Po­li­ti­sche Kri­mi­na­li­tät: Der LKA-Chef sieht kei­nen Brenn­punkt in Hall

Haller Tagblatt - - VORDERSEITE - Von Thu­mi­lan Sel­va­ku­ma­ran

Ralf Mi­chel­fel­der, Prä­si­dent des Lan­des­kri­mi­nal­amts, spricht in der VHS über po­li­tisch mo­ti­vier­te Kri­mi­na­li­tät. In Hall selbst ge­be es kei­ne Schwer­punk­te für das LKA.

Ei­nes vor­weg: Hall ist ei­ne si­che­re Stadt. Es gibt kei­ne ge­fähr­li­chen Struk­tu­ren, die in der Ar­beit des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes ei­ne Rol­le spie­len. Das sagt LKA-Prä­si­dent Ralf Mi­chel­fel­der. Aber er re­la­ti­viert. „Wir wer­den si­cher­lich nie Ein­zel­tä­ter, oder je­man­den, der sich im ver­bor­ge­nen ra­di­ka­li­siert, auf Re­gio­nen zu­ord­nen kön­nen. Das kann übe­r­all pas­sie­ren.“

Für den Backnan­ger ist der Be­such am Di­ens­tag in der Hal­ler Volks­hoch­schu­le qua­si ein Heim­spiel. Mi­chel­fel­der war der ers­te Lei­ter des 2014 ge­schaf­fe­nen Po­li­zei­prä­si­di­ums Aa­len, zu dem auch Hall ge­hört. Seit Au­gust 2015 führt er das 1300 Per­so­nen star­ke LKA, das ne­ben ope­ra­ti­ven Er­mitt­lun­gen auch Un­ter­stüt­zung für Po­li­zei­ein­hei­ten bie­tet so­wie die Fach­auf­sicht und Si­cher­heits­for­schung be­treibt.

Fal­sch­mel­dun­gen kur­sie­ren

In Hall spricht Mi­chel­fel­der über po­li­tisch mo­ti­vier­te Kri­mi­na­li­tät von Rechts, Links, Is­la­mis­ten und an­de­ren Strö­mun­gen. Es geht um Sta­tis­ti­ken, Angst und ge­fühl­te Wahr­hei­ten – auch mit Blick auf zahl­rei­che Fal­sch­mel­dun­gen in so­zia­len Me­di­en. „Die Leu­te müs­sen in der La­ge sein, die­se zu er­ken­nen“, meint Mi­chel­fel­der. Die Be­hör­de selbst kön­ne nur ver­su­chen, Vor­gän­ge mit se­riö­sen Zah­len ein­zu­ord­nen.

Es sei ein hoch­ak­tu­el­les The­ma, be­tont VHS-Ge­schäfts­füh­rer Mar­cel Mi­a­ra. Die Re­so­nanz ist aber mau. Es sit­zen nur neun Zu­hö­rer im Saal, da­von drei VHS-Mit­ar­bei­ter. Ein wei­te­rer ist der Hal­ler Po­li­zei­chef Tho­mas Hei­ner. Liegt es dar­an, dass die The­men schon zu lan­ge ei­ne Viel­zahl an De­bat­ten über­la­gern? Das ist ei­ne Theo­rie. Die an­de­re: Es gibt schlicht we­ni­ger Ge­fah­ren und Ängs­te. Was sa­gen die Zah­len? Die Straf­ta­ten sind im Land­kreis laut Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik von 2016 auf 2017 um 555 auf 6656 zu­rück­ge­gan­gen (-7,7 Pro­zent). Es sind die bes­ten Wer­te seit 2013.

Die re­prä­sen­ta­ti­ve R+V-Stu­die, in der Ängs­te der Deut­schen ab­ge­fragt wer­den, kommt 2018 zum Er­geb­nis, dass Bür­ger mit 69 Pro­zent die größ­te Angst da­vor ha­ben, dass die Welt durch Trumps Po­li­tik ge­fähr­li­cher wird. Mit 63 Pro­zent auf Platz 2 und 3 fol­gen Ängs­te „vor Über­for­de­rung von Deut­schen/Be­hör­den durch Flücht­lin­ge“und „Span­nun­gen durch Zu­zug von Aus­län­dern“. Da­bei sind die Flücht­lings­zah­len deut­lich zu­rück­ge­gan­gen.

Die Angst vor Ter­ror ist seit 2017 um 12 Pro­zent auf 59 ge­sun­ken und steht auf Platz 5. Dicht ge­folgt von „Kos­ten für Steu­er­zah­ler durch EU-Schul­den­kri­se“(58 Pro­zent) so­wie „Po­li­ti­scher Ex­tre­mis­mus“(57 Pro­zent). Ängs­te wie „Pfle­ge­fall im Al­ter“(52 Pro­zent) und „Stei­gen­de Le­bens­un­ter­hal­tungs­kos­ten“(49 Pro­zent) sind ab Platz 10 zu fin­den.

