Psy­cho­hy­gie­ne hilft dem Kör­per Bes­se­re Er­folgs­chan­cen durch frü­hes Han­deln

Te­le­fon­ak­ti­on Ess­stö­run­gen, De­pres­sio­nen, Ängs­te: Die See­le kann krank ma­chen. Zur Hei­lung spie­len häu­fig Psy­cho­the­ra­pie und Me­di­ka­men­te zu­sam­men.

Haller Tagblatt - - BLICK IN DIE WELT - Von Iris Hum­pen­öder Die Fra­gen am Te­le­fon

Druck am Ar­beits­platz, pri­va­te Schick­sals­schlä­ge: Wenn die See­le lei­det, kann sich das kör­per­lich be­merk­bar ma­chen. Dass das häu­fig so ist, hat un­se­re Te­le­fon­ak­ti­on am „Welt­tag der see­li­schen Ge­sund­heit“ge­zeigt. Mei­ne er­wach­se­ne Toch­ter hat Haut­pro­ble­me und pa­ni­sche Angst vor Kei­men. Sie macht al­le ver­rückt und wei­gert sich, Hil­fe zu su­chen. Was kann ich tun? Ver­su­chen Sie, ihr deut­lich zu ma­chen, dass ei­ne dia­gnos­ti­sche Ein­schät­zung wich­tig ist. Die­se kann sie in ei­ner psych­ia­tri­schen oder psy­cho­so­ma­ti­schen Am­bu­lanz be­kom­men. Er­klä­ren Sie ih­rer Toch­ter auch, wie sehr

