Ein Alt-Ro­cker hul­digt jaz­zend dem Swing

Haller Tagblatt - - VORDERSEITE - Von Hans Kumpf

Schwä­bisch Hall. Der eng­li­sche Schlag­zeu­ger Pe­te York er­öff­net mit sei­nem Quar­tett gleich­zei­tig die Hal­ler Jaz­zart-Rei­he und die bri­ti­schen Kul­tur­wo­chen in Hall.

Der Schlag­zeu­ger Pe­te York er­öff­net mit sei­nem Quar­tett in der Ho­s­pi­tal­kir­che un­ter­hal­tend und be­schwingt die Bri­ti­schen Kul­tur­wo­chen Schwä­bisch Hall. Et­wa 140 Kon­zert­be­su­cher hö­ren zu.

Ve­ry Bri­tish“ist der Hu­mor des Schlag­zeu­gers Pe­te York für­wahr. Welt­wei­te Be­rühmt­heit er­lang­te der mitt­ler­wei­le 76-Jäh­ri­ge durch die 1963 ge­grün­de­te „Spen­cer Da­vis Group“(„Keep On Run­ning“), spä­ter sie­del­te der smar­te En­g­län­der der Lie­be we­gen nach Bay­ern um. Auch hier­zu­lan­de ist dem Welt­men­schen der Spaß nicht ver­gan­gen – trotz Br­ex­it-Dro­hung.

Vor der Mu­sik er­griff je­doch bei der Er­öff­nungs­ver­an­stal­tung der aus­ge­dehn­ten Rei­he „Ve­ry Bri­tish – Bri­ti­sche Kul­tur­wo­chen Schwä­bisch Hall“Her­mann-Jo­sef Pel­grim das Wort. Der Ober­bür­ger­meis­ter, üb­ri­gens re­gu­lä­res Mit­glied des mit­ver­an­stal­ten­den Jazz­clubs, be­klag­te in sei­ner Re­de das Aus­ein­an­der­drif­ten Eu­ro­pas, be­schwör­te die „ge­mein­sa­men Wer­te, ins­be­son­de­re der Kul­tur“und lob­te das „am­bi­tio­nier­te Pro­jekt“der Kul­tur­be­auf­trag­ten Ute Chris­ti­ne Ber­ger.

Po­pu­lär in Deutsch­land wur­de Pe­te York spä­tes­tens vor drei Jahr­zehn­ten, als er in sei­ner vom Süd­deut­schen Rund­funk pro­du­zier­ten Rei­he „Su­per Drum­ming“stil­über­grei­fend mit Schlag­zeu­ger-Kol­le­gen ko­ope­rier­te. Der rüs­ti­ge Alt-Ro­cker hul­dig­te in Hall nun aus­gie­big der Swing-Ära und ließ be­son­ders Du­ke El­ling­ton und Count Ba­sie auf­le­ben. Sein ak­tu­el­les Jazz­quar­tett nennt Pe­te York „Span­galang“– ei­ne klang­ma­le­ri­sche Ver­ba­li­sie­rung des Spiels auf den Schlag­zeug-Be­cken, wie er sei­nem be­geis­ter­ten Pu­bli­kum er­klär­te.

Flü­gel statt Ham­mond-Or­gel

Die Com­bo kam in Hall oh­ne groo­ven­des Bas­sin­stru­ment aus. Andre­as Kis­sen­beck wur­de ei­gent­lich als Ham­mond-Or­ga­nist an­ge­kün­digt, und da hät­te er mit den Pe­da­len die rhyth­misch-har­mo­ni­sche Tie­fen­ar­beit über­neh­men kön­nen. Doch nun be­schränk­te sich der an der Mu­sik­hoch­schu­le Mün­chen leh­ren­de Pro­fes­sor auf den in der Ho­s­pi­tal­kir­che vor­han­de­nen St­ein­way-Flü­gel. Und hier ging der ge­wief­te Tas­ten­mann ger­ne blo­ck­ak­kor­disch vor, oh­ne aka­de­mi­sche Abs­trak­tio­nen zu ver­schmä­hen.

