Prä­di­kat be­son­ders schwert­voll

Haller Tagblatt - - FEUILLETON - Von Magdi Aboul-Kheir

Aus­schließ­lich zum Tö­ten von Men­schen er­fun­den. Von der Bron­ze­zeit bis zu „Star Wars“: Das Lan­des­mu­se­um Würt­tem­berg wid­met sich ei­ner Waf­fe, die Kult-Ob­jekt und Pop­kul­tur-Iko­ne wur­de. Als es im Kampf sei­ne Be­deu­tung ver­lor, wur­de es zur Waf­fe in der Pro­pa­gan­da.

Es kann nur ei­nen ge­ben. Ver­lo­ckend steckt Ex­ca­li­bur auf ei­ner Wald­lich­tung in ei­nem Fel­sen und war­tet auf den Au­ser­wähl­ten, der es aus dem St­ein zu be­frei­en ver­mag. Nun, je nach­dem, wie weit die Be­su­cher im Lan­des­mu­se­um Würt­tem­berg das Schwert aus dem Fel­sen zie­hen, zei­gen ih­nen Sym­bo­le auf der Klin­ge, wel­chem Sta­tus ih­re Kräf­te ent­spre­chen: Narr, Ro­bin Hood, Rit­ter oder gar Kö­nig. Für ein lus­ti­ges Fo­to ist das al­le­mal gut.

Lus­tig? „Schwer­ter sind im All­tag nicht mehr das, was sie mal wa­ren“, weiß Mu­se­um­spre­che­rin Hei­ke Scholz. „Du­el­le sind out, als Sta­tus­sym­bo­le tau­gen sie nicht mehr.“Den­noch zie­hen sie uns in den Bann, und die Ma­cher der Gro­ßen Son­der­aus­stel­lung ge­hen der „Fas­zi­na­ti­on Schwert“auf den Grund: von der Ar­tus-Sa­ga bis zu „Star Wars“, von Sieg­fried bis zum High­lan­der, vom Da­mokles­schwert bis zu „Ga­me of Thro­nes“.

Mehr als 1500 Schwer­ter hat das Lan­des­mu­se­um im Be­stand, doch erst­mals steht die­ser Samm­lungs­schwer­punkt im Zen­trum ei­ner Aus­stel­lung, be­tont Mu­se­um­di­rek­to­rin Cor­ne­lia Ewig­le­ben. 340 Ob­jek­te, dar­un­ter 142 Schwer­ter (auch vie­le Leih­ga­ben), er­zäh­len nun ei­ne fas­zi­nie­ren­de Kul­tur­ge­schich­te zwi­schen Po­li­tik und Sa­gen­welt, Krieg und Re­li­gi­on, My­thos und Pop­kul­tur. Die Aus­stel­lung kon­zen­triert sich auf das Schwert in Mit­tel­eu­ro­pa, ei­ne mehr als 3500-jäh­ri­ge Ge­schich­te.

Vor dem Ein­gang des Mu­se­ums, im Hof des Al­ten Schlos­ses, emp­fängt schon lan­ge ein Rei­ter­stand­bild die Be­su­cher: Graf Eber­hard im

Bart mit ge­zo­ge­nem Schwert. Eben je­nes Schwert hat oben in der Schau ei­nen Eh­ren­platz: Eber­hard hat­te es 1495 in Worms von Kö­nig Ma­xi­mi­lan I. er­hal­ten und war zum Her­zog er­ho­ben wor­den. Der würt­tem­ber­gi­sche Se­kre­tär be­rich­te­te, Eber­hard sei „von der könngli­chen may­e­s­tat ain schwert in die hannd ge­ben wor­den, das recht, ouch witt­wen und way­sen zu be­schir­men und das un­recht zu straf­fen“.

„Das Schwert war die ers­te aus­schließ­lich zum Tö­ten an­de­rer Men­schen ge­schaf­fe­ne Waf­fe“, er­klärt Pro­jekt­lei­te­rin Ni­na Will­bur­ger. Da­her be­kam das Schwert rasch hier­ar­chi­sche Be- deu­tung. Be­reits in der Bron­ze­zeit bil­de­te sich ei­ne neue Ge­sell­schafts­schicht her­aus: der schwert­tra­gen­de Krie­ger. Schwer­ter ver­lie­hen ei­nen eli­tä­ren so­zia­len Sta­tus: den des Herr­schers – nicht zu­letzt des Herr­schers über Le­ben und Tod. Es kommt nicht von un­ge­fähr, dass Jus­ti­tia nicht nur ei­ne Waa­ge, son­dern eben­so ein Schwert in ih­ren Hän­den hält.