Sie selbst un­ter der Si­tua­ti­on lei­den, ma­chen Sie ihr aber kei­ne Vor­wür­fe. Seit ei­nem hal­ben Jahr füh­le ich mich be­nom­men, mir ist schwind­lig und mein Puls war schon so schnell, dass ich in die Not­auf­nah­me muss­te. Kör­per­lich ist al­les okay. Aber pri­vat muss­te ich in letz­ter Zeit viel weg­ste­cken. Mei­ne El­tern sind ge­stor­ben, eins mei­ner Kin­der wur­de mehr­fach ope­riert. Das hört sich nach ei­ner so­ma­to­for­men Stö­rung an. Ein­schnei­den­de Er­leb­nis­se kön­nen da­zu bei­tra­gen. Stel­len Sie sich in der Am­bu­lanz der psy­cho­so­ma­ti­schen Me­di­zin vor, wo man dann ent­schei­den kann, ob sie am­bu­lant, sta­tio­när oder in der Ta­ges­kli­nik be­han­delt wer­den kön­nen. Ver­mut­lich wird man Ih­nen ei­ne Psy­cho­the­ra­pie an­bie­ten, even­tu­ell be­glei­tend mit Me­di­ka­men­ten. Un­se­re pu­ber­tie­ren­de Toch­ter ist sehr gut in der Schu­le, isst aber sehr we­nig und hat deut­li­ches Un­ter­ge­wicht. Sie hat­te be­reits ih­re Mens­trua­ti­on, die bleibt nun aber weg. Was kann ich als Mut­ter tun? Das hört sich nach ei­ner Anor­ex­ie, al­so ei­ner Ma­ger­sucht an. Blei­ben Sie auf je­den Fall in Kon­takt mit Ih­rer Toch­ter, bie­ten Sie Ihr ei­nen Rah­men, ei­nen struk­tu­rier­ten Ta­ges­ab­lauf. Der Haus­arzt soll­te al­le zwei Wo­chen Blut­wer­te und Ge­wicht kon­trol­lie­ren. Zwin­gen Sie ih­re Toch­ter zu nichts, dro­hen Sie ihr nicht, aber mo­ti­vie­ren Sie sie, sich Hil­fe in der Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie zu ho­len. Ma­chen Sie Ihr klar, dass Ihr Ver­hal­ten ge­fähr­lich ist und ih­re Nie­ren, Kno­chen und Zäh­ne schwer schä­di­gen kann. Sie kön­nen Ihr auch vor­ma­chen, dass es gut ist, sich Hil­fe zu su­chen, und selbst ei­ne An­ge­hö­ri­gen­grup­pe be­su­chen. Sie brau­chen ei­ne am­bu­lan­te The­ra­pie. Da­zu müs­sen Sie sich aber zu­nächst selbst ein­ge­ste­hen, dass Sie es al­lei­ne nicht schaf­fen, Ihr Pro­blem in den Griff zu be­kom­men. Ma­chen Sie sich frei von den Rat­schlä­gen an­de­rer, hö­ren Sie auf sich. Sehr wahr­schein­lich wer­den Sie nicht so­fort ei­nen Ter­min für ei­ne The­ra­pie be­kom­men. Aber blei­ben Sie dran, dann wird es auch ge­lin­gen. We­gen mei­ner psy­chisch be­ding­ten Rü­cken­schmer­zen war ich schon sta­tio­när in der Psy­cho­so­ma­tik. Da­nach ging es mir bes­ser. In der Kli­nik hat man mir ei­ne am­bu­lan­te The­ra­pie emp­foh­len. Ich woh­ne aber auf dem Land und ha­be kei­nen The­ra­pie­platz be­kom­men, in­zwi­schen sind die Schmer­zen wie­der sehr schlimm. Wenn Ihr Lei­dens­druck sehr hoch ist, soll­ten Sie es noch­mals mit ei­ner In­ter­vall­be­hand­lung in ei­ner psy­cho­so­ma­ti­schen Kli­nik ver­su­chen. Soll­ten Sie das In­ter­net nut­zen, kann auch ei­ne un­ter­stüt­zen­de The­ra­pie im Netz even­tu­ell die Zeit über­brü­cken, bis sie doch noch ei­nen The­ra­pie­platz fin­den. Soll­te Sie das in­ter­es­sie­ren, kön­nen Sie bei Ih­rer Kran­ken­kas­se nach sol­chen On­line-An­ge­bo­ten fra­gen. Ich ha­be star­ke Schlaf­stö­run­gen, Herz­ra­sen, Ste­chen im Kopf. Kör­per­lich ist al­les okay. Al­ler­dings ist es für mich im Be­ruf sehr schwie­rig, weil ich kurz vor der Ver­be­am­tung ste­he und mir mei­ne Che­fin nur St­ei­ne in den Weg legt. Zum Psy­cho­lo­gen kann ich nicht, weil ich dann nicht ver­be­am­tet wür­de. Was tun? Stel­len Sie sich in ei­ner psy­cho­so­ma­ti­schen Am­bu­lanz vor. Dort kann das wei­te­re Vor­ge­hen ge­plant wer­den, even­tu­ell auch ei­ne sta­tio­nä­re psy­cho­so­ma­ti­sche Be­hand­lung. Was wird dort ge­macht? Ich den­ke seit Jah­ren nur noch ans Es­sen. Ich ha­be re­gel­rech­te Fres­s­at­ta­cken und auch schon Buli­mie-Pha­sen hin­ter mir. Al­le sa­gen im­mer ichnd „Stell Dich nicht so an“, kann aber ge­ra­de noch so mei­ne Ar­beit er­le­di­gen.

Es fin­den in der Re­gel psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ein­zel- und Grup­pen­ge­sprä­che statt, Sie ler­nen Ent­span­nungs­ver­fah­ren, kön­nen von Kunst- und Mu­sik­the­ra­pie so­wie Sport­an­ge­bo­ten pro­fi­tie­ren. Even­tu­ell wer­den be­glei­tend Me­di­ka­men­te ein­ge­setzt. Und na­tür­lich fin­det im­mer auch ei­ne so­ma­ti­sche Dia­gnos­tik statt, um rein kör­per­li­che Ur­sa­chen aus­zu­schlie­ßen. Ich bin 83 und ha­be seit meh­re­ren Jah­ren ei­ne Angst­stö­rung. Seit dem Tod mei­nes Man­nes wird es schlim­mer. Me­di­ka­men­te hel­fen mir nicht. Ver­su­chen Sie, ei­nen Platz in ei­ner so ge­nann­ten ge­ron­to­psych­ia­tri­schen Kli­nik zu be­kom­men. Dort ist man auf die Le­bens­si­tua­ti­on im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter spe­zia­li­siert. Ich ha­be seit län­ge­rem Ma­genDarm-Pro­ble­me und die Dia­gno­se „Reiz­darm“be­kom­men. Ich bin an­triebs­los und wür­de manch­mal am liebs­ten von der Brü­cke sprin­gen.

