Das klei­ne­re Übel

Haller Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Die­ter Kel­ler

Op­po­si­ti­on ist Mist, dürf­te sich der Reut­lin­ger FDP-Ab­ge­ord­ne­te Pas­cal Ko­ber ge­dacht ha­ben, als er im Bun­des­tag den Ge­set­zes­ent­wurf der Li­be­ra­len zur Dy­na­mi­sie­rung der Mi­ni­jobs be­grün­de­te. Es ge­hört zu den un­ge­schrie­be­nen Re­geln des Par­la­ments, dass die Re­gie­rungs­par­tei­en bei um­strit­te­nen The­men Vor­schlä­ge der Op­po­si­ti­on ab­bü­geln, und sei­en sie noch so gut.

Die Ober­gren­ze für Mi­ni­jobs wur­de seit 2013 nicht ver­än­dert. Sie liegt im­mer noch bei 450 Eu­ro im Mo­nat. Da­bei sind die Löh­ne seit­her um gut zehn Pro­zent ge­stie­gen, und der Min­dest­lohn wur­de ein­ge­führt. Fol­ge: Mi­ni­job­ber be­kom­men nicht mehr Geld, wenn ihr Ver­dienst schon die Höchst­gren­ze er­reicht hat. Wenn ihr Ar­beit­ge­ber fair ist und ih­ren St­un­den­lohn er­höht, müs­sen sie we­ni­ger ar­bei­ten. Vie­len wä­re al­ler­dings ein Aus­gleich für die In­fla­ti­on lie­ber.

Die FDP will die Ober­gren­ze an den Min­dest­lohn bin­den, ge­nau­er soll sie des­sen 60-Fa­ches be­tra­gen. Da er al­le zwei Jah­re er­höht wird, er­gibt sich au­to­ma­tisch ei­ne Dy­na­mi­sie­rung. Das klingt lo­gisch, ist aber auch et­was tü­ckisch. Denn An­fang nächs­ten Jah­res steigt er auf 9,19 Eu­ro. Dann lä­ge die Ober­gren­ze bei gut 550 Eu­ro, über 20 Pro­zent mehr als der­zeit. Da­mit wä­re die Stei­ge­rung dop­pelt so hoch wie die der Löh­ne.

Ko­ber hat mit sei­nem Vor­stoß wie­der ein­mal ei­ne Grund­satz­dis­kus­si­on über Mi­ni­jobs an­ge­sto­ßen. Zwar gibt es sie schon seit über ei­nem Jahr­hun­dert. Aber sie blei­ben um­strit­ten. Letzt­lich sind sie auch ei­ne Ka­pi­tu­la­ti­on der So­zi­al­po­li­ti­ker da­vor, wie we­nig nach den ho­hen Ab­zü­gen für Steu­er und So­zi­al­ver­si­che­rung net­to üb­rig bleibt. Man­cher will oder muss sich et­was da­zu­ver­die­nen, ob mit dem Aus­tra­gen von Zei­tun­gen – was für je­ne im­mer noch ei­ne zen­tra­le Säu­le des Ver­triebs ist – oder ein paar St­un­den Kell­nern am Wo­che­n­en­de. Nor­ma­ler­wei­se bräch­te das un­term Strich we­nig. Durch die pau­scha­len Ab­ga­ben sind 450-Eu­ro-Jobs at­trak­tiv.

Das führt al­ler­dings zu Un­ge­rech­tig­kei­ten: Stockt ei­ne Teil­zeit­mit­ar­bei­te­rin ih­re Ar­beits­zeit in ih­rem Haupt­be­ruf um fünf St­un­den auf, be­kommt sie deut­lich mehr ab­ge­zo­gen, als wenn sie die glei­che Zeit an­ders­wo

Von 450 Eu­ro im Mo­nat kann kei­ner le­ben – da­für wa­ren die Mi­ni­jobs aber auch nie ge­dacht.

ei­nen 450-Eu­ro-Job an­nimmt.

Doch das ist im­mer noch das klei­ne­re Übel, wenn die Al­ter­na­ti­ve lau­tet, dass es die Jobs gar nicht gibt, weil sie viel zu teu­er sind.

Ge­le­gent­lich kla­gen die Ge­werk­schaf­ten, Mi­ni­jobs reich­ten nicht für den Le­bens­un­ter­halt. Ge­nau da­für wa­ren sie al­ler­dings nie ge­dacht, wie schon der Ma­xi­mal­be­trag zeigt: Von 450 Eu­ro kann kei­ner le­ben. Es kann im­mer nur ein Zu­satz­ver­dienst sein, ob zum Ba­fög, zum Lohn oder zu an­de­ren Fa­mi­li­en­ein­kom­men. Schon we­gen der nied­ri­gen Sum­men kön­nen Mi­ni­jobs auch nie viel für die Ren­te brin­gen. Das muss je­dem be­wusst sein, der ei­ne sol­che Ar­beit an­nimmt.

Un­term Strich sind die Vor­tei­le für Mi­ni­jobs das klei­ne­re Übel. Falsch ist es, die Höchst­gren­ze über Jah­re un­ver­än­dert zu las­sen und sie da­mit lang­fris­tig aus­zu­trock­nen. Sie sind al­le­mal bes­ser als Schwarz­ar­beit. Bei der be­kommt näm­lich der Staat we­der Steu­ern noch So­zi­al­ab­ga­ben.

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