Bahn-Dia­lek­tik in drei Mi­nu­ten

Haller Tagblatt - - SÜDWESTUMSCHAU - Fabian Zie­he

Phi­lo­so­phisch ge­se­hen ist die Bahn ein Kör­per, in dem Ge­gen­sätz­li­ches sich ent­fal­ten kann – An­kunft, Ab­fahrt, da­zwi­schen das pral­le Le­ben. Zwei­glei­sig Fah­ren ist für Bah­ner kein Un­wort: Es gibt ei­ne dem Ei­sen­bahn­ver­kehr in­ne­woh­nen­de Dia­lek­tik. Um das zu ver­ste­hen, rei­chen drei Mi­nu­ten Grenz­er­fah­rung. Stei­gen Sie ein, über­schrei­ten Sie die Gren­ze – nach Bay­ern. Kei­ne Angst: Neu-Ulm ist dia­lek­tisch schwä­bisch.

Auf dem Weg zum RB 57479 auf Gleis 5b am Ul­mer Bahn­hof le­sen Sie zu­nächst das Pla­kat ei­ner Bau­fir­ma: „Bau­en heißt We­ge eb­nen.“Las­sen Sie die Wor­te wir­ken. Kom­bi­nie­ren Sie die Er­kennt­nis mit dem rea­len Bau­pro­jekt, das die Fir­ma der­zeit am Bahn­hof vor­an­treibt: ei­ne Trep­pe. Stu­fen bau­en, um We­ge zu eb­nen... ver­rückt!

Wei­ter geht es. Im Zug le­sen Sie auf dem nächs­ten Pla­kat: „Jetzt rol­len wir im All­gäu die Ober­lei­tung aus.“Aha! Es geht um die Elek­tri­fi­zie­rung der Süd­bahn. Wie knuffig da der Co­mic-Maul­wurf der Bahn in der Il­lus­tra­ti­on ei­ne Rol­le Ober­lei­tungs­draht aus­rollt! Doch ist da auf der Rol­le ge­schrie­ben: „Lan­ge Lei­tung“. Was zum Teu­fel...?

Gr­ü­belnd er­rei­chen wir nach sehr kur­zer Fahrt den Bahn­hof Neu-Ulm. Und was le­sen wir dort auf die­sem Schild im Lift? „Bit­te hel­fen sie, dass die­ser Auf­zug im­mer funk­tio­niert“. Dar­un­ter folgt so­dann: „Bei Stö­run­gen in­for­mie­ren Sie die 3-S-Zen­tra­le München.“Die Stö­rung des Im­mer-Funk­tio­nie­ren­den mel­den? Der Dia­lek­ti­ker flippt an­ge­sichts die­ser Fi­nes­se mit Si­cher­heit aus. Der gro­ße Rest ver­steht da nur noch: Bahn­hof.

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