Lob­by­is­tin ih­rer Schü­ler

Die Crails­hei­me­rin Hil­de­gard Saur lei­tet die Frö­bel­schu­le in Ell­richs­hau­sen, die auch we­ni­ge jun­ge Leu­te aus Hall, Bühler­zell und Büh­ler­tann be­su­chen. Die Ein­rich­tung wird am Wo­che­n­en­de 50 Jah­re alt.

Haller Tagblatt - - MENSCHEN - Von Ute Schä­fer.

Wenn Hil­de­gard Saur durch ih­re Schu­le geht – die Frö­bel­schu­le in Ell­richs­hau­sen –, dann pfeift sie manch­mal lei­se vor sich hin. Denn sie ist ger­ne hier, je­den Tag aufs Neue. Doch viel Zeit zum Pfei­fen bleibt der Rek­to­rin, die in Crails­heim wohnt, ge­ra­de nicht. Das Schul­ju­bi­lä­um steht vor der Tür.

Vor 50 Jah­ren wur­de die Frö­bel­schu­le ge­grün­det. Zum Ju­bi­lä­ums­fest am Sonn­tag (sie­he In­fo­kas­ten) ist je­der aus dem Land­kreis ein­ge­la­den, denn die­ser ist der Ein­zugs­be­reich der Schu­le, an der im­mer wie­der auch Schü­ler aus Schwä­bisch Hall und dem Um­kreis der Stadt ler­nen.

Die Schu­le hat of­fi­zi­ell ei­nen et­was sper­ri­gen Na­men: „SBBZ FSP geis­ti­ge Ent­wick­lung“. Saur er­klärt: „Das be­deu­tet son­der­päd­ago­gi­sches Bil­dungs- und Be­ra­tungs­zen­trum mit För­der­schwer­punkt geis­ti­ge Ent­wick­lung.“Da­hin­ter steckt: Je­der Mensch ist und hat et­was Be­son­de­res. Al­le Men­schen sind gleich viel wert. Und je­der hat ein Recht auf Chan­cen und För­de­rung.

Die­se in­ne­re Hal­tung hat die Pfar­rers­toch­ter Saur früh in ih­rem Le­ben ent­wi­ckelt. „In un­se­rer Fa­mi­lie gab es ei­ne Tan­te mit Down-Syn­drom. Mei­nen El­tern war es ganz wich­tig, Tan­te Ger­trud die glei­che Wert­schät­zung ent­ge­gen­zu­brin­gen wie al­len an­de­ren Tan­ten. Da­zu ha­ben sie uns auch im­mer an­ge­hal­ten.“So et­was prägt, und für Hil­de­gard Saur stand fest, nach dem Abitur in Freu­den­stadt Me­di­zin oder Son­der­päd­ago­gik zu stu­die­ren. Nach ei­nem ein­jäh­ri­gen Prak­ti­kum in ei­nem Heim für geis­tig be­hin­der­te Men­schen und ei­ner Aus­bil­dung zur Kran­ken­schwes­ter ist es dann die Son­der­päd­ago­gik ge­wor­den.

In Crails­heim Fuß ge­fasst

Mit dem Re­fe­ren­da­ri­at kam das ers­te Kind und der Um­zug Crails­heim, wo Ehe­mann Bern- hard Saur ei­ne Stel­le als Arzt ge- fun­den hat­te. „Wir konn­ten uns nie vor­stel­len, zu blei­ben.“Und doch ta­ten sie es und füh­len sich jetzt wohl dort.

