­te sich aber in Pforz­heim oder Plochin­gen zu­tra­gen. Es geht um ei­ne Dro­gen­to­te, die zu­vor nie als Kon­su­men­tin auf­ge­fal­len war und an ei­nem un­ge­wöhn­li­chen Ort ge­fun­den wird.

Ein mys­te­riö­ses Un­glück zwingt die Stadt, für Schü­ler ei­ner Werk­re­al­schu­le Er­satz­räu­me zu fin­den. Im Gym­na­si­um weh­ren sich Ju­gend­li­che, an­ge­fixt von ei­ner an­ony­men In­ter­net-Grup­pe, ge­gen die Auf­nah­me der „Haupt­schü­ler“. Rasch schei­nen tie­fe

Ju­gend­li­chennd Grä­ben zwi­schen auf­zu­bre­chen. Die Freund­schaft zwei­er Schü­le­rin­nen zer­bricht dar­an. Im Gym­na­si­um herrscht ganz di­cke Luft. Par­al­lel da­zu er­mit­telt ein er­fah­re­ner Haupt­kom­mis­sar den Mord­fall und klärt ei­nen Teil der Vor­komm­nis­se auf.

„Wir ha­ben der Welt da drau­ßen ge­zeigt, dass Siebt­kläss­ler viel mehr kön­nen als Kurz­nach­rich­ten auf Whats­App“, fasst Re­na­te Hart­wig das Er­geb­nis des Pro­jekts zu­sam­men. Von Dis­zi­plin­pro­ble­men mit ei­ner „schwie­ri­gen Klas­se“kann sie nichts be­rich­ten. Die Of­fen­heit, mit der ihr die Schü­ler be­geg­ne­ten, hat sie über­rascht. War­um? „Ich ha­be sie ernst ge­nom­men“, sagt Hart­wig.

Dem 13-jäh­ri­gen Pao­li­no ge­fiel, dass die Klas­se mit­ent­schei­den konn­te, was es für ein Buch (Gru­sel­ge­schich­te, Kri­mi, Lie­bes­ro­man) wer­den soll­te, wie die Sto­ry wei­ter­ge­hen konn­te und die De­bat­ten, „wel­che The­men noch rein­zu­brin­gen“wa­ren. Ein Schuss Sci­ence-Fic­tion hät­te ihm zu­ge­sagt. „Doch das pass­te dann nicht mehr.“Haupt­sa­che span­nend. Leo­nie (13), eher Fan­ta­sy-Fan, spricht von ei­ner „coo­len Er­fah­rung, mit­zu­ent­schei­den, wie sich ei­ne Ge­schich­te ent­wi­ckelt und „das Er­geb­nis jetzt le­sen zu kön­nen“. Die Lek­tü­re könn­te Gleich­alt­ri­ge an­stif­ten, mal nicht aufs Dis­play zu star­ren, son­dern die Au­gen zwi­schen Buch­de­ckeln auf Wan­der­schaft zu schi­cken.

Ju­gend­li­che kön­nen mehr als Whats­app. Re­na­te Hart­wig Buch­au­to­rin

Fo­to: Paul Hart­wig

Re­na­te Hart­wig (links) und ih­re Mit­ar­bei­ter ha­ben das Ma­nu­skript fer­tig­ge­stellt. Nun er­klärt Kunst­leh­rer Flo­ri­an Ad­ler (rechts) die Tech­nik, mit der die Ilus­tra­tio­nen ent­ste­hen.

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