Die ge­fühl­te Angst vor Aus­län­dern ist al­so groß. Laut Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik ma­chen sie bei Straf­ta­ten ei­nen An­teil von 27,8 Pro­zent aus – am häu­figs­ten Tür­ken, Ru­mä­nen und Ita­lie­ner. Der An­teil der Flücht­lin­ge un­ter den nicht deut­schen Tä­tern liegt bei we­ni­ger als ei­nem Drit­tel.

Bei den Is­la­mis­ten geht Mi­chel­fel­der bun­des­weit von 750 Ge­fähr­dern aus, die sich im Aus­land und auch in Deutsch­land ra­di­ka­li­siert ha­ben. 100 von ih­nen leb­ten in Ba­den-Würt­tem­berg. 80 der 170 LKA-Be­am­ten im Be­reich po­li­tisch mo­ti­vier­te Kri­mi­na­li­tät sei­en in die­sem Sek­tor ein­ge­setzt. Die Ge­wich­tung rich­te sich nach der Be­dro­hungs­la­ge.

Kei­ne re­li­giö­sen Straf­ta­ten

„Ak­tu­ell ist die An­schlags­be­dro­hung in Ba­den-Würt­tem­berg hoch“, meint der LKA-Chef, oh­ne De­tails zu nen­nen. Ob­ser­va­tio­nen sei­en res­sour­cen­in­ten­siv, da es sich häu­fig um Men­schen hand­le, die „nach­rich­ten­dienst­lich oder mi­li­tä­risch aus­ge­bil­det sind“. Für ei­ne durch­ge­hen­de Über­wa­chung sei­en pro Ge­fähr­der 50 Be­am­te nö­tig. Mit ei­nem Ras­ter­sys­tem wür­den da­her Ziel­per­so­nen nach nied­ri­gem, mo­de­ra­tem und ho­hem Ri­si­ko ein­grup­piert, da für die Über­wa­chung al­ler Ge­fähr­der kein aus­rei­chen­des Per­so­nal zur Ver­fü­gung ste­he. In Hall selbst gab es 2017 laut Sta­tis­tik al­ler­dings kei­ne Straf­ta­ten im Be­reich aus­län­di­scher oder re­li­giö­ser Ideo­lo­gie.

Ku-Klux-Klan wei­ter ak­tiv

„Ich ma­che mir we­ni­ger Sor­gen, dass Is­la­mis­ten den Staat un­ter­wan­dern. Eher we­gen der Be­dro­hung durch Rechts, die AFD und Po­li­zis­ten, die im Ku-Klux-Klan in Hall mit­ge­wirtk ha­ben“, kom­men­tiert ei­ne Be­su­che­rin. „Wir er­for­schen beim LKA kei­ne Be­stre­bun­gen son­dern Straf­ta­ten“, er­wi­dert Mi­chel­fel­der. Der LKAChef be­stä­tigt aber, dass es noch heu­te ei­nen ras­sis­ti­schen Ge­heim­bund mit Sitz in Hall gibt. Des­sen Exis­tenz hat­te die Re­dak­ti­on 2012 auf­ge­deckt. Ak­tu­ell ge­be es aber kei­ne straf­pro­zes­sua­len Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen den Hal­ler KKK.

Rech­te Ge­walt bleibt aber The­ma. 2017 gab es im Kreis 21 Fäl­le. Lin­ke Straf­ta­ten wur­den vier re­gis­triert. Lan­des­weit sei der An­teil rech­ter Straf­ta­ten et­wa dop­pelt so hoch wie die der lin­ken. Mi­chel­fel­der sieht ein wei­te­res Un­gleich­ge­wicht: Un­ter rechts­mo­ti­vier­ten Ta­ten sei­en nur 3 bis 5 Pro­zent Ge­walt­de­lik­te. Bei der Mehr­zahl hand­le es sich um Pro­pa­gan­da wie Hit­ler­gruß-Zei­gen oder Ha­ken­kreuz­schmie­re­rei­en. „Wir ver­fol­gen ei­ne Null-To­le­ranz-Phi­lo­so­phie und brin­gen al­le Fäl­le zur An­zei­ge.“

Bei den Straf­ta­ten von Links sei der An­teil an Ge­walt­de­lik­ten in et­wa dop­pelt so hoch. Ei­ne Viel­zahl sei als Wi­der­stand ge­gen Staats­ge­walt er­fasst, et­wa bei De­mos und Blo­cka­den. Rech­te Ge­walt rich­tet sich da­ge­gen oft ge­gen fremd wir­ken­de Men­schen. Mi­chel­fel­der be­tont aber: „Es gibt nicht die bes­se­re oder schlech­te­re Ge­walt. Je­de Art ist ver­ach­tens­wert.“

Fo­to: thu­mi

Ralf Mi­chel­fel­der bei sei­nem Vor­trag in Hall.

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