ha­ben die Spe­zia­lis­ten für psy­cho­so­ma­ti­sche Me­di­zin Prof. Ha­rald Gün­del, Dr. Eva Ro­ther­mund (bei­de Uni­k­li­ni­kum Ulm) so­wie Prof. Andre­as Sten­gel vom Uni­k­li­ni­kum Tü­bin­gen be­ant­wor­tet. Ihr Ap­pell: Wer un­ter psy­chi­schen Pro­ble­men lei­det, soll­te auf kei­nen Fall zö­gern, sich Hil­fe zu su­chen. In der Re­gel gilt: Je frü­her be­han­delt wird, des­to bes­ser die Er­folgs­chan­cen. Nur der Ge­dan­ke an mei­ne Kin­der und En­kel hält mich zu­rück. Ver­mut­lich steckt ei­ne de­pres­si­ve Er­kran­kung hin­ter Ih­ren Pro­ble­men. Ein Reiz­darm kann durch­aus mit ei­ner de­pres­si­ven Er­kran­kung ver­ge­sell­schaf­tet sein. Las­sen Sie sich von Ih­rem Haus­arzt in die psy­cho­so­ma­ti­sche Am­bu­lanz über­wei­sen. Wie kann man denn ei­ne De­pres­si­on fest­stel­len? Das ge­schieht durch spe­zia­li­sier­te Fra­ge­bö­gen und im Ge­spräch mit dem Psy­cho­the­ra­peu­ten. Ich bin En­de 40, ver­hei­ra­tet, Mut­ter und be­rufs­tä­tig. Ei­gent­lich ist al­les okay. Seit ei­ni­gen Zeit ha­be ich aber nachts Be­klem­mungs­ge­füh­le und Angst. Kön­nen das die be­gin­nen­den Wech­sel­jah­re sein? Das könn­te sein. Mein Rat ist – hor­chen Sie in sich hin­ein: Was könn­te mir gut­tun? Ist es viel­leicht Yo­ga oder Aus­dau­er­sport? Ver­su­chen Sie, wie­der ins Gleich­ge­wicht zu kom­men. Ge­lingt Ih­nen dies nicht, ho­len Sie sich Hil­fe. Je früh­zei­ti­ger dies ge­schieht, des­to bes­ser sind fast im­mer die Chan­cen, Pro­ble­me in den Griff zu be­kom­men. Bald wer­de ich 80. In mei­ner Kind­heit ha­be ich schlim­me Din­ge er­lebt, die ich dank mei­ner tol­len Fa­mi­lie bis­her gut weg­ste­cken konn­te. In letz­ter Zeit bin ich aber häu­fig lust­los und ha­be be­klem­men­de Ge­füh­le. Es kann durch­aus sein, dass mit den Jah­ren al­te Trau­ma­ta auf­bre­chen. Wenn Sie das Ge­fühl ha­ben, es geht Ih­nen schlech­ter, zö­gern Sie nicht, sich psych­ia­tri­sche Un­ter­stüt­zung zu ho­len. War­ten Sie auf kei­nen Fall zu lan­ge ab. Seit 15 Jah­ren ha­be ich Krebs. Bis­her war ich sehr po­si­tiv ein­ge­stellt, ha­be nun aber pri­va­te Pro­ble­me, die ich nur schwer ver­kraf­te. Bei der Che­mo hat­te ich dies­mal auch mehr Ne­ben­wir­kun­gen. Was ra­ten Sie mir? Tu­mor­pa­ti­en­ten kön­nen sich je­der­zeit an die Psy­choon­ko­lo­gie der Kli­nik wen­den, in der sie be­han­delt wer­den. Neh­men Sie das für sich bald­mög­lichst in An­spruch.

Fo­to: ©pau­la­pho­to/Shut­ter­stock.com

Blick nach vorn: Bei see­li­schen Pro­ble­men soll­te man nicht zö­gern, Un­ter­stüt­zung zu su­chen.

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