Le­dig­lich mit sei­nem Te­nor­sa­xo­fon war der aus dem Wes­ter­wald stam­men­de Claus Koch an­ge­reist. Er be­wäl­tig­te sei­nen Part sehr rou­ti­niert, blies flüs­sig und ge­wandt. Von ihm gab es frei­lich kei­ne Kla­ri­net­ten­tö­ne, als in der Zu­ga­be Ben­ny Good­mans „Sing, Sing, Sing“in­to­niert wur­de. Aber Pe­te York ori­en­tier­te sich bei dem Hit vom „King of Swing“na­tür­lich an des­sen le­gen­dä­rem Drum­mer Ge­ne Kru­pa, den der Bri­te als Zwölf­jäh­ri­ger noch li­ve hö­ren konn­te, und ließ wie sein Vor­bild be­redt die „tal­king drums“spre­chen. Pe­te York er­in­ner­te sich in sei­nem eng­lisch-deut­schen Kau­der­welsch ge­nau­es­tens: „He was schwit­zing a lot!“

Nicht nur ei­nen op­ti­schen Farb­tup­fer gab die be­herz­te Vo­ka­lis­tin Ni­na Mi­chel­le ab. Die in der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt an­säs­si­ge Ka­na­die­rin ver­fügt mit ih­rem Mez­zo­so­pran über ein an­ge­neh­mes Tim­bre, klingt zu­wei­len de­zent rau­keh­lig, do­siert das Vi­bra­to ele­gant und ver­mag nach den text­li­chen The­men­vor­trä­gen auch im­pro­vi­sa­to­risch zu scat­ten, al­so oh­ne Wor­te zu Pe­te York er­in­nert sich an den Schlag­zeu­ger Ge­ne Kru­pa.

sin­gen – in Er­in­ne­rung an die un­über­treff­li­che El­la Fitz­ge­rald.

„How High The Moon“könn­te ei­ne Schnul­ze sein, doch Tra­di­ti­on ist be­reits, dass Jaz­zer die auf den glei­chen Har­mo­ni­en ba­sie­ren­de Kom­po­si­ti­on „Or­ni­tho­lo­gy“von Char­lie Par­ker in das Stück in­te­grie­ren. So be­werk­stel­lig­ten es auch die Sän­ge­rin und der Ten­orist, wo­bei sie uni­so­no im aber­wit­zi­gen Tem­po fein phra­sier­ten.

Je spä­ter der Abend, des­to zahl­rei­cher prä­sen­tier­te sich Pe­te York als be­ste­chen­der So­list. Auf sei­nem Drum­set zau­ber­te er ge­ra­de­zu akro­ba­tisch kom­ple­xe Po­ly­rhyth­men – oh­ne dass er zu ei­ner dröh­nen­den Schieß­bu­den­fi­gur ver­kam. Nicht je­der Schlag­zeu­ger kann mit der Laut­stär­ke haus­hal­ten. Zu­dem be­tä­tig­te sich der er­fah­re­ne En­ter­tai­ner ge­sang­lich.

Die 140 Be­su­cher quit­tier­ten die Im­pro­vi­sa­ti­ons­bei­trä­ge der Quar­tett­mit­glie­der im­mer wie­der mit joh­len­dem Zwi­schen­ap­plaus. Auf rühr­se­li­ge Bal­la­den wur­de ver­zich­tet, vie­le Stü­cke be­sa­ßen dri­ve und swing. Schließ­lich be­fin­det sich auch El­ling­tons „It Don’t Me­an A Thing, If It Ain’t Got That Swing” im Re­per­toire.

He was schwit­zing a lot!

In­fo Im nächs­ten Kon­zert der Rei­he „Jazz­ti­me“tritt am 22. Sep­tem­ber der Schwei­zer Stimm­künst­ler Andre­as Schae­rer mit ei­nem All-Star-Quar­tett in der Ho­s­pi­tal­ki­che auf.

mit wei­te­ren Im­pres­sio­nen vom Jazz-Ti­me-Auf­takt gibt es auf

Fo­to: Hans Kumpf

Andre­as Kis­sen­beck (Kla­vier), Ni­na Mi­chel­le (Ge­sang), Claus Koch (Sa­xo­fon) und Pe­te York (Schlag­zeug) in der Hal­ler Ho­s­pi­tal­kir­che.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.