Vor 20 Jah­ren – die mitt­ler­wei­le vier Kin­der wa­ren aus dem Gröbs­ten her­aus – nahm Hil­de­gard Saur ih­ren Be­ruf als Son­der­schul­päd­ago­gin wie­der auf. Sie

be­g­an­nals Leh­re­rin,an der wur­de Frö­bel­schu­le­spä­ter Kon­rek­to­ri­nerst und ist jetzt Rek­to­rin. „Ich se­he mich als Lob­by­is­tin für mei­ne Schü­ler.“Des­halb öff­net sie die Schu­le, so oft es geht. Und sie geht mit den Schü­lern bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit an die Öf­fent­lich­keit – et­wa mit dem in­klu­si­ven Schul­chor zu Be­geg­nungs­kon­zer­ten und mit der ge­mein­sa­men Fuß­ball-AG von Frö­bel­schu­le und Al­bert-Schweit­zer-Gym­na­si­um zu Fuß­ball­tur­nie­ren. Da bleibt so man­cher Fei­er­abend auf der Stre­cke – wie das oft ist, wenn der Be­ruf zur Be­ru­fung ge­wor­den ist. Al­ler­dings gibt es et­was in ih­rem Le­ben – von der Fa­mi­lie ein­mal ab­ge­se­hen –, für das sie die Ar­beit im Rek­to­rat auch mal lie­gen lässt: die Mu­sik. Die ist ihr wich­tig. Hil­de­gard Saur singt in zwei Chö­ren, auch im Kam­mer­chor Obe­ras­pach, ih­rem Ge­burts­ort.

Sie spielt au­ßer­dem in ei­nem Block­flö­ten­en­sem­ble so­wie Qu­er­flö­te im VHS-Orches­ter. Und wenn sie ge­ra­de kei­ne Flö­te in der Hand hat, dann pfeift sie auf dem Flur der Frö­bel­schu­le vor sich hin.

Al­ler­dings: Zur­zeit ist ihr ei­gent­lich nicht nach Pfei­fen zu­mu­te. Die Frö­bel­schu­le hat Lehrer­man­gel – wie je­de an­de­re Son­der­schu­le auch. Denn es fehlt an Son­der­päd­ago­gen. „Des­halb ha­ben wir in die­sem Jahr die Früh­för­de­rung kom­plett ein­stel­len müs­sen“, be­dau­ert Saur. „Da­bei wä­re das es­sen­zi­ell wich­tig. Ich kann nur hof­fen, dass es bald wie­der mehr Leh­rer gibt.“

Ein hal­bes Jahr­hun­dert Schu­le

Von den 50 Jah­ren, die es die Frö­bel­schu­le gibt, über­blickt Hil­de­gard Saur 20. Sie hat er­lebt, wie sich die Schu­le im­mer wie­der ver­än­dert hat – spä­tes­tens mit der UN-Be­hin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on, die ei­ne in­klu­si­ve Ge­sell­schaft for­dert. In die­sem Sin­ne ent­wi­ckel­te sich die Frö­bel­schu­le von ei­ner Schu­le, die El­tern bei der Be­treu­ung ih­rer be­hin­der­ten Kin­der un­ter­stütz­te, zu ei­ner Schu­le, die sich im­mer wei­ter in die Ge­sell­schaft hin­ein öff­ne­te.

Doch wo sieht Hil­de­gard Saur die Frö­bel­schu­le in zehn oder 20 Jah­ren? „Auf je­den Fall wird es sie noch ge­ben“, sagt sie mit Blick auf die an­dau­ern­den Dis­kus­sio­nen, die Son­der­schu­len zu­guns­ten ei­ner in­klu­si­ven Be­schu­lung al­ler Kin­der auf­zu­ge­ben. „Son­der­schu­len wer­den auch in Zu­kunft be­nö­tigt. Längst nicht für je­des Kind un­se­rer Schu­le ist die in­klu­si­ve Be­schu­lung ide­al. So se­hen das mitt­ler­wei­le auch vie­le El­tern.“

Dar­über ist Hil­de­gard Saur froh, auch wenn sie in 20 Jah­ren nicht mehr an der Schu­le sein wird. Für sie kommt in gut fünf Jah­ren der Ru­he­stand. „Das wird jetzt viel zu schnell ge­hen“, sagt sie und lä­chelt be­dau­ernd. „Lei­der.“

Es kommt nicht auf die Be­zeich­nung an, son­dern auf die in­ne­re Hal­tung. Hil­de­gard Saur Schul­lei­te­rin

Fo­to: Ute Schä­fer

Hil­de­gard Saur lei­tet die Frö­bel­schu­le in Ell­richs­hau­sen.

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