„Tal­fahr­ten sind Lehr­stun­den“

Die Schau­spie­le­rin Clau­dia Mi­chel­sen spricht über ih­ren neu­en Film „Göt­ter in Weiß“und über Krank­hei­ten, Fa­mi­lie und Aus­wüch­se des Ge­winn­den­kens.

Haller Tagblatt - - BLICK IN DIE WELT - Von Ga­by Her­zog

Clau­dia Mi­chel­sen hat ei­nen lee­ren Ein­kaufs­korb in der Hand, als sie das „De Mau­fel“in Ber­lin-Char­lot­ten­burg be­tritt. „Der lee­re Korb? Ja, ich ge­he nach un­se­rem Ge­spräch auf den klei­nen Markt an der Schau­büh­ne“, sagt die 48-jäh­ri­ge Schau­spie­le­rin. „Da kau­fe ich je­den Sams­tag mein Obst und Ge­mü­se. Al­les dort ist aus der Re­gi­on, dem Um­land.“Sie nimmt an ei­nem der run­den Bis­tro­ti­sche Platz, schal­tet ihr Han­dy aus und be­stellt ei­nen Tee, grün, oh­ne künst­li­che Aro­men. In Ih­rem neu­en Film „Göt­ter in Weiß“spie­len Sie ei­ne Ärz­tin. An­na Hell­berg ist Chir­ur­gin in ei­nem Kran­ken­haus in Meck­len­burg und lebt ein be­schau­li­ches Le­ben . . . Clau­dia Mi­chel­sen: . . . bis sie ei­nes Tages merkt, dass in der Kli­nik schwer ge­schlampt wird. Kran­ken­haus­kei­me sind das zen­tra­le The­ma des Films. Je­des Jahr in­fi­zie­ren sich bis zu 800 000 Men­schen, rund 16 000 ster­ben je­des Jahr in Fol­ge die­ser mul­ti­re­sis­ten­ten Er­re­ger. Und das sind die „of­fi­zi­el­len“Zah­len. In Deutsch­land?

Ka­pi­ta­lis­mus re­giert un­ser Ge­sund­heits­sys­tem.

Das fängt beim Pfle­ge­per­so­nal an, geht wei­ter bei längst über­hol­ten In­stru­men­ten und reicht bis in die Ste­ri-Ab­tei­lung. Kli­ni­ken hier­zu­lan­de sind re­gel­recht ver­seucht. Ist das nur ein deut­sches Pro­blem? Nicht nur. Aber vie­le Nach­barn ma­chen es bes­ser. In Deutsch­land ist die Ge­fahr, sich ei­nen Kran­ken­haus­keim ein­zu­fan­gen, 100 Mal hö­her als et­wa in Hol­land. Wie ge­hen Sie persönlich mit dem The­ma Krank­heit um? Für mich ist die Fra­ge, was ich prä­ven­tiv tun kann, noch viel wich­ti­ger. Seit der Ge­burt mei­ner Kin­der ver­su­che ich, be­wuss­ter zu essen und auch ganz ge­ne­rell be­wuss­ter zu kon­su­mie­ren, in­dem ich kei­ne un­nö­ti­gen Be­sitz­tü­mer an­häu­fe. Man sagt ja: Be­sitz ver­pflich­tet. Es ist über­fäl­lig für uns, al­les das zu über­den­ken. Aber es pas­siert ja auch schon ei­ni­ges. Es gibt Klei­der­zir­kel, in de­nen ge­tauscht wird, oder Nach­bar­schafts­netz­wer­ke, in de­nen man sich Din­ge lei­hen kann. Das ist doch ei­ne tol­le Er­fin­dung, ei­ne Re­duk­ti­on im Kon­sum­ver­hal­ten. Un­term Strich ge­win­ne ich da­mit Zeit. Zeit für mei­ne bei­den Mäd­chen, mei­ne Freun­de, auch Zeit für Lan­ge­wei­le.

Für Lan­ge­wei­le? Die wenn Lan­ge­wei­le, es ein­fach die ein­mal auf­kommt, nichts gibt, was ich er­le­di­gen muss. die­sem kost­ba­ren Zu­stand wird

Phan­ta­sie frei­ge­setzt. Gera­de für

Kin­der ist das es­sen­ti­ell. Es gibt auch ne­ga­ti­ve Lan­ge­wei­le, aber viel­leicht hat das dann schon eher mit Satt­heit, mit nicht mehr vor­han­de­ner Neu­gier zu tun.

Neu­gier ist für mich ab­so­lut not­wen­dig, auch um der Angst vor Wie­der­ho­lun­gen zu be­geg­nen. Auch ein Grund, war­um Sie sich ge­ne­rell auf dem ro­ten Tep­pich eher zu­rück­hal­ten? Manch­mal ha­be ich Spaß da­bei, Kol­le­gen zu tref­fen. Aber durch den me­dia­len „Fort­schritt” hat sich vie­les ver­än­dert. Wie wich­tig al­lein die Au­ßen­wahr­neh­mung ge­wor­den ist! Wie viel Zeit kann man da­mit ver­brin­gen, sich da zu po­si­tio­nie­ren? Ich möch­te nicht ir­gend­wann das Ge­fühl ha­ben, bei mei­nem ei­ge­nen Le­ben nicht da­bei ge­we­sen zu sein.

So wie Sie.

Auch wenn es nicht im­mer ganz leicht ist, ist es mir wich­tig – trotz al­ler Ar­beit –, für mei­ne Fa­mi­lie da zu sein, auch wenn es ein­mal nicht ganz rund läuft.

Innd Das hört man oft von er­folg­rei­chen Män­nern. Wenn sie im Al­ter zu­rück­bli­cken, er­ken­nen sie, dass sie die Zeit mit der Fa­mi­lie, ver­passt ha­ben. Ich den­ke, das geht in­zwi­schen auch Frau­en so, die Fa­mi­lie ha­ben und voll be­rufs­tä­tig sind. Bei vie­len ist Ar­beit ei­ne Aus­re­de, um sich weg­zu­du­cken, wenn es Pro­ble­me gibt. Bei mir nicht. Wir wis­sen, das Le­ben ist ein Auf und Ab. Die Tal­fahr­ten sind ja auch Lehr­stun­den, die man nicht mis­sen möch­te. War­um pas­siert mir das? Was hat das Pro­blem mit mir zu tun? Da­bei in­ter­es­siert mich nicht die Fra­ge nach Schuld. Das Ver­hal­ten und Han­deln­des An­de­ren ist von ei­nem selbst ja nicht zu tren­nen. Ob im Be­ruf oder auf pri­va­ter Ebe­ne, wir spie­geln uns ja auch im Ge­gen­über. Und Sie wer­den nie sau­er?

Doch, schon. Aber ich bin mir si­cher, dass al­les für ei­ne bes­se­re Sa­che pas­siert, und wenn man in Wut und Är­ger fest­steckt, kommt man nicht wei­ter. Manch­mal tut es gut, et­was Ab­stand zum All­tag zu ge­win­nen. Da mag ich den Blick vom Fern­seh­turm am Alex­an­der­platz. Dort oben gibt es in 200 Me­tern Hö­he auch ein Re­stau­rant. Frü­her, zu DDR-Zei­ten, dreh­te sich die Platt­form des Re­stau­rants ein­mal in der St­un­de um 360 Grad. Heu­te fährt sie in der sel­ben Zeit zwei­mal rum, da­mit die Gäs­te nicht so lan­ge blei­ben.

Noch so ein Bei­spiel für den schnel­len Pro­fit, den Ge­winn, Ka­pi­ta­lis­mus.

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