Das Schwert als Macht­sym­bol: Wer auf dem Schlacht­feld un­ter­lag, über­gab dem Sie­ger sei­ne Waf­fe. Und wer in ei­nen hö­he­ren Stand er­ho­ben wur­de, er­hielt fei­er­lich ein neu­es Schwert. Die eng­li­sche Kö­ni­gin führt den Rit­ter­schlag bis heu­te mit dem Schwert aus.

Von An­fang an war das Schwert glei­cher­ma­ßen „Pres­ti­ge­waf­fe“und „Pre­mi­um­pro­dukt“. Die be­nö­tig­ten Roh­stof­fe wa­ren knapp, die Her­stel­lung war teu­er, nur we­ni­ge Ex­per­ten ver­füg­ten über das tech­ni­sche Kön­nen zur Fer­ti­gung: Die Klin­ge muss­te so hart sein, um wir­kungs­vol­le Hie­be und Sti­che zu er­mög­li­chen; aber zu­gleich so fle­xi­bel, dass sie bei Be­las­tung nicht zer­brach.

Scharf und schön: Funk­tio­na­li­tät trifft auf Sym­bol­kraft und Äs­the­tik. Be­reits in der Ei­sen­zeit ätz­ten und po­lier­ten Schmie­de die Klin­gen. Die Aus­stel­lung zeigt auch den Zu­sam­men­hang von Schwert­form und Kampf­tech­nik, von Waf­fe und Rüs­tung. Gla­di­us, das Kurz­schwert der rö­mi­schen Le­gio­nen, war für den Nah­kampf der in For­ma­ti­on mar­schie­ren­den Sol­da­ten ge­dacht. Rei­ter führ­ten Schwer­ter mit län­ge­rer Klin­ge. „Fas­zi­na­ti­on Schwert“ver­schweigt nicht, dass ein ruhm­rei­ches Ide­al auf ei­ne grau­sa­me Rea­li­tät traf. Aus Pie­täts­grün­den wer­den kei­ne ge­bors­te­nen Kno­chen aus­ge­stellt, doch die bild­haft-blut­rüns­ti­gen Darstel­lun­gen von Kampf­ver­let­zun­gen sind be­redt ge­nug. Be­ein­dru­ckend ist die ver­grö­ßer­te Ab­bil­dung ei- nes Schä­dels: Er zeigt ei­nen 1461 auf dem Schlacht­feld der Ro­sen­krie­ge ge­stor­be­nen Sol­da­ten, der acht schwe­re Schä­del­ver­let­zun­gen hat­te, dar­un­ter ei­nen Hieb quer über das gan­ze Ge­sicht und ei­nen ge­spal­te­nen Hin­ter­kopf.

Kult, Re­li­gi­on, Ma­gie, My­tho­lo­gie: Das Bild des Schwer­tes lud sich durch die Jahr­hun­der­te mit Be­deu­tung auf. Es wur­de zur Op­fer­ga­be, zum ri­tu­el­len Ob­jekt und nahm auch ei­ne wich­ti­ge Rol­le in der christ­li­chen Iko­no­gra­fie ein: als Flam­men­schwert und himm­li­sche Waf­fe, als Hei­li­gen­at­tri­but, aber auch als Ver­kör­pe­rung der Barm­her­zig­keit.

Nach dem Mit­tel­al­ter ver­lor das Schwert sei­ne Be­deu­tung als Waf­fe – und wur­de in der Bild­spra­che der Pro­pa­gan­da um­so wich­ti­ger. Im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg ver­wen­de­ten es Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten glei­cher­ma­ßen als Sym­bol für die Recht­mä­ßig­keit und den Sieg ih­rer Leh­re. Ob Bis­marck-, Ger­ma­nia- oder Her­manns-Denk­mal: Oh­ne Schwer­ter sind sie nicht denk­bar. Bis­marck wur­de so­gar als „Schmied der deut­schen Ein­heit“ver­ewigt. Und just im Ers­ten Welt­krieg, dem ers­ten in­dus­tri­el­len Krieg der Mensch­heit, hat­te das Schwert als Pro­pa­gan­da-Sym­bol auf Or­den und Me­dail­len Hoch­kon­junk­tur. Na­tür­lich be­dien­ten sich dann auch die Na­zis nur zu gern der Schwert-Sym­bo­lik als Zei­chen für hel­den­haf­ten Kampf. Ei­ne Be­deu­tungs­um­kehr er­fuhr es durch Pa­zi­fis­ten: Wer „Schwer­ter zu Pflug­scha­ren“macht, schafft Frie­den. „Fas­zi­na­ti­on Schwert“soll­te ein brei­tes Pu­bli­kum al­ler Al­ters­schich­ten an­spre­chen, „auch Frau­en“, sagt Will­bur­ger. Denn Schwer­ter sei­en „kein rei­nes Män­ner­ding“, und mit der Aus­stel­lung kann sie das hieb- und stich­fest be­wei­sen, von Ju­dith bis zu Red Son­ja. Erst kürz­lich hat ei­ne ar­chäo­lo­gi­sche Un­ter­su­chung er­ge­ben, dass der mit Schwert be­stat­te­te Wi­kin­gerK­rie­ger von Bir­ka tat­säch­lich ei­ne Frau war.

Be­zeich­nend ist frei­lich: Wo das Schwert den männ­li­chen Hel­den – Ar­tus, Par­zi­val, Ro­land, Sieg­fried & Co. – als Re­cken der Tap­fer­keit und Treue zeigt, ist das Bild der schwert­tra­gen­den Frau his­to­risch meist am­bi­va­lent. Ob Jean­ne d’Arc oder Kriem­hild, sie ist Rä­che­rin, Wahn­sin­ni­ge, Vi­sio­nä­rin, von äu­ße­ren Um­stän­den ge­trie­ben und in ei­ner emo­tio­na­ler Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Erst in der zeit­ge­nös­si­schen Fan­ta­sy hat sich die Schwert­kämp­fe­rin von die­sem Bild eman­zi­piert.

Was zur Po­pu­lär­kul­tur führt: Hier ist das Schwert die ul­ti­ma­ti­ve Waf­fe im Kampf Gut ge­gen Bö­se, in Bü­chern, im Ki­no, in Vi­deo­spie­len. Ob Co­n­an der Bar­bar oder der High­lan­der: kein Held oh­ne Schwert. Und als Ge­or­ge Lu­cas ei­ne Sci­ence-Fic­tion-Waf­fe für sei­ne Je­di er­dach­te, wähl­te er zwar ei­nen La­ser, aber es sol­le eben doch wie im Mär­chen Mann ge­gen Mann ge­kämpft wer­den: So ent­stand das Licht­schwert. Es sind eben Je­di-Rit­ter.

Na­tür­lich ist in der Aus­stel­lung, die meh­re­re Mit­mach- und Fo­to-Sta­tio­nen hat, ein Licht­Schwert zu se­hen, eben­so Ara­gorns Waf­fe An­dú­ril und God­ric Gryffin­dors Klin­ge. Film­aus­schnit­te vom 1938er „Ro­bin Hood“über „Har­ry Pot­ter“und „Herr der Rin­ge“bis zu „Ga­me of Thro­nes“zei­gen vor al­lem, wie sich im Film die Kamp­fäs­the­tik ge­wan­delt hat: von ei­nem his­to­risch-spor­ti­ven Fecht­stil zu ei­ner dra­ma­tisch über­zo­ge­nen, oft un­rea­lis­ti­schen Cho­reo­gra­fie.

Die Aus­stel­lung führt zu „Zel­da“, mün­det in Kon­so­len­kämp­fen und Rol­len­spie­len. Ei­ne letz­te Rol­le dür­fen die Be­su­cher schließ­lich in An­ge­sicht des im Fel­sen ste­cken­den Ex­ca­li­bur ein­neh­men. Wie ge­sagt: Es kann nur ei­nen ge­ben, und dass Kö­nig Ar­tus in Stutt­gart vor­bei­schaut, ist frag­lich. Aber Zehn­tau­sen­de wer­den im Lan­des­mu­se­um ihr Glück ver­su­chen.

Auch ein Spiel­zeug-Darth-Va­der braucht sein Licht­schwert. Fo­tos: Lan­des­mu­se­um Würt­tem­berg/Hen­drik Zwie­t­asch

Vor dem Mu­se­um steht Her­zog Eber­hard – sein Ori­gi­nal-Schwert ist in der Aus­stel­lung zu se­hen (rechts).

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